MDR DOK Creative-Film "Morgengesang mit Autobahn" Vom Lärm zur Ruhe: Der Ornithologe und Künstler Patrick Franke

"Birding" oder Vogelbeobachtung ist ein Hobby, das in der Corona-Pandemie viele Fans gefunden hat. Heimische Vögel beobachten, ihrem Gesang lauschen, die Natur und Umgebung neu entdecken. Der gebürtige Sachsen-Anhalter Patrick Franke macht das beruflich. Er ist Ornithologe und "Sound Recordist", Franke hat an der HGB Leipzig studiert und macht aus Vogelgesang Klangkunst. Die Filmemacher Marc Eberhardt und Jonas Eisenschmidt haben ihn im MDR DOK Creative-Film "Morgengesang mit Autobahn" porträtiert, der beim Filmfest Dresden Weltpremiere feiert.

Morgengesang mit Autobahn 12 min
Bildrechte: MDR/Marc Eberhardt

Morgens in aller Frühe aufstehen, zur Arbeit fahren und sich dann auch noch darauf freuen, dass der Tag schon um vier Uhr beginnt? Was für viele eher nach einem Albtraum klingt, ist für den Ornithologen und "Sound Recordist" Patrick Franke pure Leidenschaft: "An 90 Prozent aller meiner Arbeitstage denke ich: Wow, das hättest du dir nie träumen lassen. Das ist die beste Entscheidung deines Lebens gewesen, du machst genau das, was du willst.

Für mich ist das cool, um zwei Uhr aufzustehen und irgendwohin zu fahren, um dann morgens Vögel zu beobachten. Ich lerne da jeden Tag was und denke: Wow, alles richtig gemacht.

Patrick Franke, Ornithologe und Künstler

An so einem Arbeitstag gehören zu Frankes wichtigsten Arbeitsutensilien Fernglas, Wasserflasche und manchmal auch sein Soundequipment. Denn wenn er nicht gerade Vögel beringt oder Bestände erfasst, interessiert er sich vor allem für ihren Gesang, ihre Geräusche, ihre Kommunikation. Dann nimmt er nach Feierabend noch die Töne der Tiere auf, erstellt Soundcollagen.

Kindheit zwischen Neubau und Gartenhäuschen

Das war nicht immer so. Vor 20 Jahren habe ihn vor allem der Lärm, der ihn heute störe, interessiert. Der Fokus hat sich dann auf den Vogelgesang verschoben. Irgendwann fing er an, statt des Lärms den Gesang der Vögel aufzunehmen, ihn abstrakt abzuwandeln, mit dem Vogelgesang zu arbeiten. Das macht er heute vor allem in Sachsen-Anhalt, während er zwischen Leipzig und Berlin pendelt. In der Großstadt zu leben und dennoch unentwegt in der Natur zu sein, erinnert Franke stark an seine Kindheit.

Aufgewachsen ist er zwischen Haldensleben und Magdeburg, zwischen Neubau und Gartenhäuschen. "Ich war kein Wohnungskind, ich habe kein Fernsehen geguckt, ich war immer draußen. Und ich glaube, es gab kein spezielles Interesse, es war immer das draußen sein. Ich kann mich auch erinnern, dass ich mich als Kind manchmal einfach auf eine Wiese gelegt habe und hab das einfach auf mich wirken lassen."

Eine Doku zeigt seine Arbeit

Im Rahmen von MDR DOK Creative haben die Filmemacher Marc Eberhardt und Jonas Eisenschmidt den Feldbiologen porträtiert. Der Film "Morgengesang mit Autobahn" begleitet den Künstler und Feldbiologen bei seiner konzentrierten Arbeit. Franke wird hier als Vertrauter der Natur gezeigt, die er mit seinen Aufnahmen archiviert, zum Miterleben einlädt: Genau das schätze er an seiner Arbeit: "Das finde ich so toll an Sound, einen Menschen woanders hineinversetzen können, auch wenn es natürlich eine Aufnahme ist und keine eins zu eins Abbildung.

Ein Mann sitzt auf einer Wiese zwischen zwei Felsen
Patrick Franke bei einer Soundaufnahme in der Natur. Bildrechte: MDR/Marc Eberhardt, Jonas Eisenschmidt

Es ist wie eine Reise. Ich finde es cool, meine akustischen Erfahrungen und Erlebnisse anderen Leuten mitgeben zu können.

Patrick Franke, Ornithologe und Künstler
Ein Mann auf einem Fahrrad 5 min
Bildrechte: MDR/Marc Eberhardt, Jonas Eisenschmidt

Von der HGB zur Ornithologie

Das Interesse an Sound begleitete Franke schon früh. Ende der 90er zog er nach Leipzig, fing an, sich für experimentelle Musik zu begeistern. Kurze Zeit später lernte er zwei Studenten der Medienkunst kennen, die sein Talent entdeckten und ihn zu einem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst motivierten. Vorgeschlagen, getan. 2002 startete er an der HGB, probierte sich darin aus, was es heißt, in der Leipziger Kunstwelt zu arbeiten. Auch wenn er später merkte, dass diese Welt nichts für ihn sei, traf er hier wichtige Menschen, wie etwa den Künstler Ingo Garschke, der sein heutiges Schaffen beeinflusst habe:

"Der wollte den Sachen auf den Grund gehen. Er hat sehr viele tote Tiere seziert, was nicht jedermanns Sache ist und gesagt: 'Wenn ich einen Vogel zeichnen will, muss ich wissen, wie der innen aussieht.' Ich glaube, für mich war das mit dem Sound dann genauso zu sagen: 'Wenn ich wissen will, wie der Gesang einer Sperbergrasmücke aufgebaut ist, dann nützt es mir nicht, wenn ich mir nur die Art angucke, sondern ich muss das Individuum anschauen.'"

