Interview Zwischen Resignation und Hoffnung: Mansfeld-Trilogie von Mario Schneider geht online

Das Mansfelder Land war über Jahrhunderte eine stolze Bergbau-Region. Mit Wende und Einheit war urplötzlich Schicht im Schacht. Was aus den Menschen wurde, zeigt Mario Schneiders "Mansfeld"-Trilogie, die Filmgeschichte schrieb: drei junge Männer und deren Familien im Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Drogensucht; Vater und Sohn auf einem Schrottplatz werkelnd; drei Jungs, die lernen, den Winter mit Peitschen auszutreiben, beim berühmten "Dreckschweinfest". Jetzt hat die Bundeszentrale für politische Bildung, "Helbra", "Heinz und Fred" sowie "MansFeld" in die frei zugängliche Mediathek aufgenommen. Eine Ehre, freut sich der Dokfilmer, Komponist und Schriftsteller. Wie er seinen Protagonisten so nahe kommen konnte und was aus ihnen geworden ist, erklärt er im MDR KULTUR-Filmpodcast "Feinschnitt".

Die Gegend ist vom Niedergang des Bergbaus gezeichnet, eine schwarze Halde thront noch über dem Dorf und erinnert an die vergangene Zeit. 40 min
Bildrechte: MDR/Mario Schneider

MDR KULTUR: Die Mansfeld-Trilogie ist jetzt in den Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen worden. Was bedeutet Dir das?

Mario Schneider: Das hat mich sehr berührt. Im Grunde genommen bedeutet das ja, dass die drei Filme sozusagen ins kollektive Gedächtnis eingehen. Sie sind frei und erstmal auf unbestimmte Zeit abrufbar. Und in diesem virtuellen Regal stehen sie neben den Arbeiten großartiger Dokumentar-Filmemacherinnen wie Jürgen Böttcher, Volker Koepp oder Jasmin Herold ("Dark Eden"). Das freut mich natürlich auch.

Dein Lebensweg ist eng verbunden mit dem Mansfelder Land. Bevor Du zum Dokumentarfilmer, Komponisten und Schriftsteller geworden bist, stand am Anfang Deiner Laufbahn die Ausbildung zum Metallurgen für Hüttentechnik im Mansfeld-Kombinat. Wie kam es dazu und wie hat Dich diese Erfahrung geprägt?

Ich war zu faul und so reichte es nicht für die Erweiterte Oberschule, um Abitur zu machen und Musik studieren zu können. So bin ich in die Verhüttungsmaschinerie hineingeraten. Eine große Hütte hatten wir in Helbra ja auch vor der Tür, nicht nur optisch, es war auch eine große Dreckschleuder. Im Verwandten- und Bekanntenkreis gab es eine Menge Berg- und Hüttenleute. Aber als ich selbst das erste Mal in so der Fabrik war, dachte ich: 'Das schaffe ich nicht.' Diese Härte, diese Dunkelheit und die Lautstärke, das war alles vollkommen fremd für mich. Das hat sich aber schnell gewandelt, es stellte sich sogar ein gewisser Stolz ein. So wie bei vielleicht vielen, die so eine Arbeit im Mansfelder Land geleistet haben: Das, was ich hier mache, das kann sonst keiner, schon gar keiner, der in der Stadt wohnt.

Zur Person: Mario Schneider

Mario Schneider, 1970 in Neindorf geboren, wuchs in Helbra im Mansfelder Land auf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Metallurgen für Hüttentechnik und das Fach-Abitur. Nach der Armee und der Friedlichen Revolution im Herbst 89 arbeitete Mario Schneider ein Jahr im Martin-Luther-Haus in Eisleben, studierte zwei Jahre an der Martin-Luther-Universität in Halle Musik, Kunstgeschichte und Philosophie und an der Musikhochschule Leipzig Komposition und Klavier. Es entstanden erste eigene Kompositionen sowie Inszenierungen für das Neue Theater in Halle, insbesondere für das Puppenspiel.

