Debatte Für mehr Diversität in Theater, Film und Fernsehen

Im SZ-Magazin der Süddeutschen Zeitung formulierte eine Gruppe von Schauspielern und Schauspielerinnen ein gemeinsames Coming-out. Sie möchten etwas ändern, in der Theater-, Fernseh- und Filmbranche, aber auch in unserer Gesellschaft. Derzeit kann man in der Branche nur als Mann oder Frau erfolgreich sein, und am besten, wenn man heterosexuell ist. MDR KULTUR hat dazu mit Heinrich Horwitz gesprochen. Horwitz arbeitet im Deutschen Schauspiel und der Theaterregie. Außerdem im Gespräch ist Karin Hanczewski, bekannt unter anderem als "Tatort Dresden"-Ermittlerin Gorniak.

Karin Hanczewski und Heinrich Horwitz
Karin Hanczewski und Heinrich Horwitz Bildrechte: Brisant/MDR/Andreas Wünschirs

MDR KULTUR: Heinrich Horwitz, wie kommt es eigentlich jetzt zu diesem großen kollektiven Coming-Out? Durch die Zeit, die man gerade vielleicht zum Nachdenken, zum Welt-Neudenken?

Heinrich Horwitz: Das funktioniert, glaube ich, vor allem für privilegierte Menschen, mit dem Corona-Lockdown. Nämlich dann, wenn man sich keine Sorgen um seine Existenz machen muss. Aber ich will die Frage anders beantworten. Es gibt nicht einen richtigen und einen falschen Zeitpunkt für das, was wir da gerade versuchen. Also eine Sichtbarkeit zu erschaffen für marginalisierte Gruppen, zu denen wir alle gehören, ist immer wichtig. Und auch in einer Pandemie. Also, ich glaube, das eine hat mit dem anderen so richtig nichts zu tun.

MDR KULTUR: Karin Hanczewski, beschreiben Sie mal, was läuft denn verkehrt in der Theater-, Fernseh- und Filmbranche?

Karin Hanczewski: Ach, leider Einiges würde ich sagen. Also eins ist evident: Wenn alles richtig laufen würde, dann gäbe es das gar nicht, dass wir das heute tun müssen, dass sich 185 Leute miteinander sichtbar machen müssen, wenn wir bereits sichtbar wären. Aber uns wurde seit Jahrzehnten angetragen, uns eben nicht sichtbar zu machen. Und obwohl man in der Branche sehr wohl geoutet sein kann, wurde uns von verschiedenen Seiten her angetragen, dass wir das nicht öffentlich machen sollen. Und auch die Verantwortung über diese Angst wurde immer weitergegeben. Also es sagen Leute: "Ich habe damit überhaupt kein Problem, aber wenn du es tust, kann ich dich nicht mehr besetzen. Denk an den Zuschauer!" Es gibt ein Problem, wenn ich meinen Beruf nicht mehr ausüben darf, weil ich diesen privaten Aspekt von mir normal und offen lebe, wie es auch andere tun. Und in dem Sinne ist das Private politisch.

MDR KULTUR: Nun sind Sie als Person der Öffentlichkeit auch ein Vorbild. Offenbar aber lässt man Sie das nicht in vollem Maße sein. Woran liegt es? Liegt es an den Rollen oder an der öffentlichen Resonanz darauf?

Karin Hanczewski: Also ich muss sagen, dass die öffentliche Resonanz momentan überwältigend positiv ist. Das heißt, diese Angst, die uns zugeschrieben wurde, die scheint unbegründet zu sein. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
Sie müssen ja nur den Fernseher anschalten und dann sehen Sie, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht. Welche Menschen kommen vor, welche Biografien, welche Identitäten kommen vor? Menschen mit Behinderung kommen z. B. nicht vor. Das ist etwas, was wir verändern möchten. Und dadurch machen wir uns sichtbar. Ich glaube, wenn wir uns sichtbar machen, können auch diese Geschichten im Fernsehen stattfinden, im Film stattfinden, in Drehbüchern. Also dort muss es natürlich beginnen. Ein Drehbuch muss damit beginnen, dass dort nicht nur Hetero-Frauen und -Männer stattfinden. Und wir möchten diesen Dialog beginnen, indem wir uns sichtbar machen. Wir müssen in einen Dialog kommen. Und dann fängt man an zu verstehen. Wir fangen an, einander zu sehen und dann können wir voneinander erzählen.

