MDR DOK Creative-Film: "Ich weiß nicht" Doku aus Leipzig zeigt, wie Streit über Corona Familien belastet

Die Corona-Pandemie und der Umgang mit ihr hat in vielen Familien, zwischen Nachbarn und in Freundeskreisen zu Streit geführt. Wegen der Angst vor dem Virus, der Leugnung der Gefahr, der Verweigerung von Schutzmaßnahmen, wie dem Tragen von Masken oder der Ablehnung der Corona-Impfung. Auch der Leipziger Filmemacher Jan-Luca Ott hat das Konfliktpotential in Gesprächen mit seiner Mutter bemerkt – und darüber im Rahmen der Filminitiative MDR DOK Creative einen Kurzfilm gedreht: "Ich weiß nicht". Beim Filmfest Dresden feiert der Film Premiere.

Ich weiß nicht 9 min
Bildrechte: MDR/Jan-Luca Ott

Der 29-jährige Filmemacher und Medienkünstler Jan-Luca Ott und seine Mutter, Tanzpädagogin und Integrationskraft in einer Kita, haben eigentlich ein gutes Verhältnis. Doch seit der Pandemie geraten sie immer öfter in Streit. Darüber, wie die Pandemie-Beschränkungen zu bewerten sind, welchen Informationen man Glauben schenkt – und welchen nicht. Jan-Luca Ott beschließt, sich filmisch damit auseinanderzusetzen. Sein knapp zehnminütiger Film "Ich weiß nicht" zeigt Streitgespräche zwischen ihm und seiner Mutter. Im Interview spricht Jan-Luca Ott über die sehr persönlichen Dreharbeiten, die Kamera als neutrale Perspektive und die Beziehung zu seiner Mutter heute.

MDR KULTUR: Die Gespräche, die man in dem Film "Ich weiß nicht" sieht, wirken nicht gestellt. Wie war der Drehprozess? Wurde vorher etwas abgesprochen oder einfach stundenlang die Kamera laufengelassen?

Jan-Luca Ott
Filmemacher Jan-Luca Ott Bildrechte: MDR/Pia Uffelmann

Jan-Luca Ott: Das war so ein Dahinführen. Ich hatte die Kamera dabei, war dann bei meiner Mutter in Hessen ein paar Tage zu Besuch. Ich habe die ersten fünf Tage erstmal nicht gedreht, sondern zuhause einfach einen Mutter-Sohn-Urlaub gemacht. Als ich dann fast schon keine Lust mehr auf dieses Diplomatische hatte, meinte sie "Komm, wir machen das". Und dann war sie eigentlich der Initiator, zumindest für den ersten Dreh. Und dann haben wir einfach die Kamera hingestellt und ziemlich lange laufen lassen und vor der Kamera gesprochen. Am Ende sind 40 bis 50 Stunden Drehmaterial entstanden.

Das große Experiment ist eigentlich, wie man mit der Kamera emanzipatorische Potenziale schaffen kann, indem man die Kamera als dritte, neutrale Perspektive mit reinholt. Und das in einer Situation, die eigentlich verfahren ist.

Was war die Motivation, diesen Film zu machen?

Szene aus dem Dokumentarfilm Ich weiß nicht
Die Mutter von Jan-Luca Ott Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die gibt es schon ziemlich lange – und hängt gar nicht nur mit Corona zusammen. Ich habe nach der Scheidung meiner Mutter gemerkt, wie sie das erste Mal in prekäre Arbeitsverhältnisse gekommen ist. Und dann habe ich beobachtet, dass ein gefühlter Verteilungskonflikt entsteht. Ich glaube, der Grund, warum meine Mutter so eine kritische Haltung gegenüber den Corona-Maßnahmen eingenommen hat, hing eigentlich damit zusammen, dass sie sozusagen an vorderster Front diese Pandemie in einer Kita bewältigt hat – die nicht schließen konnte, da sie in einem prekären Bezirk in Marburg liegt und die Kita dadurch ein Schutzraum ist, auch vor häuslicher Gewalt.

