Märchenzeit Wie die DEFA das Märchen vom "tapferen Schneiderlein" verfilmte

"Das singende, klingende Bäumchen", "König Drosselbart", "Schneewittchen" oder "Frau Holle" sind heute noch gern gesehene DEFA-Märchenfilme. Im September 1956 feierte "Das tapfere Schneiderlein" von Regisseur Helmut Spieß aus Ilmenau Premiere: Es war die erste DEFA-Verfilmung eines Märchens der Brüder Grimm. Mit dabei: Kurt Schmidtchen als Schneiderlein, Christel Bodenstein (die lange Zeit in Leipzig lebte und aus "Das singende, klingende Bäumchen" bekannt ist) als Magd Traute oder Christian Ballhaus (der u.a. an Theatern in Eisenach, Leipzig, Döbeln, Dresden, Radebeul und Gera wirkte) als Knappe Thilo. Allerdings war nicht jeder von der verfilmung überzeugt.

Szenenfoto 'Das tapfere Schneiderlein': mit Kurt Schmidtchen 4 min
Bildrechte: MDR/Progress Film-Verleih/ Waltraut Pathenheimer

Eine Audienz beim König: Das tapfere Schneiderlein wird hier aufgrund seines Gürtels für den starken Ritter "Sieben-auf-einen-Streich" gehalten, und ihm wird ein verlockendes Angebot gemacht. Tötet es zwei gefährliche Riesen, bekommt es die Prinzessin zur Braut und dazu das halbe Königreich. Und es nimmt an: "Topp, es gilt. Ich werde die Riesen töten. Na, wer sieben auf einen Streich schlägt, der braucht sich doch vor zweien nicht zu fürchten."

Keins der überzeugenden DEFA-Märchen

Das gewitzte Schneiderlein mit dem Hang zur Hochstapelei – schließlich handelt es sich bei den legendären geschlagenen Sieben nur um Fliegen – hält, was es verspricht. Es bezwingt die Riesen, bändigt darüber hinaus noch ein unfreundliches Einhorn und besiegt ein zerstörerisches Wildschwein. Auch wenn unser Held gefeiert wird, wirklich bangen kann der Zuschauer um ihn nicht.

V.l.n.r.: Helmut Rudolph (Wildschwein), Kurt Schmidtchen (Das tapfere Schneiderlein)
V.l.n.r.: Helmut Rudolph (Wildschwein), Kurt Schmidtchen (Das tapfere Schneiderlein) Bildrechte: MDR/Progress Film-Verleih/Waltraut Pathenheimer

Böses braucht Dimension, um finster zu wirken – bleibt es blass, wird es harmlos, und das Gute, das sich mit ihm misst, verliert an Strahlkraft. Einhorn wie Wildschwein werden so offensichtlich von Menschen in Tierkostümen verkörpert, dass ihr Auftreten kurios anmutende Harmlosigkeit vermittelt. Und die mit simpelster Intelligenz gewappneten Riesen kommen als wild aussehende, eindimensionale Klamaukbrüder daher, die eigentlich nicht den Tod, sondern Mitleid verdient haben.

Revolution im Märchenland

Am Ende kriegt das Schneiderlein nicht das, was ihm versprochen wurde. Gut so: die Prinzessin ist boshaft und gierig, da ist der Wildschweinfänger mit der herzensguten Magd Traute viel besser dran. Und da der jämmerliche König, die Königstochter und der von Horst Drínda amüsant angelegte, intrigante Prinz Eitel vor dem Schneiderlein und seiner bäuerlichen Anhängerschar ausreißen, fährt es am Ende nicht das halbe, sondern das ganze Reich ein. Als Monarch, der mit Nadel und Faden umzugehen vermag. Die Revolution im Märchenland – erfolgreich abgeschlossen.

Kritische Stimmen zur Verfilmung des Grimmchen Märchens

Nicht jeder aber möchte sich mit diesem Schluss des im September 1956 uraufgeführten DEFA-Films anfreunden. Kritiker Horst Knietzsch gab sich im "Neuen Deutschland" überzeugt, dass die Vorlage überreizt worden ist:

"Was wir bisher noch nicht wussten: die Märchenbrüder Grimm waren geschulte Marxisten. Eine solche 'Bearbeitung' des Grimmschen Märchens zeigt wenig Achtung vor einem literarischen Werk, das seit Generationen zum Märchenschatz des deutschen Volkes gehört."

Szenenfoto 'Das tapfere Schneiderlein': mit Kurt Schmidtchen
Szenenfoto 'Das tapfere Schneiderlein': mit Kurt Schmidtchen Bildrechte: MDR/Progress Film-Verleih/ Waltraut Pathenheimer

Entspannter sah das die "Leipziger Volkszeitung": "Im 'Tapferen Schneiderlein' ist auf glückliche und gelungene Art das gesellschaftskritische Element des Volksmärchens lediglich ausgebaut und logisch fortgeführt worden, zu einer Lösung, die märchenhaft bleibt."

Es gibt sicherlich gelungenere Märchenfilme der DEFA. Dennoch lohnt es sich, "Das tapfere Schneiderlein" anzuschauen, weil die DEFA hier zum ersten Mal einen Stoff der Gebrüder Grimm angeht, weil gezeigt wird, wie schwer es Adlige im sozialistischen Märchen haben und weil das Märchen unterhält – wenn auch gelegentlich unfreiwillig.

Mehr über die DEFA und Filme

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Stichtag | 22. September 2021 | 06:40 Uhr