Rezension Politisch und zutiefst menschlich: Andreas Dresens neuer Film "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush"

Andreas Dresen gilt wie kein anderer Regisseur als Stimme der Ostdeutschen, mit "Gundermann", "Halbe Treppe" oder der Verfilmung von Clemens Meyers Roman "Als wir träumten". Jetzt erzählt er die atemberaubende Geschichte von Murat Kurnaz in einem politischen Film, der zugleich wütend und hoffnungsvoll macht: Als türkischer Staatsbürger in Bremen aufgewachsen, verschwindet Kurnaz 2001 zu Unrecht im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba – bis seine Mutter Rabiye (Meltem Kaptan) wie eine Löwin um seine Freilassung zu kämpfen beginnt.

Filmszene: Anwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) und Murats Mutter, Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) beim Schweigemarsch in Washington
Alexander Scheer spielt Anwalt Bernhard Docke, der mit Murats Mutter, Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) vor dem Obersten Gericht der USA in Washington um Murats Freilassung kämpft. Bildrechte: Pandora Film / Foto: Andreas Höfer

"Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" ist die Geschichte einer Bremer Hausfrau und Mutter, die sich mit dem mächtigsten Mann der Welt anlegt, George W. Bush, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. 2001 wird Murat Kurnaz in Pakistan verhaftet und kommt nach Guantánamo. Zu Hause in Bremen kämpft seine Mutter Rabiye gemeinsam mit dem Menschenrechtsanwalt Bernard Docke für Murats Freilassung. Und reist dafür sogar bis nach Washington bis vor den Supreme Court, das höchste amerikanische Gericht.

Der Fall Kurnaz

Andreas Dresens jüngster Film erzählt die wahre Geschichte von Murat Kurnaz aus dem Blickwinkel seiner Mutter Rabiye Kurnaz:

Aufgewachsen als türkischer Staatsbürger in Bremen reist der 19-jährige am 3. Oktober 2001 nach Pakistan, um eine Koranschule zu besuchen. Am 7. Oktober starten die USA den sogenannten "Krieg gegen den Terrror" in Reaktion auf die Terror-Anschläge vom 11. September, um Al-Kaida-Chef Osama bin Laden und das afghanische Taliban-Regime auszuschalten.

Kurnaz, der im November 2001 auf dem Weg zum Flughafen ist, um nach Deutschland zurückzureisen, wird von der pakistanischen Polizei festgenommen und an die USA übergeben. Zunächst wird er in ein Gefängnis im afghanischen Kandahar gebracht, im Februar 2002 als einer der ersten Gefangenen nach Guantánamo. Dort wird er im September 2002 das erste Mal von deutschen Behörden vernommen, die Amnesty International zufolge wie schon die amerikanischen Verhörspezialisten zur Überzeugung kommen, dass ihm keine Terrorpläne vorzuwerfen sind. Dennoch lehnt Deutschland seine Einreise ab. Nach Recherchen der Süddeutschen soll ihm auf Betreiben des Bundesinnenministeriums die Aufenthaltserlaubnis aberkannt werden. 2004 bekommt er das erste Mal Zugang zu seinem Anwalt Bernhard Docke.

Kurnaz beschreibt die mehr als vierjährige Haft als Zeit völliger Rechtlosigkeit mit Isolation und Folter. Erst im August 2006 kommt Kurnaz frei.

Dresen und Stieler wieder im Team

Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler erzählen in ihrer siebten gemeinsamen Arbeit von einer Mutter, die um ihren Sohn kämpft. Es ist der klassische Kampf von David gegen Goliath, Dresen und Stieler machen daraus einen Film über Recht und Willkür. Durch die Perspektive Rabiyes bekommt die Geschichte eine spürbare Emotionalität. Sie hat stets ein Ziel vor Augen: die Freilassung ihres Sohnes, wie Dresen im Gespräch mit MDR KULTUR erklärt: "Wir sitzen abends vor dem Fernseher, wir sehen die Nachrichten, wir sehen den Zustand unserer Welt. Da sagt man sich schnell: 'Ach, das ist ja alles so furchtbar. Ich kann da eh nichts machen'. Wir erzählen von einer Frau, die dagegen angeht und sagt: 'Die Welt ist veränderbar, wir können etwas tun. Wir können, auch wenn wir uns ohnmächtig fühlen, die Sterne zum Tanzen bringen."

