"NichtStadt" Gentrifizierung in Jena: Doku begleitet Kampf um Kulturräume

Jena wächst. Insbesondere die Universität lockt Menschen in die Stadt. Wie in vielen anderen Städten wird der Platz enger. Wer es sich nicht mehr leisten kann, muss weichen oder aber einen neuen Platz suchen. Die Doku "NichtStadt – Portrait eines Fortschritts" von Pablo F. Mattarocci erzählt, wie die Menschen um ihre Freiräume kämpfen – und scheitern.

Die Betreiber des Kultur-Cafés "Wagner", die Bewohner der Wagenplatz-Gemeinschaft "Achse e.V.", die Fans des FC "Carl Zeiss" – alle von ihnen leben gern in Jena, wenn auch nicht mehr so gern wie vor zwei Jahren.

Auch die Bewohner des soziokulturellen Hauses "Die Insel" sind bedient. Nur wenige Minuten von der Universität Jena entfernt stand das gelbe Haus. Besonders auffällig waren die Graffiti und die Efeu-Ranken an der Fassade. 2019 pulsierte hier noch das (Kultur-)Leben: Oft fanden Theaterstücke, Partys oder Konzerte statt. Aber: Das Haus soll für einen modernen Uni-Campus weichen, mit dem die Stadt sich schmücken will. Doch die Betreiber und Bewohner des Hauses wollen sich nicht ohne Widerstand an den Stadtrand drängen lassen.

Was macht Jena aus?

Pablo F. Mattarocci macht diesen und andere Kämpfe zum Thema seines Dokumentarfilms "NichtStadt". Der Regisseur studierte selbst in der thüringischen Stadt. Er habe beobachtet, wie solche Projekte wie "Die Insel" immer wieder Schwierigkeiten hatte, sich über Wasser zu halten, erzählt der Filmemacher. "Es war mir einfach wichtig, das festzuhalten und auch den nachfolgenden Leuten zu zeigen: In dieser Stadt hat es Sachen gegeben, wofür Leute sich eingesetzt haben."

Das soziokulturelle Zentrum "Insel" auf dem Inselplatz in Jena wird abgerissen
Das soziokulturelle Zentrum "Insel" in Jena musste einem neuen Campus weichen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bereits 2013 stellen die "Insel"-Bewohner den Antrag, in die Pläne für den neuen Campus integriert zu werden. Doch in der entscheidenden Abstimmung im Stadtrat meldeten sich nicht genug Stadträte für das Wohn- und Kulturprojekt.

Blick von oben auf die Baustelle.
Um mehr Studierende nach Jena zu locken soll die Uni wachsen. Bildrechte: Jens Meyer/Universität Jena.

Die Wut über die Entscheidung entlädt sich direkt in einer kurzen symbolischen Besetzung des Stadtrats. Die "Insel"-Bewohner fragen sich, ob das noch Demokratie ist. "Ich habe die Befürchtung, dass die Stadt sich selber das abschneidet, was sie sich immer auf die Fahnen schreibt", erklärt Kirsten Limbecker vom Verein "Die Insel". "Wir sind eine kreative, junge, lebendige, bunte Stadt, die für Weltoffenheit und Vielfalt steht. Wenn die Stadt sich die nächsten fünf bis zehn Jahre so weiterentwickelt, wird sie das nicht mehr sein."

Der Geist der Gentrifizierung

Jena ist eine der teuersten Städte Ostdeutschlands. Wie in vielen Städten geht auch hier der Geist der Gentrifizierung um. Wer sich die Innenstadt nicht mehr leisten kann, muss an den Stadtrand ziehen. Eine normale Entwicklung, finden viele. Doch für andere ist der Preis zu hoch.

Ein Mann ruft Fans im Stadion Jena etwas zu.
Die Initiative "Südkurve bleibt" kämpft um Mitbestimmung beim Stadion-Umbau. Bildrechte: Pablo Mattarocci

Ein Beispiel: Die "Südkurve" ist der Fanblock des FC "Carl Zeiss" Jena mit langer Tradition. Aber das Stadion wird modernisiert und die Südkurve soll zur Gästekurve werden. Für die Fans ist es ein Identitätsverlust. Sie fragen sich: Wer bestimmt über die Stadt? "Es gibt Dinge, die über Generationen erhalten bleiben und für uns ist das die Kurve", erklärt Tony Schley von der Initative "Südkurve bleibt!". "Deswegen lohnt es sich, dafür einzustehen."

"Es ist auch nicht utopisch, was wir fordern. Es sind alles Dinge, die nachvollziehbar sind, die umsetzbar sind. Wir haben die Konzepte selber auch so erarbeitet und deswegen stehen wir auch nach wie vor dazu", stellt Schley klar. Die Fan-Initiative versteht die Welt nicht mehr. Sie wollen gehört werden und über ihre Stadt mitbestimmen.