Außerdem studierte er Komposition an der Musikhochschule München. Er schrieb die Filmmusik von "Der König von St. Pauli", außerdem Musik für die Serien "Die Pfefferkörner", "4 gegen Z" sowie die Spielfilme "Planet B: Mask under Mask" und "Klopka - Die Falle". 2003 gründete er in Halle die Produktionsfirma 42film GmbH, um seinen ersten Film "Helbra" selbst zu produzieren.

Wie würdest Du das Mansfelder Land beschreiben? Wie prägt diese Landschaft die Mentalität der Leute?

Ich würde eher sagen, die Leute haben die Landschaft geprägt. Also die größte Halde dort hat ja ungefähr die Ausmaße einer ägyptischen Pyramide. Das ist schon beeindruckend, wenn man beispielsweise von der A 38 aus das erste Mal in die Gegend reist. Im "Helbra"-Film beschreibt ein Bergarbeiter, wie das ist, nach zehn Stunden aus dem Schacht zu kommen, die frische Luft zu atmen und die Sonne zu sehen. Das sei jedes Mal, wie neugeboren zu werden. Zu dieser täglichen Erfahrung kommt der Stolz, diese schwere und gefährliche Arbeit geleistet zu haben.

Regisseur Mario Schneider
Regisseur Mario Schneider wuchs in Helbra auf. Als er von der Heroinsucht eines alten Freundes erfährt, besucht er sein Heimatdorf, der erste Film seiner Mansfeld-Trilogie entsteht. Bildrechte: dpa

Die Mansfeld-Trilogie setzt ein, da ist all das schon Geschichte. Wir sehen zu Beginn, wie der Hochofen von Helbra am 10. September 1990 zusammensackt.

Ja, das war kein Wandel, alles änderte sich in einem Moment. Binnen eines Jahres wurden die Belegschaft des Mansfeld-Kombinats entlassen. Damit endete auch eine 800-jährige Bergbau-Geschichte. Was dann passierte, das wollte ich in meinen Filmen einfangen. Das war kein Prozess, sondern eher ein Zustand. In "Helbra" geht es nicht um den Bergbau, wie man vielleicht denken könnte. Das große Thema ist die Sucht von drei jungen Männern, die Freunde sind. Sie sind arbeitslos und das einzige, worauf sie noch "fixiert" sind, ist die Fahrt nach Halle, um an Heroin zu kommen und der Moment des Rausches, in dem alles von einem abfällt.

Ich bin 1991 aus Helbra weggegangen, nach Halle. Dass es damals ganz viele aus der Gegend erwischt hat, das wusste ich nicht. Das habe ich erst Jahre später auf einer Paddeltour mit Freunden erfahren und es war ein echter Schock.

"Helbra" zeigt, wie drei junge Männer und deren Familien gegen die Sucht kämpfen. Dagegen ist "Heinz und Fred" ein intimes Vater-Sohn-Porträt. Du zeigst sie, wie sie jeden Morgen auf einem fast schon verwunschen wirkenden Schrottplatz vor sich hinwerkeln. Wie hast Du sie gefunden und es geschafft, ihnen so nah zu kommen?

Ich war unterwegs auf Motivsuche für den "Helbra-Film und entdeckte dabei eine Mauer, komplett und noch unverputzt aus Schlacke. Da habe ich am Grundstück geklingelt, wollte um Erlaubnis bitten. So lernte ich Heinz kennen. Ein Glücksmoment. Wir standen in seiner tollen Werkstatt, die wie ein Künstler-Atelier aussah mit einem riesigen Oberlicht und den ganzen Maschinen da drin. Auf die Frage, was er hier mit all den Dingen mache, sagte er: "Wichtig ist, dass es am Anfang kaputt ist, und am Ende ist es ganz." Dann hat er mir eine Art Burg, die er sich gebaut hat, gezeigt. Ich stellte fest, dass sie auf einem Gelände lag, auf dem ich als Kind gespielt hatte und das meinem Großvaters gehörte.

