Neu im Kino "Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt": Zu wenig Fantasie, zu viel Klamauk

Pechvogel Alfons erlebt ein neues Abenteuer: Im Film "Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt" schafft er zwar in letzter Sekunde den Bus zur Klassenfahrt, aber mit den Klamotten seiner Mutter im Koffer. Und er steckt mitten in der Pubertät, was die Lage nicht einfacher macht, zumal mit einem Lehrer wie Flickendorf (Thorsten Merten), der Alfons (Luis Vorbach) aus unerfindlichen Gründen zu hassen scheint. Gedreht hat Regisseur Mark Schlichter auf Usedom, im Harz oder im Schloss Ostrau im Saalekreis. Die Geschichte von Gerhart Holtz-Baumert, ein DDR-Kinderbuch- und DEFA-Klassiker, lernte er nach der Wende kennen und verhalf ihr 2019 erstmals mit Erfolg zum Comeback ("Das Chaos ist zurück"). Wie fällt nun die Fortsetzung aus?

Luis Vorbach ist Alfons Zitterbacke
Luis Vorbach ist "Alfons Zitterbacke. Endlich auf Klassenfahrt" und mitten in der Pubertät. Filmstart ist am 7. Juli 2022. Bildrechte: MDR/X Filme / X Verleih

Alfons Zitterbacke – der liebenswerte Pechvogel scheitert immer wieder. Genau deshalb ist er zu DDR-Zeiten der Held im Kinderzimmer. In der DEFA-Verfilmung aus den 60er-Jahren spielte der Autor der Geschichte, Gerhard Holtz-Baumert, mit: "Ich hoffe, Sie haben mich erkannt!", sagt er lachend im Gespräch mit MDR KULTUR. Der Schöpfer des Alfons Zitterbacke steht in einer der Szenen hinterm Vorhang und "bedient" ein Gerippe: "Da hatte mich der Regisseur Konrad Petzold geleimt. Er hatte gesagt, ich kriege eine gute Rolle."

Original Zitterbacke: Liebenswert, leicht anarchisch und weltberühmt in der DDR

Die hat der kleine Junge, den er erfunden hat, aber auch nicht wirklich. Schon sein Name steht für ein "Überlebensprogramm": "Zitterbacke". Darauf reimt sich sehr gut "Hühnerkacke", finden andere Kinder. Von seinen Eltern fühlt sich Alfons irgendwie missverstanden. Das wiederum eint ihn mit allen anderen, meint Baumert: "Kinder werden missverstanden, bei den besten Eltern fühlen sie sich irgendwie missverstanden."

Alfons Zitterbacke (Helmut Rossmann) und sein Vater (Günther Simon).
Alfons Zitterbacke (Helmut Rossmann) und sein Vater (Günther Simon) im DEFA-Klassiker "Alfons Zitterbacke" von 1966. Bildrechte: MDR/DEFA-Borst

Baumert zeigt in seiner Geschichte die Welt aus der Sicht eines Kindes, das sich die Welt zurechtträumt. Selten ist das so humorvoll erzählt worden. Beispielsweise, wie sich der schmächtige Alfons für einen Flug ins All vorbereitet und sich beim Kosmonauten-Training übernimmt. Dieser Alfons Zitterbacke ist ein zeitloser Don Quichotte in Gestalt eines Kindes. Eine Berühmtheit in der früheren DDR.

Regisseur Mark Schlichter verhilft Alfons 2019 zum Comeback

Doch auch nach der Wende gewinnt Alfons neue Fans, beispielsweise Regisseur Mark Schlichter: westsozialisiert, aber mit guten Ost-Kontakten. So wurde ihm das Buch als Lektüre für seine Kinder ans Herz gelegt: "Wir haben ihnen daraus vorgelesen damals. Und die haben sich so kaputtgelacht, beispielsweise über die Streiche, die Alfons spielt oder wie er sich bemüht, etwas ganz toll zu machen, und das geht dann auf jeden Fall in die Binsen. Das hat denen so einen Spaß gemacht, dass – schon vor 20 Jahren ungefähr – die Idee aufkam: Eigentlich müssen wir das nochmal verfilmen." Und so ging er ans Werk: 2019 erschienen Alfons und "Das Chaos ist zurück" – mit Anleihen beim DEFA-Klassiker und beim Zeitgeist. Das Remake war ein voller Erfolg.