Kampf um Platz

Wem sollte Jena gehören, wenn nicht ihren Bewohnerinnen und Bewohnern? Für Mattarocci ist die Antwort einfach: "Idealistisch gesprochen gehört die Stadt den Menschen, die drin leben." Dass es aber nicht so einfach ist, weiß der Regisseur auch: "Das Ideal fängt an zu bröckeln in einer teuren Stadt, weil dann nur noch die Leute dort leben, die sich die Stadt leisten können."

Blick auf einen verschneiten Platz mit alten, hölzernen Wohnwagen.
Der Wagenplatz musste aus der Innenstadt von Jena und einem Parkplatz weichen. Bildrechte: Pablo Mattarocci

Manchmal will sich die Stadt auch nicht alle Menschen leisten will: Eine Gruppe von ungefähr 20 Leuten lebt seit vielen Jahren auf einem Wagenplatz in Jena – unter der Duldung der Stadtverwaltung. Sie sind der Verein "Auf Achse". "In dem Wohnblock, in dem ich vorher gewohnt habe, das war für mich immer so ein Gefühl, als ob das irgendwie so eine Wabe in einem Bienennest wäre: Über mir wohnte jemand und unter mir wohnte auch jemand", erklärt ein junger Mann mit Brille, der sich Lolo nennen lässt. "Ich sehe den Platz als Freiraum, als Spielwiese, als Begegnungsstätte, als Veranstaltungsort und auf jeden Fall als Zuhause an."

Blick von unten auf den Rohbau eines hohen Gebäudes und einen Kran.
Der Film "NichtStadt" verfolgt auch die Veränderung in Jenas Stadtbild. Bildrechte: Pablo Mattarocci

Lange Zeit hoffen die Menschen auf dem Wagenplatz, dass sie die Abmachung mit der Stadt bestehen bleibt und sie auf dem Gelände bleiben können. Aber Anfang 2019 kommt es auch hier zur Räumung. Alle Bemühungen waren vergeblich. Statt Wohnwagen sollen dort in Zukunft einfache Autos stehen – auf einem Parkplatz.

Veränderung ist unaufhaltsam

Thomas Nitzsche vor der Tür des Rathauses
Jenas Oberbürgermeister sieht die Änderungen in der Stadt als unausweichlich an. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Der Film zeigt, wie verschieden die Interessenslagen in einer Stadt sein können und vielleicht auch sein müssen. Jena boomt und hat enormen Platzbedarf. Das geht oft zu Lasten der Schwachen, die sich kaum wehren können. Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche kennt da wenig Mitleid. Der FDP-Politiker ist der Meinung, dass sich die Veränderungen nicht vermeiden lassen. "Wir werden immer versuchen, das behutsam und fair im Umgang zu machen, aber das wird passieren müssen", erklärt er in einer Rede.

Der Film konfrontiert Nitzsche nicht direkt mit den Folgen seiner Räumungspolitik, sondern zeigt ihn nur bei öffentlichen Auftritten. Das Film-Team hatte zwar ein Interview angefragt, doch wurde immer wieder "vertröstet". Inzwischen ärgert sich Mattarocci, dass sie den Politiker nicht sprechen konnten. "Würde ich den Film heute drehen, würde ich mich vor irgendein Gebäude stellen und versuchen, die Person abzufangen."

Menschen in Jena demonstrieren gegen Gentrifizierung. Auf einem Plakat wird Enteignung gefordert.
Der Film "NichtStadt" bleibt vor allem nah bei den Betroffenen. Bildrechte: Pablo Mattarocci

Wer Jena verändern will

"NichtStadt" heißt die Dokumentation – eine ironische Umkehrung von "Lichtstadt", wie sich Jena gerne nennt. Chronologisch erzählt der Film, wie die Stadt ihr Gesicht verändert. Dass das nicht jedem gefällt, ist klar. Doch etwas mehr Teilhabe an demokratischen Entscheidungen wäre zu wünschen. Denn was bedeutet Demokratie, wenn man zwar alles sagen kann, aber nicht gehört wird.

Pablo Mattarocci
Dokumentarfilmer Pablo Mattarocci wollte die Menschen zeigen, die Jena gestalten wollten. Bildrechte: MDR/artour

Auch das Kulturzentrum "Die Insel" muss weichen. Es wird verlegt an den Stadtrand, wo es weniger stört. Das gewachsene und mit Efeu bewachsene Haus wird abgerissen. Der Dokumentarfilm dokumentiert ein Scheitern: "Es ist schon eine Abrechnung mit der Stadt", stellt Mattarocci klar. "Der Abriss von dem Haus in dem Film ist für mich ein starkes Symbol von Ideal und Utopie. Dass das am Schluss fällt, tut weh." So steht der Film vor allem auf der Seite von Menschen, die ihre Stadt mitgestalten wollen. Das ist einseitig, aber auch aufschlussreich.

Weitere Informationen "NichtStadt – Portrait eines Fortschritts"

Regie: Pablo F. Mattarocci
Kamera: Thai Thai Pham
Schnitt: Maksim Mladzinau

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