Zwischen Puderzucker und Uran Dokumentarfilm "Stollen" – Auf der Suche nach Tradition im Erzgebirge

Mit ihrem Dokumentarfilm "Stollen" entwirft die Hallesche Regisseurin Laura Reichwald ein eindrucksvolles Porträt des Dorfs Pöhla, das von Bergbau- und Weihnachtstradition geprägt ist. Kamerafrau Janine Pätzold stammt aus dem Erzgebirgsort. Die MDR-Koproduktion läuft aktuell im Dokumentarfilm-Wettbewerb des Max-Ophüls-Filmfestival. Ein sehenswerter Film über das Erzgebirge als Psychogramm einer Region, die um ihre Identität ringt.

Advent unter Tage im Erzgebirge
Traditionssuche zwischen Wismut und Rosinen in Pöhla. Bildrechte: Filmfestival Max Ophüls Preis/Janine Pätzold

Pöhla im Erzgebirge: Ein kleiner Ort. Talwärts liegt die Stadt Schwarzenberg, bergwärts, gut zehn Kilometer entfernt, erhebt sich der Fichtelberg. Der Film "Stollen" beginnt mit einem Nachtwächterlied. Darin heißt es: "Lieb, Glaube, Treu und Hoffnung, Herr / die vier Gaben uns bescher". Damit sind schon zu Beginn Zeitfenster und Thema gesetzt: Es ist die Zeit der Bescherung, Weihnachtszeit. Es ist auch eine Zeit der Besinnung auf die großen wie simplen Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin geht es?

Beobachtungen der "guten, guten Tradition"

Eine erste Bescherung für das Erzgebirge: die Erklärung der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří zum Welterbe im Jahr 2019. Katrin Koch, eine Bewohnerin Pöhlas, hat sich darüber richtig gefreut, "weil das Erzgebirge ja immer das arme Land gewesen ist." Es sei auch heute noch die Region, "wo am wenigsten bezahlt wird." Ein Welterbetitel sorgt da für Tourismus und bringt Geld ins Land – zumindest perspektivisch. Der Dokumentarfilm "Stollen" wird Kerstin Koch begleiten, allerdings in der Zeit vor der großen Bescherung, in der Adventszeit, in der das Haus gerade geschmückt wird: Pyramiden, Sterne, Schwibbögen. Wolfram Koch, Kerstins Mann, erklärt, das sei hier Tradition, die Stimme schwankt dabei ein bisschen, und er fügt hinzu: "gute, gute Tradition!"

Filmszene aus dem Dokumentarfilm "Stollen": eine Frau schaut in die Kamera, im Hintergrund: Stollen
Nicht jeder kennt das Rezept für einen traditionellen Stollen. Bildrechte: Filmfestival Max Ophüls Preis / Janine Pätzold

Übrigens nennt der Dokumentarfilm keine Namen. Das verrät im Nachhinein höchstens eine Suche im Internet. Der Film gibt auch keine Kommentare ab, hält sich zurück. Nur einmal hängt ein roter Stern im Bild und erinnert damit an Gesellschaftsideale, die in der Szene vorher gerade Thema waren. Eine Reminiszenz? Jedenfalls bleiben die Bewohner Pöhlas, die Akteure des Films, Gesichter, Körper und Stimmen. Das ist das Konzept. Damit sind es Standpunkte, die hier im Film aufeinandertreffen und sich zum Porträt eines Ortes, einer Gegenwart verdichten. Dazu gehört dann auch noch ein anderer Stollen, der neben der "guten, guten Tradition" erstmal ziemlich schlecht wegkommt.

Von Wismut nach Gran Canaria 

Ein Sprecher des Besucherbergwerkes Zinnkammer in Pöhla erinnert sich an den Uranabbau der Wismut für Atomwaffen der Sowjetunion. Der Abbau sei nicht ungefährlich gewesen: Lungenkrebs, früher sprach man von der Schneeberger Krankheit. Dazu kam der Alkohol, um den Adrenalinstau nach der Schicht abzubauen. Aber es gäbe einen großen Unterschied zwischen den Bergleuten, die mit anderen zwei bis drei Flaschen selbstgemachten Schnaps getrunken hätten und denen, "die das zum Lebensinhalt gemacht haben". Zur Krankheit kam noch Arbeitslosigkeit. Von 50.000 Mitarbeitern der Wismut vor der Wende seien heute noch ungefähr 300 da. Ist das die schlechte Tradition? Und wie geht es weiter?

