Kindermedienfestival "Goldener Spatz" 2022: Warum Thüringen ein wichtiger Standort für Kinderfilme ist

Das Kindermedienfestival "Goldener Spatz" feiert 2022 seine 30. Ausgabe. Vom 29. Mai bis zum 4. Juni stehen in Erfurt und Gera über 70 Veranstaltungen auf dem Programm. 36 Produktionen konkurrieren um den Preis "Goldener Spatz". Eröffnet wird das Festival in diesem Jahr mit der Weltpremiere des Films "Alfons Zitterbacke – endlich Klassenfahrt". Welche Rolle Vielfalt in Kinderfilmen spielt und wie wichtig Erfurt für das Genre ist, hat Festivalchefin Nicola Jones im Interview erklärt.

MDR KULTUR: Wie interessant ist der Kinderfilmmarkt in wirtschaftlicher Hinsicht?

Nicola Jones: Der Kinomarkt ist derzeit – pandemiebedingt – absolut eingebrochen. Aber wenn Sie unter die Top 10 gucken, finden Sie mindestens fünf oder sechs Familienfilme darunter: Von der "Schule der magischen Tiere" über "Die Olchis", und es gibt noch weitere Filme.

Ich glaube, dass es für den Markt enorm wichtig ist, weil diese Filme ein Publikum haben und dann im Kinomarkt auch erfolgreich sind. Das ist natürlich wichtig, denn wir leben immer noch in einem Umfeld, wo Film nicht nur Kunst und nicht nur Kultur, sondern eben auch ein Wirtschaftsgut sind.

Zur Person von Nicola Jones

Nicola Jones wurde 1974 in Halle geboren. In den 80er-Jahren reiste ihre Familie nach Westdeutschland aus. Jones studierte später in Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und war anschließend als Consultant im Bereich Filmförderung bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers in München und Leipzig tätig. 2004 wechselte sie zur Filmförderungsanstalt (FFA) in Berlin und arbeitete zunächst als Förderreferentin im Bereich Produktionsförderung. 2006 wurde Jones zur Referentin des FFA-Vorstandes ernannt. In dieser Funktion war sie für internationale Filmbeziehungen sowie für EU-filmpolitische Belange verantwortlich.

Seit Oktober 2016 ist Jones die Leiterin des Deutschen Kindermedienfestivals "Goldener Spatz" und Geschäftsführerin der gleichnamigen Deutschen Kindermedienstiftung. Die Stiftung ist Veranstalter des Festivals "Goldener Spatz" sowie u.a. Trägerin der Netzwerkinitiative KIDS Regio und Kooperationspartner der SchulKinoWochen Thüringen und Sachsen-Anhalt. Als Festivalleiterin ist Jones Vorsitzende der Auswahlkommission, war und ist darüber hinaus immer wieder in verschiedenen nationalen und internationalen Festivaljurys tätig.

Welche Trends funktionieren denn gut auf dem Filmmarkt?

Literaturverfilmungen funktionieren – auch von alten oder sehr weit zurückliegenden Kinderbüchern. Erich Kästner ist ein Dauerbrenner. Ich habe gerade gesehen, dass die höchste Förderung des Medienboards an die Neuverfilmung von "Das fliegende Klassenzimmer" geht. Oder denken Sie an "Jim Knopf" von Michael Ende oder die "Schule der magischen Tiere". Sich auf schon erfolgreiche Bücher draufzusetzen, ist schon ein Trend, der sich fortsetzt.

Ein Junge und ein Mann stehen bei Dreharbeiten vor der Kulisse eines Bahnhofs und neben einer Dampflokomotive
Kinderfilme wie "Jim Knopf und die Wilde 13" finden nicht nur unter Kindern ein begeistertes Publikum Bildrechte: imago images / POP-EYE

Aber es gibt eben auch – und das finde ich sehr wichtig – über die spezielle Initiative "der besondere Kinderfilm", den Willen und – nicht nur den politischen – Wunsch, dass wir auch mehr originäre Stoffe im Kino haben. Das sind Kinderfilme, die nicht auf markenbasierten Stoffen oder Literaturvorlagen beruhen. Die haben es schwerer auf dem Kinomarkt, sehr viel schwerer. Denn die haben einen anderen Bekanntheitsgrad, weniger Marketingbudget und damit tun sie sich im Kino schwerer. Aber sie bereichern den Kinderfilm auch enorm unter dem Aspekt der Vielfalt.

Sandmann auf Bank
Figuren wie der Sandmann, Bernd das Brot oder Kikaninchen gehören in Erfurt schon lange zum Stadtbild und verweisen auf die Kindermedientradition der Stadt. Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt/Anja Schultz

Der Kindermedienstandort in Thüringen scheint eine überzeugende Entwicklung zu machen.

Ich sehe das auch so. Der KiKA sitzt seit 25 Jahren in Erfurt, der "Goldene Spatz" und verschiedene Firmen sind vor Ort – da entwickeln sich Strukturen. Nicht zu vergessen der Förderverein Deutscher Kinderfilm, der auch dort angesiedelt ist, der starke Lobbyarbeit für den Kinderfilm betreibt und mit diesem Programm "der besondere Kinderfilm" der Akademie für Kindermedien wichtige Projekte umsetzt. So sorgt der Verein dafür, dass Autoren und Autorinnen sich in diesem Bereich weiterbilden können und diese originären Stoffe fördert. Ich sehe auf jeden Fall eine positive und gute Entwicklung. Da bündelt sich etwas, was auch gut zusammenpasst.

Der Masterstudiengang für Kinder und Jugendmedien in Erfurt ist ziemlich einmalig in Deutschland. Davon profitieren wir als Festival, als Arbeitsstätte, weil viele von den Studierenden zu uns kommen, Praktika machen oder als Werksstudierende bei uns arbeiten und sich von da aus weiterentwickeln. Sie können dann tatsächlich einen Einstieg in diesen Bereich finden.

Das Interview hat Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR geführt.

Zum Kindermedienfestival "Goldener Spatz"

Das jährlich in Gera und Erfurt stattfindende Deutsche Kindermedienfestival "Goldener Spatz" ist das größte seiner Art in Deutschland und richtet sich an Publikum und Fachleute. Ziel ist es, einen Überblick über deutschsprachige Filme, Fernsehprogramme sowie digitale Medien für Kinder zu bieten. Veranstalter ist die Deutsche Kindermedienstiftung Goldener Spatz, in der unter anderem die Sender MDR, ZDF und RTL zusammenarbeiten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | "MDR KULTUR trifft ..." | 07. Mai 2022 | 11:05 Uhr

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