Interview mit Leiterin Jana Cernik Kurzfilme von der Nische in die Primetime: Wofür die AG Kurzfilm aus Dresden kämpft

Seit 20 Jahren engagiert sich die AG Kurzfilm aus Dresden für Kurzfilmproduktionen in Deutschland. Denn nach wie vor wird das Genre weniger beachtet und gefördert als Langspielfilme. Im Interview mit MDR KULTUR erzählt Geschäftsführerin Jana Cernik
woran das liegt, was einen Kurzfilm von Social-Media-Videos unterscheidet und wie der Verband mehr Sichtbarkeit erreichen will.

Jana Cernik, Geschäftsfühererin der AG Kurzfilm.
Feiert mit der AG Kurzfilm in Dresden 20-jähriges Jubiläum: Geschäftsführerin Jana Cernik. Bildrechte: MDR | unicato

MDR KULTUR: Der Kurzfilm steckt gegenüber dem Langfilm zurück, was die Förderung in Deutschland angeht. Warum?

Jana Cernik: Das ist eine strukturelle Benachteiligung und ich glaube, es liegt daran, dass viele denken, Kurzfilme sind ja nur eine Fingerübung. Das sind gar keine richtigen Filme und keine richtigen Filmemacher. Ich denke damit tut sich die Filmbranche keinen guten Dienst, weil das sind alles Professionelle, die sich bewusst für die kurze Form entschieden haben, weil sie deren Inhalt einfach entspricht. Das ist einfach eine ästhetische Entscheidung. Im Kurzfilm kann man schneller auf den Punkt kommen und auch mehr experimentieren. Man kann neue Sachen ausprobieren und zum Beispiel verschiedene Formate wie Dokumentarfilm und Animationsfilm leichter kombinieren. Also die Möglichkeiten, die Film in sich hat, die trägt der Kurzfilm.

Wo kann man Kurzfilme abseits von Festivals eigentlich sehen? Ist beispielsweise im Fernsehen genug Platz dafür?

Ich denke ja. Man müsste den Kurzfilm allerdings ein bisschen aus dieser Verbannung herausnehmen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen könnte noch viel mehr und vor allem auch zu anderen Zeiten Kurzfilme zeigen, nicht immer um 3 Uhr nachts. In den Kinos könnten sie natürlich auch laufen. Wir haben Kurzfilmverleiher in Deutschland, die mit den Kinos in Verbindung stehen. Das ist aber noch einmal ein anderes Thema angesichts der Situation, was die Kinos jetzt nach Corona erwartet. Man kann Kurzfilme zum Beispiel auch beim bundesweiten Kurzfilmtag sehen, am kürzesten Tag des Jahres, am 21. Dezember. Da haben wir so an zwischen 300 und 400 Veranstaltungen bundesweit. Man kann entweder selber mitmachen und Kurzfilme zeigen oder hingehen.

Die Bereitschaft Kurzfilme zu sehen ist theoretisch ziemlich groß. Die sozialen Medien sind voller Kurzfilme diverser Art und verschiedenster Qualität. Eigentlich gibt das Netz eine Millionen Möglichkeiten - werden die genug genutzt?

Kurzfilme, die auf Festivals laufen, sind eine andere Kategorie als Kurzfilme, die auf YouTube zu sehen sind. Denn Kurzfilme auf Festivals durchlaufen einen Filter: Es gibt eine Sichtungskommission, es gibt eine Jury. Das ist ein relativ wichtiger Qualitätsunterschied. Wir haben einfach mal festgestellt, es gibt so an die 2.500 Kurzfilme, die in Deutschland produziert werden. Durch unsere Filter, verschiedene Auswahlgruppen, laufen ungefähr 300 Filme.

Das ist wichtig zu sehen, weil immerhin sind das wirklich auch Menschen, die das entweder studiert oder sich ihr Leben lang damit auseinandergesetzt haben. Das sind aus unserer Sicht Profis. Da würde ich auch gerne einen Unterschied machen. Warum das klassische Publikum das im Fernsehen und Kino nicht sieht, hängt natürlich an den Medien selber. Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Kinos Kurzfilme nicht auswählen und zeigen, dann gibt es auch kein Publikum.

Was würden Sie sich für die nächsten 20 Jahre AG Kurzfilm wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass es einfach mehr Fördermittel gibt in den verschiedensten Bereichen und dass man mit dieser Gegeneinander-Ausspielung zwischen Lang- und Kurzfilm aufhört. Dokumentarfilme haben es auch nicht leicht. Es ist so, als ob der fiktionale Langfilm quasi das Höchste ist, und danach kommen die anderen. Im Endeffekt ist aber alles nur Film, der Inhalte auf eine ganz bestimmte Art und Weise verarbeitet. Und das ist sehr wichtig. Ich würde mir auch wünschen, dass man mehr in Filmbildung investiert. Auch Kurzfilme eignen sich sehr gut in den Schulen. Und ich würde mir wünschen, dass der Kurzfilm in der Primetime im Fernsehen läuft und das die Kinos mehr Mut haben und auch Kurzfilme noch verstärkter zeigen.

Mehr Informationen "A Wall is a Screen" - Jubiläumsveranstaltung 20 Jahre AG Kurzfilm
13. September, 20 Uhr

Treffpunkt:
GEH8 Kunstraum und Ateliers e.V.
Gehestraße 8
01127 Dresden

An verschiedenen Orten und Projektionswänden werden Kurzfilme gezeigt. Die Veranstaltung ist kostenlos.

Das Filmkollektiv "A Wall Is A Screen" im Gespräch mit unicato. 9 min
Bildrechte: MDR unicato

unicato Do 16.06.2022 00:10Uhr 08:58 min

Rechte: MDR unicato

Das Filmkollektiv "A Wall Is A Screen" im Gespräch mit unicato. 9 min
Bildrechte: MDR unicato
9 min

unicato Do 16.06.2022 00:10Uhr 08:58 min

Rechte: MDR unicato

Video

Das Gespräch hat Moderator Vladimir Balzer für MDR KULTUR geführt.
(Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner)

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