Interview Filmkunstmesse Leipzig: Warum das Kino unverzichtbar ist

Vorhang auf für feinste Filmkunst: Mit einem Biopic über den Lyriker und Filmemacher Thomas Brasch startete jetzt die Leipziger Filmkunstmesse. Zu sehen sein wird auch Philipp Stölzls "Schachnovelle" mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch und Birgit Minichmayr oder Woody Allens neustes Werk. Kaum zu glauben, dass sich der Vorhang nach der Pandemie-Pause wieder öffnet. Was es braucht, damit das so bleibt, erklärt Christian Bräuer als Veranstalter und Vorsitzender der AG KINO, dem größten Verbund von Arthouse-Kinos in Deutschland. Er fordert die Politik auf, die Entscheidung für 3G oder 2G nicht auf die Kultur abzuschieben und betont, Kinos seien unschätzbäre soziale Orte, vor Streamingdiensten fürchtet er sich nicht.

Christian Bräuer 19 min
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MDR KULTUR: Seit dem Sommer haben wir also wieder geöffnete Kinos. Das ist toll. Aber kommt das Publikum wieder zurück?

Christina Bräuer: In den ersten Tagen gab es Schlangen vor den Kinos. Es gab Applaus in den Sälen, als das Licht ausging und der Vorhang auf, wie bei einem Festival. Das zeigt, es gibt schon ein Bedürfnis, den kleinen Schirm und das Streaming gegen die große Leinwand und die Entdeckung von Filmen einzutauschen. Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Der Kinomarkt hatte im Juli trotz der starken Abstandsbeschränkungen mehr Besucher als 2018, also vor der Pandemie.

Uns war klar, dass der Neustart ein steiniger Weg wird. Denn wir haben ja immer noch keinen Normalbetrieb, wenn wir am Einlass 3G-Regeln kontrollieren, das Publikum Abstand halten und im Foyer-Bereich die Maske auf haben muss.

Was halten Sie davon, von 3G auf 2G umzuschwenken, um die Kinosäle wieder ganz füllen zu können? Das wäre ja in den meisten Bundesländern möglich.

Da bietet sich ein gemischtes Bild. Es gibt immer noch einen Flickenteppich an Auflagen.

In manchen Bundesländern kann man auch mit 3G die Kinos voll auslasten, was meiner Meinung nach der richtige Weg ist.

Christian Bräuer Veranstalter Leipziger Filmkunstmesse, AG KINO

Kinos haben funktionierende Hygienekonzepte. So sollte weiter ein Test ausreichen. Was ich schwierig finde, ist, die Kinos vor die Entscheidung zu stellen: Macht 2G oder 3G. Die Politik muss den Mut haben, das zu entscheiden und nicht die Kommunikation den Kulturorten oder der Gastronomie überlassen.

Generell sind die Kinos eher noch vorsichtig, in den Sälen werden Sitzplätze freigelassen, was die Verantwortung fürs Publikum zeigt. Wir müssen das Vertrauen wieder zurückgewinnen, wir brauchen erst wieder die Gewöhnung an volle Säle. In Frankreich ist das übrigens schon längst wieder normal.

Ich bin ein Befürworter der Impfkampagne, aber es ist eine freie Entscheidung und 2G dient so gesehen dazu, etwas zu ermöglichen, ob in Kinos oder vollen Stadien. Die Pandemie ist noch nicht vorüber, das Virus wird nicht mehr verschwinden. Aber irgendwann kommen wir an den Punkt, wo auch angesichts der vielen Geimpften wir sagen werden: Das gehört jetzt zum Lebensrisiko.

Die Pandemie hat noch eine Herausforderung fürs Kino mit sich gebracht: die Streamingangebote, die ja in der Verbreitung nochmal ordentlich zugelegt haben. Selbst bei manchen Festivals sind Filme solcher Anbieter nun Normalität. Wie kann das Kino bestehen?

Sicher, die Pandemie hat die ganze Internetwirtschaft beflügelt. Übrigens hält Cannes weiter am Vorrang der Kino-Auswertung fest. Ich sehe Streamingdienste eher als massive Konkurrenz für das lineare Fernsehen. Da verändert sich der Markt.

Wir alle wollen ja trotz Bequemlichkeit, die Smartphone, Apps und Streaming bieten, ein Leben haben, was draußen ist, in den kollektiven Räumen, den Bars, Clubs, Theatern und Kinos.

So wie der Lieferdienst nicht den Restaurantbesuch ersetzt, ersetzt Streaming nicht das Kino.