Ornithologe und Sound Recordist Patrick Franke 3 min
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Patrick Franke ist Ornithologe. Mit dem Vogelgesang setzt er sich auch künstlerisch auseinander, wie die MDR DOK Creative-Doku "Morgengesang mit Autobahn" zeigt. Hier ein Beispiel seiner Klangkunst.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 14.07.2021 18:05Uhr 03:17 min

https://www.mdr.de/kultur/kino-und-film/audio-soundcollage-ornithologe-patrick-franke-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK/Patrick Franke

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Vögel beobachten auf hoher See

Dazu hat Franke in seinem Beruf als Ornithologe viel Zeit. Hier ist er auch wieder durch einen Zufall gelandet. Kurz nach seinem Studium fragte ihn jemand, ob er sich vorstellen könne, auf eine Vogelinsel zu fahren. Anschließend bekam er das Angebot, als Ornitholge zu arbeiten. Geld verdienen mit Seevogelbeobachtungen? Für Franke ein Traum.

Blick von einem Schiff aufs Meer
Auch auf hoher See hat Patrick Franke Vögel beobachtet. Für Franke ein Traumjob. Bildrechte: MDR/Marc Eberhardt, Jonas Eisenschmidt

Er stieg ein in die Szene, verbrachte viele Jahre auf Schiffen, verpasste dafür manchmal sogar Beerdigungen und Zahnarzttermine. Auch Beziehungen scheiterten in dieser Zeit. Trotzdem ist er bis heute seinem Beruf treu geblieben, auch, wenn er mittlerweile nicht mehr auf hoher See, sondern besonders in Sachsen-Anhalt unterwegs ist, um nach Vögeln Ausschau zu halten.

Die Szene sollte gleichberechtigter werden

Ist das Leben eines Ornithologen denn ein sehr einsames? Franke kann das verneinen. Auch wenn er es schätze, sich oft allein in die Natur zurückzuziehen, kenne er viele Menschen, die auch mal in größeren Gruppen unterwegs sind, sich gegenseitig bei der Vogelbestimmung unterstützen.

Weltweit ist er vernetzt, berichtet über Gruppen wie den "Feminist Bird Club", der sich für eine gleichberechtigtere Ornithologie einsetzt. Auch Franke findet das wichtig. Er glaube, dass sehr viele Menschen in der Szene, wie sie jetzt strukturiert sei, keinen Spaß haben: "Das habe ich selber auch in einem Verein gesehen, wo nicht nur Frauen, sondern auch Angehörige von Minderheiten kamen und die Leute komplett ignoriert wurden." Franke ist es eine Herzensangelegenheit, dass die Ornithologie, besonders in Deutschland, diverser wird. Er ist progressiv und schaut über den Tellerrand – das wird spürbar.

Die Spuren des Klimawandels

Auch die Folgen des Klimawandels gehen nicht spurlos an ihm vorbei. Bei seiner Arbeit bemerke er diese. Zum Beispiel dadurch, dass in manchen Gebieten nach Waldbränden einfach Vogelarten verschwunden seien. Für Franke ist das schlimm mitanzusehen. Genauso wie die Entwicklungen in der Corona-Pandemie: "Als es losging mit dem ersten Lockdown war das ja ein Riesenthema in allen Medien: Jetzt geht’s los, die Menschen gehen raus, entdecken sich und die Natur wieder. Und Wochen später, was ist davon übrig geblieben? SUVs, riesige Campingbusse, die zu tausenden verkauft werden, auf Jahre vorausgebuchte Ferienhäuser in Norwegen. Vielmehr ist es leider nicht."

Ein Mann schaut durch ein Fernglas
Bildrechte: MDR/Marc Eberhardt, Jonas Eisenschmidt

Der Ornithologe begrüße es zwar, dass die Leute rausgehen, sein Wunsch sei nur, dass sie sich auch wirklich für die Umwelt interessieren, die sie betreten. Sie wahrnehmen, aufmerksam sind. Seine Message an wirklich Interessierte ist simpel: Man brauche nicht mehr als ein Fernglas und die eigenen Ohren. "Wenn Du laut bist, kannst Du nichts hören. Wenn Du irgendwo eindringst, dann hören Tiere auf zu kommunizieren, außer, dass sie vielleicht Warnrufe machen. Das funktioniert nicht."

Setz dich hin, beobachte und gucke einfach, was passiert. Und ich finde, mit diesen wenigen Regeln werden die Leute ganz viel gewinnen und alle anderen auch.

Patrick Franke, Ornithologe und Künstler

In der alltäglichen Geräuschkulisse findet Patrick Franke Tiefe und zollt der Natur Respekt. Vielleicht folgen bald noch mehr Leute dem Ruf der Natur auf Frankes Art und Weise.

Zur Dokumentarfilm-Initiative MDR DOK Creative Der Film "Morgengesang mit Autobahn" ist einer von acht Kurzdokumentarfilmen der Filminitiative MDR DOK Creative.

Unter dem Motto "Neustart! Neustart?" hatte der Mitteldeutsche Rundfunk Filmschaffende zur Teilnahme bei der Initiative aufgerufen – mit dem Ziel, die Branche zu stärken. Die Produktion von acht dokumentarischen Kurzfilmen wurde vom MDR mit 100.000 Euro finanziert.

Die acht ausgewählten Projekte feiern exklusiv beim 33. Filmfest Dresden am 15. Juli Premiere auf der großen Leinwand.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juli 2021 | 18:05 Uhr

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