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Die Doku "Schock Schalom" oder die in Cannes ausgezeichnete Serie "Die Zweiflers" kann man derzeit in der ARD Mediathek streamen. Bildrechte: ZDF/Alexander Dietrich/MDR

Streaming-HighlightsJüdisches Leben in Deutschland – fünf sehenswerte Filme in der Mediathek

14. Juni 2024, 04:00 Uhr

Die ARD Mediathek bietet eine riesige Auswahl an Filmen, Dokumentationen und Serien. Damit Sie den Überblick behalten, stellen wir Ihnen alle zwei Wochen Highlights zum Streamen vor. Dieses Mal geht es um die Frage, was jüdische Identität in Deutschland heute ausmacht. Davon erzählen eine preisgekrönte Serie über eine deutsch-jüdische Familie, eine Doku über das Erbe des Holocaust sowie ein Film über das Leben von Jüdinnen und Juden seit dem Angriff der Hamas auf Israel. Das sind unsere Tipps!

von Lars Meyer, MDR KULTUR

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In den Mediathekstipps geht es dieses Mal um die Frage, was jüdische Identität in Deutschland heute ausmacht. Eine preisgekrönte fiktionale Serie und gleich mehrere Dokus verhandeln das Erbe der Shoah ebenso wie die vielen jüdischen Lebensrealitäten. Auf den Spuren deutsch-jüdischer Familiengeschichte führt die Reise unweigerlich auch nach Irasel. Und doch gibt es für mich in allen Beiträgen, ob explizit benannt oder nicht, einen unsichtbaren Fluchtpunkt. Es ist ein unheilvolles Datum, der 7. Oktober 2023, der alles verändert und die Wirklichkeit in ein davor und ein danach teilt, wie es an einer Stelle heißt. Am Ende landen wir also immer in der Gegenwart.

"Die Zweiflers": Nie wieder Opfer sein

Die Großeltern sind Holocaust-Überlebende. Die Eltern verstehen sich als strenge Traditionshüter. Und die Enkel versuchen verzweifelt, sich freizustrampeln. Eine Familiengeschichte, der niemand entkommen kann. Der Schöpfer der Mini-Serie "Die Zweiflers" David Hadda, selbst Enkel von Holocaust-Überlebenden, wollte so etwas wie die jüdischen "Sopranos" erschaffen. Diese Zielmarke wurde nicht nur erreicht, sondern regelrecht überrannt. Wer hätte gedacht, dass jemals eine Produktion aus Deutschland in Cannes als beste Serie ausgezeichnet würde? Ich jedenfalls nicht.

Im Mittelpunkt steht der florierende Delikatessenladen, den Familienoberhaupt Symcha Zweifler nach seinen halb-kriminellen Anfängen im Frankfurter Bahnhofsviertel erschaffen hat. Und den er nun aufgeben will – es sei denn, es findet sich unter den nach Berlin, Israel und USA verstreuten Enkeln ein würdiger Erbe. Wie selbstverständlich wird Jiddisch gesprochen und werden Klischees mit bissigem Humor gebrochen. Mit sehr viel Witz und Tragik entfaltet sich das Universum einer deutsch-jüdischen Familie, die durch ein oberstes Gebot zusammengeschweißt wird: nie wieder Opfer sein.

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"Die Zweiflers"
Serie, ARD 2024
6 Folgen à ca 55 Minuten
Regie: Anja Marquardt, Clara von Arnim
Show-Runner: David Hadda
Besetzung: Mike Burstyn, Aaron Altaras, Deleila Piasko u.a.

Zu sehen in der ARD Mediathek bis 3. Mai 2025

"Le chaim! Auf das Leben unserer Eltern": Geschichte der Frankfurter Juden

"Wenn du als Jude geboren wist, dann wird dir das mit der Selbstbehauptung in die Wiege gelegt", sagt einer der Protagonisten in dieser Doku, die wie ein direkter Kommentar zur Serie "Die Zweiflers" wirkt. Drei Generationen sitzen auch hier an einem Tisch, in einem Delikatessen-Restaurant in Frankfurt, und lassen angeregt ihre Familiengeschichten Revue passieren.

Sie kamen als sogenannte "DPs" (Displaced Persons) aus den Lagern in die Stadt, die bereit war, sie aufzunehmen, und gründeten neue Existenzen. Oft im Bahnhofsviertel, wo bis heute das Rotlichtmilieu ist. Denn dort konnten sie sich ohne eigenes Geld etwas aufbauen, als Straßenhändler, später als Bar- oder Hotelbesitzer.