Wir können, auch wenn wir uns ohnmächtig fühlen, die Sterne zum Tanzen bringen.

Regisseur Andreas Dresen Über die Courage der Mutter Rabiye Kurnaz

Auf dem Weg zum Supreme Court in Washington
Mit ihrem Anwalt Bernhard Docke zieht Rabiye Kurnaz vor das Oberste Gericht der USA, den Supreme Court in Washington. Bildrechte: Pandora Film / Foto: Luna Zscharnt

Jahrelang unschuldig in Guantánamo

Ankunft auf dem US-Militärstützpunkt in Ramstein: Murat Kurnaz (Abdullah Emre Öztürk) wird am 24. August 2006 von seiner Familie in Empfang genommen.
Abdullah Emre Öztürk als Murat Kurnaz bei der Ankunft in Deutschland nach seiner Freilassung. Bildrechte: Pandora Film / Foto: Luna Zscharnt

Der Kampf um Murat ist zäh und lang, rund fünf Jahre sitzt Kurnaz unschuldig in Guantanamo. Dresen erzählt davon über Auslassungen, über Momentaufnahmen in der Zusammenarbeit von Rabiye und Anwalt Docke, gespielt von Alexander Scheer. Es gibt keine Zeiteinblendungen mit Daten, sondern lediglich Zeiteinblendungen mit Tagen. Tagen der Haft. "Das ist natürlich etwas ganz anderes, ob man sagt: nach drei Jahren oder nach 900 Tagen. Man bekommt ein Gefühl dafür, was es für eine Mutter bedeutet, wenn ihr Kind so lang weg ist", so Dresen.

Enge Zusammenarbeit mit der Familie Kurnaz

Es ist das erste Mal seit Langem, dass Dresen eine Geschichte inszeniert, die nicht in Ostdeutschland angesiedelt ist und auch für ihn, gerade was das Milieu angeht, Neuland ist. Dresen hat eng mit Familie Kurnaz zusammengearbeitet, ist für Gespräche immer wieder nach Bremen gereist und hat sich vor allem in der Ausstattung des Hauses und dem Nachzeichnen des Milieus von der Familie inspirieren und beraten lassen: Was für Fotos sollen an der Wand hängen, wie sieht das Haus einer deutsch-türkischen, ordnungsliebenden Hausfrau aus? Dresen selbst kennt es aus Filmen über die DDR, wie es wirkt, wenn die Ausstattung nicht hundertprozentig hinhaut. Er wollte das türkische Milieu möglichst genau darstellen. Und das ist ihm gelungen.

Hoffnung auf Freilassung in der Türkei
Dresen taucht ein ins türkische Milieu. Bildrechte: Pandora Film / Foto: Luna Zscharnt

Seele des Films: Hauptdarstellerin Meltem Kaptan

Das Herz bzw. die Seele des Films ist dabei immer Rabiye, die mal im Bremer Dialekt, mal auf Türkisch mit Lebensweisheiten um sich wirft und eine unglaubliche Energie ausstrahlt. Die Kölner Comedian Meltem Kaptan, die hier ihr Schauspieldebüt gibt, ist auf der Berlinale dafür mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet worden. Für Dresen keine Überraschung. Kaptan bringt ihre Figur von innen zum Leuchten, spielt sie mit einer rührenden Naivität. Sie ist ein echter Glücksfall für den Film, denn neben ihrer großen Strahlkraft lässt sie auch die emotional schwierigen Momente zu. Den Schmerz einer Mutter, die alles für ihren Sohn tut.

Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und ihr Mann Mehmet (Nazmi Kirik)
Die Kölner Comedian Meltem Kaptan spielt Murat Kurnaz' Mutter Rabiye. Bildrechte: Pandora Film / Foto: Luna Zscharnt

Politisch und zutiefst menschlich

"Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" ist ein Film, der die Zuschauenden genauso wütend wie hoffnungsvoll macht. Von Andreas Dresen mit einer zurückhaltenden Wut inszeniert. Ein politischer Film, der wie alle seine Filme vor allem eins ist: zutiefst menschlich.

Angaben zum Film Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stiehler

Besetzung: Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner

Länge: 118 Minuten

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2022 | 07:10 Uhr

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