Electric Cinema Schaubühne Lindenfels zaubert Kinowelten an Leipzigs Häuserwände

Die Kulturlandschaft liegt brach, Kino, Konzert, Oper, Theater – alles entfällt, und das auf nicht absehbare Zeit. Die Programmmachenden der Schaubühne Lindenfels in Leipzig wollten das so nicht hinnehmen – und haben sich etwas einfallen lassen. Mit einem E-Auto sind sie nun von Donnerstag bis Sonntag Woche für Woche unterwegs, darin: ein leistungsstarker Beamer und jede Menge Filme, die sie an freie Häuserwände in allen Stadtteilen Leipzigs projizieren.

Fahrendes Freiluftkino Electric Cinema, initiiert von der Schaubühne Lindenfels Leipzig 4 min
Bildrechte: Martin Schröder-Zabel/Schaubühne Lindenfels

MDR KULTUR - Das Radio Fr 29.01.2021 09:35Uhr 03:47 min

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Auf einem großen Parkplatz mitten im Leipziger Stadtteil Schleußig hält ein schwarzer Caddy, auf dessen Türen ein weiß-bronzefarbenes Logo angebracht ist: "Electric Cinema" steht darauf, in einer Schrift, die an 50er-Jahre Filmplakate erinnert. Und Martin Schröder-Zabel, der an diesem Abend die Tour fährt, holt eine Fahne aus dem Innenraum des Autos. Auch die trägt das Logo des "Electric Cinema" und der Schaubühne und kommt gut sichtbar neben das Auto, damit die Leute wissen, wer der Veranstalter ist. Malte Springer, der Programmleiter des Kinos der Schaubühne, erklärt, das Electric Cinema sei ins Leben gerufen worden, um aktiv zu bleiben. In Corona-Lockdown-Zeiten habe ihn eine Frage umgetrieben: "Was kann man machen, um in den Stadtraum zu kommen?"

Und da ist uns die Idee gekommen mit dem Electric Cinema. Wir haben unser E-Auto umgebaut in ein fahrendes Kino. Und nach Anbruch der Dunkelheit fahren wir in die Stadt und verwandeln Hauswände, Kirchen, Turnhallen in große Leinwände.

Malte Springer, Programmleiter des Kinos der Schaubühne

Jeden Abend steht ein anderer Stadtteil auf dem Programm

Fahrendes Freiluftkino Electric Cinema, initiiert von der Schaubühne Lindenfels Leipzig
Die benötigte Technik befindet sich im Elektroauto, das gleichzeitig auch den Strom liefert. Bildrechte: Martin Schröder-Zabel/Schaubühne Lindenfels

An diesem Abend ist es zunächst eine große Hauswand in Schleußig, die Martin Schröder-Zabel bespielen wird. Im Kofferraum des Elektroautos steht ein Projektor, der so auf die Hauswand gerichtet wird, dass möglichst viele Leute ein gutes, unverzerrtes und scharfes Bild haben. Auch einen Player und ein Mischpult gibt es, um im Zweifel auch mal mit Sound zu spielen. "Aktuell spielen wir hauptsächlich Stummfilme", erklärt Schröder-Zabel. Die Idee ist einfach: Durch das Elektroauto sind die Kinomacher autark. Denn den Strom für den Projektor liefert das Auto gleich mit. Und so geht es jeden Abend in einen anderen Stadtteil – und jeder Fahrer, jede Fahrerin darf entscheiden, wohin die abendliche Tour gehen soll, erzählt Malte Springer.

Das Einzige, was wir ein bisschen vorgeben, ist, dass wir versuchen, regelmäßig Station bei Alten- und Pflegeheimen zu machen.

Malte Springer, Programmleiter des Kinos der Schaubühne

Die Schaubühne kooperiert mit lokalen Filmemachenden

Fahrendes Freiluftkino Electric Cinema, initiiert von der Schaubühne Lindenfels Leipzig
Mit diesem Auto ist das Team vom Electric Cinema in Leipzig unterwegs. Bildrechte: Martin Schröder-Zabel/Schaubühne Lindenfels

Martin Schröder-Zabel erzählt, "Dick und Doof" habe er in den letzten Wochen recht häufig gesehen, das sei immer der erste Wunsch, der bei Stummfilmen komme. Dabei geht das Programm noch weit über "Dick und Doof" und Charlie Chaplin hinaus. Die Programmmachenden der Schaubühne kooperieren auch mit lokalen Filmemachenden – und mit dem Kurzsüchtig-Filmfestival, das eher Experimentelleres anbietet.

Es ist still an diesem Abend. Ab und an ist jemand am Fenster zu sehen. Ein paar Passanten kommen vorbei. Einer von ihnen freut sich über die Abwechslung: "Mir persönlich gefällt daran, dass ich diesen Weg gerade zum gefühlt eine Millionsten Mal gehe in den letzten Tagen und mir hier zum ersten Mal auf diesem Weg etwas begegnet, was mich stehen bleiben lässt."

"Autokino, nur andersrum"

Ein Passant staunt über die Projektion an der Wand und habe die Assoziation eines Autokinos gehabt. Schröder-Zabel: "Autokino, nur andersrum. Das Kino kommt direkt vom Auto auf die Hauswand, und wir dachten uns, in den Zeiten, in denen wir als Theater und Kino ja nicht spielen können, fahren wir mit unserem Elektroauto rum und probieren, an Häuserwände Kurzfilme zu projizieren, damit zumindest ein wenig Kultur zu den Leuten nach Hause kommen kann bzw. in den jeweiligen Stadtteil."

Und auf die Hauswände. Und davon gibt es in Leipzig jede Menge. Malte Springer erzählt, es gebe eine laufende Liste mit tollen Wänden in fast allen Stadtteilen Leipzigs, man finde viele aber auch wirklich per Zufall. Es gebe mehr, als man denke.

Die ganze Stadt ist ein Kino, wenn man denn möchte, dass sie ein Kino ist.

Malte Springer, der Programmleiter des Kinos der Schaubühne

Und die Programmmacher der Schaubühne Lindenfels, sie möchten.

Die Tour des Electric Cinema Das E-Auto ist jede Woche von Donnerstag bis Sonntag von 18-21 Uhr unterwegs. Wo es Halt macht, erfährt man auf der Facebook- und Instagram-Seite der Schaubühne Lindenfels.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Januar 2021 | 13:10 Uhr

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