Fred sitzt im Multicar und schaut aus dem Fenster
Fred im Multicar Bildrechte: MDR/42film/Joachim Blobel

Du kanntest Dich also aus. Wie wichtig ist das für Dich als Filmemacher?

Gar nicht so wichtig. Ich habe nach der Trilogie ja auch außerhalb vom Mansfelder Land gedreht und festgestellt, dass es keinen Unterschied macht, weil ich generell Interesse an Menschen habe. Und da ist es egal, wo die herkommen. Im Speziellen war es für mich aber sicher so, dass ich eine Vorstellung von der Atmosphäre hatte, die ich erzeugen wollte, eine, die ich aus meiner Kindheit kannte. Dieser Blick von innen ermöglicht dann vielleicht schon, eine spezielle Art von Filmsprache zu finden. Sonst wäre ich vielleicht auch nicht auf die Idee gekommen, einen Mundartsprecher als Erzähler zu nehmen.

Im dritten Teil der Trilogie, in "MansFeld" erlernen drei Jungs - Tom, Sebastian und Paul - das Ritual des Winteraustreibens mit der Peitsche beim Dreckschweinfest. Du zeigst ihren Alltag aus der kindlichen Perspektive, bei den Schulaufgaben oder beim Schlachter. Wie stellst Du diese Nähe zu Deinen Protagonisten her?

Paul kostet es in der Schule große Mühe, den Anschluss nicht zu verlieren. Beim Peitschenknallen übertrifft ihn aber fast keiner und im Frühjahr wird es auf ihn ankommen, wenn er damit auf den Winter losgeht.
Paul beobachtet die Hausschlachtung. In der Schule kostet es ihn Mühe, den Anschluss nicht zu verlieren. Beim Peitschenknallen übertrifft ihn aber fast keiner und im Frühjahr wird es auf ihn ankommen, wenn er beim Dreckschweinfest damit auf den Winter losgeht. Bildrechte: MDR/Florian Kirchler

Da spielt es schon eine Rolle, dass ich aus der Region komme, dass ich den Dialekt spreche und ein "Du" dann nicht gestelzt daher kommt. Das ist natürlich bei den Mansfeldern, die sonst eher eine verschlossene Truppe sind, ein Vorteil.

Woran erkennst Du, dass du eine erzählenswerte Geschichte gefunden hast?

Daran, dass sie mich selber berührt. Ich denke da nicht an ein Publikum oder einen Rezensenten. Sie muss mich packen und dann lege ich los.

Beim Fest im Wald verjagen Tom (8) und die anderen Jungen mit Peitschenknallen die Alten und damit den Winter.
Beim Fest im Wald verjagen Tom (8) und die anderen Jungen mit Peitschenknallen die Alten und damit den Winter. Bildrechte: MDR/Mario Schneider

Die jungen Männer aus dem ersten Film "Helbra" könnten ja die Väter der Jungs aus dem dritten Film "MansFeld" sein. Wie unterscheiden sich die Generationen?

Die Filme erzählen ja auch von der Verarbeitung eines Traumas, das im Wegbrechen einer 800-jährigen Tradition und der eigenen Geschichte besteht. Die Generationen, die nachwachsen oder da eben noch drinstecken, haben unterschiedliche Fähigkeiten das zu bewältigen. Irgendwann ist einem die Arbeit der Eltern oder Großeltern so fern, dass eventuell wieder etwas Neues losgehen kann. Bei den drei Jungs in "MansFeld" hatte ich von Beginn an das Gefühl, dass sie – so unterschiedlich auch sind – ihren Weg machen werden. Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen, wie sie erwachsen werden.

Übrigens hat auch Markus aus dem ersten Film den Absprung geschafft. Er ist losgekommen von den Drogen, hat Frau und Kinder, wie er es sich gewünscht hatte, und ist Holzbildhauer geworden. Er baut tolle Skulpturen für Spielplätze und Kindergärten.

Das Gespräch führten Anna Wollner und Lars Meyer für "Feinschnitt" den Film-Podcast von MDR KULTUR.

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