Alfons (Tilman Döbler) mit seinem Freund Benni (Leopold Ferdinand Schill) auf geheimer Mission im Baumarkt
Alfons (Tilman Döbler) und Benni (Leopold Ferdinand Schill) in der ersten Fortsetzung 2019: "Alfons Zitterbacke - Das Chaos ist zurück". Bildrechte: MDR/Edith Held

Zitterbacke-Fortsetzung als Pubertätskomödie

Deshalb kommt jetzt der zweite Teil in die Kinos. Regisseur Schlichter erklärt: "In unserem neuen Film – 'Endlich Klassenfahrt" – ist Alfons in der Pubertät und hat wie alle anderen mit dieser teilweise schrecklichen Zeit zu kämpfen." Und dann kommen wieder die typischen "Momente, wo er sich beweisen will und zeigen will, dass er ein wahnsinnig cooler Typ ist", die aber fürchterlich misslingen: "Und das ist dann so ein Spannungsgefüge, was dann auch Spaß bringt." Der Spaß scheint der Motivationsfaktor für diese Pubertätskomödie zu sein.

Die Schauspieler (l-r) Thorsten Merten als Lehrer Flickendorf und Haley Louise Jones als Lehrerin Frau Hoffmann proben bei Dreharbeiten zum Film "Alfons Zitterbacke - chaotische Klassenfahrt am Set.
Thorsten Merten als Lehrer Flickendorf und Haley Louise Jones als Lehrerin Frau Hoffmann bei den Dreharbeiten zum Film "Alfons Zitterbacke - Endlich Klassenfahrt". Gedreht hat Regisseur Mark Schlichter auf Usedom, im Harz oder im Schloss Ostrau im Saalekreis. Bildrechte: dpa

Alfons, geweckt vom neuen Freund seiner Mutter, will auf Klassenfahrt. Er verpasst – fast – die Abfahrt und so nimmt die Komödie ihren Lauf, mit fulminanten Profis wie Thorsten Merten als grantigem Lehrer Flickendorf, ein paar vertauschten Koffern und einer leicht überdrehten Mutter Zitterbacke, lustvoll gespielt von Alexandra Maria Lara, die sich gut mit dieser Mutterrolle identifizieren kann: "Das, was ich ganz besonders lustig fand, ist, dass, obwohl sie dieses Kind über alles liebt und diesem Kind natürlich immer nur das Beste wünscht, sie so ein bisschen von ihrem eigenen Ego getrieben ist, es in den eigenen Urlaub zu schaffen. So sind Eltern halt auch manchmal."

"Ruf an, wenn was ist", sagt sie ihrem Sohn." Und: "Es ist natürlich besser, wenn das nicht der Fall ist. Wir sind ja auch in den Ferien. Wir sind natürlich immer für Dich da. Nur in den nächsten Tagen eben etwas weniger,." Woraufhin Alfons entgegnet: "Oh, Mama, das ist voll peinlich." Diese Peinlichkeit wird noch gesteigert. Aber reichen humorvolle Anekdoten für eine Geschichte?

Der neue Zitterbacke: Leider im Mainstream angekommen

Alfons Klassenfahrt ist so vorhersehbar wie der Blick ins alte Fotoalbum. Vielleicht liegt darin das größte Problem: zu wenig Fantasie, zu viel Klamauk.

Regisseur Mark Schlichter findet sie mit Blick auf die Erinnerung an eigene Klassenfahrten, "sehr realistisch gefasst". Hinzu kam "Input" von anderen Kindern und Erwachsenen: "Wasserhähne mit Tesafilm abkleben und lauter Blödsinn einfach. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite eben das Chaos der Gefühle".

Dieser pubertäre Zitterbacke ist im Mainstream angekommen. Schade. Er hatte so viel Potential.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 07. Juli 2022 | 22:05 Uhr

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