Seit 10 Jahren gibt es neue Ideen für die Region. Die SME, die "Saxony Minerals & Exploration AG", will im Luchsbachtal ein Erzbergwerk betreiben. Hat einen Erkundungsschacht gebohrt. Ein Mitarbeiter der AG spricht von einem "Spannungsfeld". Das Weltkulturerbe werde gefördert, bringe aber keine Einnahmen, verursache nur Kosten: "Man darf nicht nur über Tradition reden, sondern muss auch zulassen, das neue Traditionen entstehen. Und neue Traditionen entstehen nur in Verbindung mit neuem Bergbau." Der wiederum zerstört die gerade erst renaturierte Umwelt. Ganz zu schweigen von Dreck und Lärm. Und riesigen Halden. So befürchten es die Kritiker. "Ich müsste eigentlich nach Gran Canaria", überlegt ein Bergmann, der hier schon lange gearbeitet hat. Nach Gran Canaria zu Lydia, deren Mann gestorben sei.  

Die Regisseurin Laura Reichwald erkundet ihre Heimat

Laura Reichwald, die Regisseurin des Dokumentarfilms "Stollen", wurde 1988 in Halle geboren. Dass ihre Kamerafrau, Janine Pätzold, aus Pöhla stammt, gibt dem Film seinen konkreten Ort. Reichwald interessiert sich nämlich für den "dörflichen Mikrokosmos", in dem sie der Frage nachgehen kann, "wie es um meine Heimat im Osten Deutschlands heute steht." Zu zweit gelingt ihnen ein eindrucksvolles Porträt eines Ortes, geprägt von Bergbau und Weihnachtsbrauchtum.

Filmszene aus dem Dokumentarfilm "Stollen": Menschen betrachten Schwibbögen
Traditionelle Schwibbögen aus dem Erzgebirge. Bildrechte: Filmfestival Max Ophüls Preis / Janine Pätzold

Jenseits von Rechtspopulismus und Hinterwald

Fein beobachtet die Kamera: Zum Erzgebirgsschmuck gesellen sich beim Wichteln beispielsweise blinkende Plastesterne. Kitsch made in China erschafft mit altehrwürdiger Schnitzkunst eine globale Gegenwart, in der sich die Fragen nach Heimat, Identität, Geschichte und Zukunft neu stellen. Über allem steht die Frage nach der Tradition. Kamera und Regie suchen in der Beantwortung dieser Frage immer die konkrete Situation jenseits der Klischees von Rechtspopulismus und Hinterwald. Die Kamera führt dabei nicht vor. Die Regie nimmt ihre Sache ernst. Beides schafft Vertrauen. Auch für diesen Satz: "Tradition ist die höchste Ehre im Erzgebirge." Er fällt im Wirtshaus. Gemütliche Runde beim Bier. Da geht es dann auch um die heimliche Erzgebirgshymne. Ein Lied, das Anton Günther 1908 komponiert hat - Refrain: "Deitsch on frei wolln mer sei, on do bleibn mer aah derbei, weil mer Arzgebirger sei!" Im Grenzland zwischen dem Deutschen Reich und der Österreich-Ungarn hatte man damit die eigene Position ausdrücken wollen. Es geht darum, die Dinge aus ihrer Zeit heraus zu erklären, erklärt einer am Tisch. Vorschnelle Schlüsse würden nur spalten. Und Vorurteile bestätigen. Die Szene markiert die Mitte des Films. Hier taucht dann auch besagter roter Stern auf.

Der Film denunziert nicht. Kommt seinen Protagonisten dadurch erstaunlich nah. Das ist seine Stärke. Am Ende wird der eine Stollen angeschnitten. Natürlich mit dem Stollenmesser. Am Kaffeetisch wird dann ein kurzes Gebet gesprochen. Danach muss die Kamera ausgeschaltet werden, fordert die alte Dame, nach deren Rezept – mit viel Rum, Butter und Puderzucker – hier gebacken wurde. Die Kamera fährt in den anderen Erkundungsstollen ein. Dazu singt Anton Günther "'s is Feierobnd" – ein sehenswerter Film!

Filmfestivals in Zeiten von Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Januar 2021 | 07:10 Uhr

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