Corona-Pandemie Filmkunstverleih Halle – Der Rettungsversuch für ein einzigartiges Archiv

Eigentlich sind Videotheken Geschichte. Bevor es Streaming gab, boten sie die Möglichkeit spontan einen Film für jeden Geschmack zu finden, den man vielleicht nur einmal sehen wollte. Nach dem Start von Netflix und ähnlichen Angeboten verschwanden vor allem die größeren Videotheken. Doch besondere Orte haben sich erhalten, so wie der format Filmverleih in Halle. Mit Unterstützung seiner Fans hat es dieses Archiv sogar durch die Krise geschafft und ein neues Geschäftsmodell entwickelt.

Der Filmkunstverleih war lange Jahre für die abendliche Unterhaltung in Halles Innenstadt zuständig. Egal, ob man sich nun durch die 192 Episoden der Serie "24" schaute, in der Kiefer Sutherland als Jack Bauer stets auf's Neue die Welt rettete. Ob man sich den bewegenden Film "Geh und Lebe" angesehen hat, der 1984 beginnt, in dem Jahr in dem Israel die Juden aus dem von Hungersnöten geplagten Äthiopien holte und eine Mutter ihren christlichen Sohn fortschickt, um ihm so das Leben zu retten. Oder ob "Bibi und Tina", das "Dschungelbuch" und "Dick und Doof" Sonntagmorgende oder Kindergeburtstage retteten – im Filmkunstverleih gab es stets für jeden etwas.

Streaming bildet harte Konkurrenz

Inhaber Friedemann Fanenbruck hatte in guten Jahren zehn Angestellte, dann aber kam alles anders. Ab Herbst 2014, als Netflix in Deutschland an den Start ging, sei die Kundschaft Jahr für Jahr weniger geworden. Im Jahr 2014, vor dem Umzug des Filmkunstverleihs in neue Räumlichkeiten, sei die geschäftliche Hochzeit gewesen.

Nun sitzt Friedemann Fanenbruck inmitten einer riesigen Filmsammlung, sein Laden hat geschlossen. Doch aufgeben will der Filmenthusiast so schnell nicht. Seine Sammlung ist wertvoll, denn er weiß, dass seine Filmsammlung ein Archiv ist, das ständig erweitert werde und einen Querschnitt der gesamten Filmgeschichte bilde.

Das was in der Zeit erschienen ist, haben wir hier gesammelt. Man sieht schon, dass viele Dinge, auch wie im Buchhandel, nicht wiederaufgelegt werden, vergriffen sind – und hier stehen die noch zur Verfügung.

Friedemann Fanenbruck, Inhaber des format Filmkunstverleihs
Laden
Die Schaufenster des format Filmkunstverleihs in der Geiststraße in Halle. Bildrechte: MDR / Luise Henze

Friedemann Fanenbruck hütet einen Schatz: 18.000 Titel stehen in seinem Laden in der Geiststraße in Halle. Der Streamingdienst Netflix bietet kaum 3.000 Titel an. Fanenbruck erzählt, er habe auf der einen Seite zahlreiche berühmte ausländische Regisseure, die hierzulande aber kaum bekannt seien, und Schwarz-Weiß-Filme im Repertoire. Auf der anderen Seite bemühe man sich im Filmkunstverleih auch um themenorientierte Struktur. "In den letzten Monaten habe ich das Thema Emanzipation vorrecherchiert und eine Liste gemacht. Das wäre dann, wenn wir wieder offen haben, mal ein Thema."

Rettung ja, Nutzung nein

Gerade als der Besitzer dabei war, sich wieder einen kleineren Laden zu suchen, kam die Corona-Pandemie. An einen Umzug war nicht mehr zu denken. Dafür aber erinnerten sich viele Kunden an das wertvolle Filmangebot – das Interesse, dem Laden zu helfen, war sehr groß.

Viele Leute haben uns mit Spenden geholfen. Nur leider muss ich sagen, im Sommer als wir es dann geschafft hatten, haben die Leute vergessen, das, was sie gerettet hatten, auch zu nutzen.

Friedemann Fanenbruck, Inhaber des format Filmkunstverleihs

Dann öffnete der Laden wieder und kurz vor der zweiten Schließung im Dezember gab es vor dem Laden tagelang sogar lange Schlangen. Die Menschen liehen sich teilweise 20 Filme aus. Doch nun ist kein Ende des Lockdowns in Sicht. Und Friedemann Fanenbruck nahm sich die Zeit, ein neues Leihsystem zu ersinnen, was seinen Laden retten könnte, um auch weiterhin allen den Zugang zu seinem wertvollen Archiv zu ermöglichen. Er habe versucht, alle Arten von Kundschaft zu berücksichtigen: welche, die sich nur einen Film ausleihen oder doch ein paar mehr mitnehmen möchten. Er hofft, dass durch das Abomodell die Experimentierlust gefördert werde und die Menschen auch Filme mitnehmen, die sie einfach mal ausprobieren möchten.

Kundenkarte
Ein neues Leihsystem soll die Kundschaft wieder in's Geschäft locken. Bildrechte: MDR / Luise Henze

Das System ist gestaffelt, aber für 120 Euro im Jahr kann man sich rund um die Uhr so viele Filme anschauen, wie man möchte. Auf der Homepage des Ladens darf ebenfalls gestöbert werden. Dazu gibt es die unbezahlbare Beratung vor Ort im Filmkunstverleih. Egal, ob der Filmabend nun lustig, romantisch, kunstvoll oder originell werden soll, Friedemann Fanenbruck hat immer die passende Filmidee.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Januar 2021 | 06:15 Uhr

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