Christian Bräuer Veranstalter Leipziger Filmkunstmesse, AG KINO

Wir sehen gerade in Leipzig, wieviele großartige Filme auf die große Leinwand gewartet haben. Gerade für Filme jenseits amerikanisierter Erzählweisen ist der Start bei einem Festival immer noch der größte Garant für Erfolg. Gerade in Zeiten permanenter Content-Flut über Youtube, TikTok & Co wird Kino auch zu einer vertrauenswürdigen Quelle, so wie die Nachrichten, die täglich durch uns hindurch blubbern, durch echten Journalismus eingeordnet werden müssen.

Also eine Vorauswahl, wenn man so will ...

Das Kuratieren der Programme ist der Schlüssel, auch für echte Interaktion mit dem Publikum. Gerade in Zeiten, wo wenig transparente Algorithmen immer mehr entscheiden, wird die persönliche Empfehlung von Menschen vor Ort, die man kennt, also diese lokale Verankerung, immer wichtiger.

Sie beschreiben das Kinos, speziell die Arthousekinos jenseits aller Technik und Infrastruktur, als wichtige soziale Orte. Gibt es da ein Bewusstsein dafür?

Gerade bei den kleinen Programmkinos immer schon. Wenn wir dieses Potenzial ausbauen, muss uns die Streaming-Konkurrenz keine Angst machen. Im besten Fall gibt es eine Win-Win-Situation, nicht durch parallele Auswertung, sondern indem Filmkultur insgesamt wieder an Bedeutung gewinnt. Das breite Angebot in den Mediatheken erlaubt es ja, Filmkultur zu entdecken und macht so vielleicht Lust auf den nächsten Kino-Besuch, um einen Regisseur, eine Regisseurin kennenzulernen, die ich sonst gar nicht wahrgenommen hätte.

Regisseurin Anne Zohra Berrached am Sonntag zur Vorpremiere ihres preisgekrönten Films 24 Wochen im Luchskino.
Regisseurin Anne Zohra Berrached zur Vorpremiere ihres preisgekrönten Films "24 Wochen" im Luchskino Halle. 2020 erhielt es auf der Leipziger Filmkunstmesse erneut den Preis für das beste Jahresprogramm. (Archivbild) Bildrechte: imago/VIADATA

Wir haben da eine Mission. Streaming ist eine Realität, aber wir sehen auch, was wir da nicht sehen. Ohne Kino würde eine ganze Kunstform verloren gehen. Bei allem Grund zum Meckern sehe ich bei den Filmemacherinnen und Filmemachern sowie bei den AG-Mitgliedern, die hier nach Leipzig kommen, eher die Lust, sich Gedanken zu machen, wie wir unseren Weg gestalten.

Ruhen sich die Arthouse-Kinos, für die Sie ja auch sprechen, ein bisschen zu sehr auf dem städtischen Publikum aus?

Nein, ein Drittel unserer Mitglieder sind genau in der Fläche. Ein Drittel sind in kleinen Orten und nur ein Drittel in den Großstädten. Es ist gar nicht so, wie man denkt. Und wir sehen auch da auch gerade hier in Sachsen, in Thüringen, Sachsen-Anhalt ganz tolle Kino- Initiativen.

Filmkunstmesse in der Kino Passage Leipzig
Filmkunstmesse in der Kino-Passage Leipzig in Zeiten vor der Pandemie Bildrechte: Filmkunstmesse Leipzig

Wir müssen um beides kämpfen, die Film- und die Kino-Vielfalt. Da geht es um kulturelle Grundversorgung in den kleinen Orten, aber der Arthousemarkt auch in den Städten, da Publikum zu entwickeln, das ist harte Arbeit. Wer das macht, wird nicht gerade steinreich. Da steckt viel Herzblut und unternehmerischer Mut dahinter.

Wenn wir nach vorne schauen, was wäre wichtig, um Kinos als kulturelle, aber auch soziale Orte zu fördern? Unterstützung bei der Digitalisierung oder Corona-Hilfen gab es ja bereits ...

Kinos sind die beliebtesten Kulturorte über alle Bildungs- und Altersgruppen hinweg. Da hat ein Umdenken stattgefunden. Aber wir müssen die weiter im Blick halten. In Frankreich wurden jetzt Kulturgutscheine für Kinder und Jugendliche verteilt und on top ein Fonds aufgelegt für junge Cinephelie!

Ich glaube, alle Menschen, die diese Gesellschaft ausmachen, diese ganze Vielfalt, muss sich im Kino wiederfinden. Wir beobachten, dass unser junges Publikum da schon sehr kritisch ist. Wir zeigen einerseits, was viele sicher sehen wollen, aber es ist auch unsere Aufgabe, neue Stimmen einzubinden.

Das Gespräch für MDR KULTUR führte Vladimir Balzer.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. September 2021 | 18:05 Uhr