Viele Motive aus den "Zweiflers" tauchen in den realen Familien wieder auf, vor allem die Notwendigkeit, zusammenzuhalten, sich zu behaupten, furchtlos zu sein, zurückzuschlagen (und sei es als Boxer) und das nachvollziehbare Misstrauen gegenüber den Deutschen. Zugleich wird die Nachkriegsgeschichte der Stadt Frankfurt erzählt, in der sich eine neue jüdische Gemeinde entwickeln konnte. An sich schon ein kleines Wunder.

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"Le chaim! Auf das Leben unserer Eltern"
Doku, ARD History 2024
Regie: Ilana Goldschmidt, Adrian Oeser
Länge: 51 Minuten

Zu sehen in der ARD Mediathek bis 2. Mai 2026

"Zeitenwende – Jüdisch in Deutschland": Die Welt nach dem 7. Oktober

In dieser Doku kommt eine junge Generation zu Wort, die assimiliert ist und weltoffen. Und der das trotzdem nichts hilft. Denn seit dem 7. Oktober 2023 ist alles anders. Da ist die Studentin, Enkelin einer Holocaust-Überlebenden, die aufgrund der Raketen-Angriffe ihr Auslandssemester in Tel Aviv abbrechen musste und anschließend Morddrohungen erhielt, weil sie auf Social Media für eine differenzierte Sicht auf den Nahostkonflikt warb.

Ein junger israelischer Theatermacher, der in seinen Stücken versucht hat, jüdische Identität auf ironische Weise zu erklären, und nun daran zweifelt, ob er irgendetwas erreicht hat. Und ein IT-Unternehmer, dessen Eltern aus der Sowjetunion kamen, der sich nun auch die Frage stellen muss, wie sicher er in Deutschland ist. Sollte man sich heute noch als Jude zu erkennen geben? Alle sind sich einig: Vorsicht ist geboten. Eine Aussage der Studentin hat mich besonders getroffen: Das neue Ziel, sagt sie, sei jetzt das nackte Überleben.

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"Zeitenwende – Jüdisch in Deutschland"
Doku, ZDF 2024
Regie: Markus Erwig
Länge: 27 min

Zu sehen in der ARD Mediathek bis 14. Januar 2029

"Schock Schalom – jung, jüdisch, jetzt": Auf gepackten Koffern

Auch in dieser Doku geht es um die junge Generation, und sie wirkt wie ein Update zur Doku "Zeitenwende", wenige Monate später. Mit ein wenig Abstand versuchen die jungen Leute aus ganz Deutschland, Strategien für die veränderte Situation zu finden. Und die sind durchaus unterschiedlich. Eine Mutter versucht, alles Politische aus der Familie herauszuhalten, während zwei Stand-up-Comedians sich bewusst ihren Ängsten stellen und sie auf die Bühne bringen.

Auch auf dem Gebiet der Wahlverwandtschaften ist alles in Bewegung. Ein Podcaster hat seine muslimischen Freunde verloren und fühlt sein Herz zu Stein werden. Während eine Schülerin es schafft, ihre Freundschaft zu einer palästinensischen Mitschülerin zu retten durch eine ehrliche Aussprache. Resignation und Hoffnung liegen im Widerstreit miteinander. Und doch sind bei allen die Koffer gepackt, zumindest im Kopf. Nur: Wohin soll es von hier aus gehen?

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"Schock Schalom – jung, jüdisch, jetzt"
Doku, ZDF 2024
Regie: Jan Tenhaven
Länge: 28 min

Zu sehen in der ARD Mediathek bis 7. Mai 2029

"Wir sind alle deutsche Juden": Zwischen Europa und Israel

Sein Vater habe Europa als Linker verlassen und sei als Jude zurückgekehrt, stellt der Publizist und Politiker Daniel Cohn-Bendit fest, in dem von ihm selbst gesprochenen Kommentar zum Film. Die Eltern waren deutsche Juden, die vor den Nazis nach Frankreich flohen und ihren ältesten Sohn Gaby in einem südfranzösischen Dorf versteckten. Genau dort diskutieren die Brüder Gaby und Daniel heute über ihre jüdische Identität. Der Ältere will davon nichts wissen und seine Identität selbst bestimmen. Der Jüngere meint, diese Identität könne man gar nicht abwählen.

Seine Familiengeschichte führt Cohn-Bendit auf eine Reise quer durch Israel, auf der Suche nach Antworten: Was IST sein jüdisches Erbe? Mit ihm erleben wir Judentum in seiner ganzen Vielfalt, aber auch, wie das Land viele Hoffnungen enttäuschte und zu dem Land wurde, das es heute ist. Ein Land im Krieg. Es ist ein persönlicher und politischer Film zugleich.

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"Wir sind alle deutsche Juden"
Doku, NDR 2024
Regie: Niko Apel
Länge: 87 min

Zu sehen in der ARD Mediathek bis 7. November 2024

Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2024 | 08:40 Uhr