Meine Mutter hat sich da alleine gelassen gefühlt, weil sie als einfache Arbeitnehmerin immer die ganzen Pandemie-Maßnahmen auch verkaufen musste. Arbeitsverhältnisse spielen da doch eine große Rolle. Und das interessiert mich im großen Ganzen. Da ist der Kurzfilm noch nicht das letzte Wort, da will ich noch ein größeres Projekt draus machen.

Der Film ist sehr persönlich und zeigt die schwierige Kommunikation mit der Mutter. Sowas passiert auch bei vielen anderen Menschen momentan im Gespräch mit ihren Eltern. War das ein Anliegen, die Problematik auszudrücken, die viele gerade spüren?

Ja schon, durchaus. Das habe ich auch bei mir im Klassenverband gemerkt [Medienkunstklasse an der HGB, Anmerkung der Redaktion], da sind einige Leute, die jetzt gar nicht mehr mit ihren Eltern sprechen. Das habe ich von mehreren gehört.

Und dafür lohnt sich der Film, um zu zeigen: Bleibt im Gespräch! Auch wenn das nicht immer einfach ist. Da habe ich es wahrscheinlich noch besser als andere, weil ich ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter habe, sodass ich den Zugang zu ihr finde. Da habe ich gemerkt, dass die Kamera etwas bringt. Sie ist viel diplomatischer – und ich wahrscheinlich auch – wenn die Kamera läuft.

Szene aus dem Dokumentarfilm Ich weiß nicht
Szene aus dem Dokumentarfilm "Ich weiß nicht": Filmemacher Jan-Luca Ott hat sich mit seiner Mutter über Corona unterhalten und dabei einfach die Kamera laufen lassen. So sind bis zu 50 Stunden Filmmaterial entstanden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jetzt hat sich die Corona-Lage deutlich entspannt, im Vergleich zum Dreh des Films im Frühjahr. Hat sich durch die Auseinandersetzung mit der Mutter etwas in der Beziehung geändert?

Es ist eine Debatte, die wahnsinnig präsent geworden ist, dadurch, dass wir jetzt monatelang das Thema so hin- und hergeschoben haben. Im Moment ist es für unsere Beziehung gut, dass wir das Thema auch ruhen lassen. Um mal zu schauen, was in zwei, drei Monaten ist, ohne sich weiter unter Druck zu setzen. Es schließt dann wieder an den letzten Satz in dem Film an "Du musst mich ja auch nicht überzeugen".

Inwiefern wirkt sich die Debatte über Corona heute noch auf die Beziehung aus?

Es hat schon zwei Positionen erzeugt, die sich immer mal wieder aneinander reiben. Wir haben nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis. Und manchmal ist Corona auch nicht Thema. Es ist interessant, finde ich, dass sie viel mehr Mitteilungsbedürfnis in der Sache hat, als ich. Sie bringt das Thema viel öfter, als ich selbst das mache. Aber insgesamt hat es nicht viel in unserer Beziehung verändert. Das ist auch das Gute, dass unser gutes Verhältnis diesen Konflikt ganz gut tragen konnte.

Das Interview führte Pia Uffelmann für MDR KULTUR.

Über Jan-Luca Ott Jan Luca Ott studiert seit 2018 in der Klasse "Expanded Cinema" bei Prof. Clemens von Wedemeyer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Er ist Stipendiat der der Studienstiftung des deutschen Volkes und als freier Künstler tätig sowie als Regisseur, freier Autor, Editor und Kameramann im Bereich Film und Fernsehen.

Zur Dokumentarfilm-Initiative MDR DOK Creative Der Film "Ich weiß nicht" ist einer von acht Kurzdokumentarfilmen der Filminitiative MDR DOK Creative.

Unter dem Motto "Neustart! Neustart?" hatte der Mitteldeutsche Rundfunk Filmschaffende zur Teilnahme bei der Initiative aufgerufen – mit dem Ziel, die Branche zu stärken. Die Produktion von acht dokumentarischen Kurzfilmen wurde vom MDR mit 100.000 Euro finanziert.

Die acht ausgewählten Projekte feiern exklusiv beim 33. Filmfest Dresden am 15. Juli Premiere auf der großen Leinwand.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juli 2021 | 18:05 Uhr

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