MDR KULTUR: Das ist also auch eine große Kritik an Film und Fernsehen, an den Massenmedien, die viel "heile Welt" zeigen. Heinrich, wie geht es Ihnen, wenn Sie Fernsehen heute betrachten?

Heinrich Horwitz: Also, ich glaube, dass wir alle in einer Welt groß werden, die ja heteronormativ patriacharlisiert ist. Und Menschen, die aus marginalisierten Gruppen kommen, haben eine Stigmatisierung. Und diese Stigmatisierung wird sozusagen immer dazu genannt. Also, niemand würde von einer weißen Heteroperson sagen: "Das ist XY, sie ist weiß und hetero". Und in dem Fall von vielen von uns, die jetzt Teil der Kampagne sind, wird das immer mitgenannt. Als wäre das wie ein Etikett. Und ich glaube, das ist ja das Tolle daran, das wir jetzt damit an die Öffentlichkeit gehen.
Und das, was gerade öffentlich gesagt wird, dieses: "Also, wir sind doch schon einen Schritt weiter. Es ist doch gar nicht so schlimm!“ Das stimmt nicht. Weil das immer mitgenannt wird. In meinem Fall ist das jetzt: Ich bin nichtbinär. Das ist was, wovon die Menschen jetzt nicht so viel gehört haben, wie von der Homosexualität. Aber das ist sozusagen das Stigma, das wird immer mitgenannt und mitgedacht. Also dieses Selbstverständnis, von dem scheinbar alle immer irgendwie ausgehen, das existiert nicht!

MDR KULTUR: Sie sagten jetzt eben, Sie sind nichtbinär. Wie würden Sie sich denn bezeichnen? Oder möchten Sie sich gar nicht bezeichnen?

Heinrich Horwitz: Es gibt seit anderthalb Jahren ein neues Personenstandsgesetz oder ein geändertes Personenstandsgesetz §145b, nachdem neben den zwei binären, üblichen Geschlechtervorstellungen – also weiblich und männlich – auch eine dritte zur Verfügung steht, das ist gesetzlich. Das heißt, alle nichtbinären Personen haben die Möglichkeit, auch ihren Ausweis zu ändern. In dem Moment, wo ich mich nicht einem dieser Geschlechter zugehörig fühle, bin ich sozusagen weder das eine noch das andere. Also bin ich nichtbinär.

MDR KULTUR: Also trifft auf Sie divers zu?

Heinrich Horwitz: Ja, das ist eine andere Bezeichnung, das meint dasselbe.

MDR KULTUR: Jetzt gibt es auch Stimmen, die sagen: Ach komm, ist das denn im Fernsehen jetzt wirklich so schlecht, wie Sie es machen. Es gibt doch den Tatort mit Ulrike Folkerts.

Heinrich Horwitz: Ich meine, das spricht doch Bände, dass wir immer diese eine Person nennen, weil wir gar keine anderen kennen. Das ist ein sogenannter Token, das ist eine Repräsentationsfigur. Ulrike Folkerts ist eine ganz tolle Schauspielerin, und ich bin froh für die Arbeit, die sie geleistet hat. Und das war für uns alle super wichtig, dass es sie gibt. Aber dass sie sowas wie ein Alleinstellungsmerkmal in der Branche ist, sagt eigentlich alles darüber, warum wir das hier machen.

Das Gespräch führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Februar 2021 | 16:15 Uhr

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