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"A House Made of Splinters" lautet der Originaltitel des Filmes, er hat bislang zahlreiche Auszeichnungen erhalten und ist nun für einen Oscar nominiert. Bildrechte: IMAGO/Everett Collection

Oscar-NominierungBeeindruckender Film über ein Kinderheim in der Ukraine

11. März 2023, 04:00 Uhr

Das Kinder zum Schutz vor ihrer Familie in ein Heim müssen, ist manchmal die einzige Alternative. Der für den Oscar nominierte Film "A House Made of Splinters" (dt. "Heimweh. Kindheit zwischen den Fronten") erzählt die Geschichte solcher Kinder in einem ukrainischen Kinderhaus, gedreht wurde er noch vor dem russischen Angriffskrieg. Es ist eine bewegende Dokumentation, die die schutzbedürftigsten Mitglieder der Gemeinschaft in ihrer Vielschichtigkeit zeigen, zwischen Trauer, Hoffnung, Angst und Lebensfreude.

Kinder aus zerrütteten Familien brauchen Zuflucht und Geborgenheit, manchmal in einem Kinderheim - auch in der Ukraine gibt es das. Dass in der Nähe gekämpft wird, macht die Situation noch schwieriger. Der Film "Heimweh.Kindheit zwischen den Fronten" hat solche Kinder begleitet, entstanden ist er schon vor dem aktuellen russischen Angriffskrieg, gedreht wurde in der Zeit von 2019 bis 2020.

Das Kinderheim "Priyut" befindet sich nahe der damaligen Frontlinie zu den jahrelang umkämpften Separatistengebieten. Etwa 40 Kinder zwischen 3 und 15 Jahren hatten hier in der Zeit der Filmaufnahmen ihre schützende Heimat.

Zwischen Trauer und Geborgenheit

Ausgesprochen liebevoll werden die Kinder in Doppelstockbetten geweckt. Die Atmosphäre ist familiär, obwohl sie in einem Kinderheim wohnen. Eigentlich dürfen Kinder nur neun Monate lang bleiben, bevor sie in andere Heime müssten. Daher versuchen die Erzieherinnen auch Familienangehörige oder Pflegeeltern für die Kinder zu finden. Die Leiterin betont, dass ihr Haus auch ein Zuhause der Trauer ist.

Die Gespräche mit ihren Müttern sind den Kinder wichtig, auch wenn sie von ihnen getrennt werden mussten. Bildrechte: IMAGO/Everett Collection

Alkoholismus von Müttern

Zu Beginn des Filmes sieht man beispielsweise die etwa achtjährige Eva, sie versucht vergeblich mit ihrer Mutter zu telefonieren. Der zwölfjährige Draufgänger Kolja hat öfter Ärger mit der Polizei und möchte am liebsten Gangster werden. Trotzdem kümmert er sich liebevoll um seine jüngeren Geschwister. Der Filmemacher filmt die Kinder bei ihren Aktivitäten, wie sie tanzen, spielen, angeben, rauchen, verliebt sind oder unter Liebeskummer leiden.

Koljas Mutter ist ebenso alkoholabhängig wie die Mutter von Eva. Viele Frauen leiden unter der Arbeitslosigkeit, der Trunksucht und der Gewalt ihrer Männer. Einige beginnen selber zu trinken, um der Realität zu entfliehen. So kämpfen viele Frauen in dieser Region mit Alkoholproblemen - und staatliche Entzugskliniken gibt es nicht.

Regisseur kennt die Ukraine

Regisseur Simon Wilmont ist nahe an den Figuren und zeigt die Frontstadt Lyssitschansk wie einen deindustrialisierte Wüstenort. Einst wurde hier Kohle abgebaut. Seit Jahren herrschen Arbeitslosigkeit und Armut vor. Der Krieg selbst spielte während der Dreharbeiten von 2019 bis 2020 eine untergeordnete Rolle. Man hört nur ab und zu Kriegsdonnergrollen im Hintergrund.

Was aus den Kindern wurde

Manche Zuschauer fragen sich wahrscheinlich, was mit den Protagonisten nach den Dreharbeiten erfolgte. Filmemacher Wilmont hat für die psychische Betreuung der Kinder gesorgt. Schon zu Beginn des Angriffskriegs der Russen wurde Lyssitschansk am 24. Februar 2023 mit Raketen beschossen. Noch am gleichen Tag setzte man die Kinder in Züge in Richtung Westen, das heim wurde geschlossen. Die meisten Kinder und die Erzieherinnen leben heute in der Westukraine oder in Europa.

Auch wenn die Kindheit schwer ist, so ist es doch eine Kindheit, mit Momenten der Lebenslust, des Übermutes und der Freude. Bildrechte: IMAGO/Everett Collection

Im Herbst 2022 wurde der Film auch in Kiew erstmalig aufgeführt. Die Ombudsfrau für die Rechte von Kindern war so tief beeindruckt, dass sie den Film unbedingt Präsident Selenski zeigen wollte.

Quelle: Jörg Taszman (MDR KULTUR), Eigenrecherche, Redaktionelle Bearbeitung: op

Der Film"Heimweh - Kindheit zwischen den Fronten"
Originaltitel: "A House Made of Splinters"

Dänemark, Ukraine, Schweden 2021
Internationale Koproduktion mit MDR und ARTE

Regie: Simon Wilmont

Originalsprache: Russisch, Ukrainisch
Länge: 87 Minuten

Nominiert für den Oscar 2023 als Bester Dokumentarfilm

Seit dem 12. Februar ist der Film in der ARTE-Mediathek verfügbar. Am 14. Februar zeigt ARTE den Film um 23.20 Uhr erstmals im Fernsehen.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2023 | 14:45 Uhr