Film "Sorben ins Kino" Knut Elstermann: "Was wirklich fehlt, ist der große sorbische Spielfilm!"

Eigentlich ist Knut Elstermann als versierter Filmkritiker bekannt, auch bei MDR KULTUR ist seine Einschätzung zu neuen Streifen aus aller Welt geschätzt. Jetzt hat Elstermann einen Film zu einem vielleicht unerwarteten Thema gedreht. Er trägt den Titel "Sorben ins Kino" und beleuchtet das sorbische Filmerbe und Filmleben. Beim Filmfest Cottbus erlebte er gerade seine digitale Premiere. Mit MDR KULTUR ist Elstermann zu seiner Motivation für diesen Film im Gespräch.

Das «Janšojski bog» (Jänschwalder Christkind), kommt mit zwei Begleiterinnen zum Wendischen Museum und wird gefilmt.
Das "Janšojski bog" (Jänschwalder Christkind) ist ein alter sorbischer Brauch aus der Lausitz Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Ihr Film "Sorben ins Kino" hat ein ungewöhnliches Thema und einen ungewöhnlichen Titel. Ist das ein ergiebiges und interessantes Thema?

Knut Elstermann: Ja, unbedingt. Wenn man sich mal anschaut: die Kultur der Sorben, die ist natürlich sehr vielfältig. Sie wird oft sehr folkloristisch widergespiegelt. Jeder weiß ein bisschen was von den Sorben. Natürlich haben sie eine großartige Literatur. Es gibt wunderbare Maler. Aber der

Film spielt eben nicht so eine ganz große Rolle in dieser Kultur. Es gab immer filmische Versuche. Es gab sogar mal ein Stummfilm mit Asta Nielsen im Spreewald. Es gibt dokumentarische Aufnahmen, es gibt ganz wichtige Filme, die auch in der DDR entstanden sind. Es gab ein eigenes sorbisches Studio, das wollen wir nicht vergessen, wo Toni Bruk, der in meinem Film eine ganz große Rolle spielt, Pionierarbeit geleistet hat und viele sorbische Themen bearbeitet hat.

Aber was wirklich fehlt – und das ist vielleicht auch die Erklärung dieses sehr polemischen Titels "Sorben ins Kino" – was wirklich fehlt, ist der große sorbische Spielfilm. Warum gibt es eigentlich keinen Neunzigminüter, wo vor allem Sorbisch gesprochen wird? Warum gibt es diesen Film nicht, wo Geschichten erzählt werden, die die Sorben täglich erleben, die sie umtreiben, wie Heimatverluste, Veränderung der Natur, natürlich auch Veränderung in der eigenen Kultur, auch da könnten Verluste beschrieben werden. Und auch der Versuch, Tradition zu bewahren. Den gibt es nicht.

Und mein Film beschreibt die Suche nach dem sorbischen Film – das ist die Unterzeile des Titels.

Heißt das, wenn wir von einer sorbischen Filmszene sprechen, ist das ein Euphemismus?

Ja – aber es gibt schon erstaunlich viele Filmemacher und -macherinnen. Und zwar ganz hervorragende Talente. Auch das ist wichtig gewesen in meinem Film, die mal aufzuzeigen, sie  vorzustellen. Zu sagen: die Talente sind da.

Am Tatort: Hauptkommissarin Johanna Herz (Imogen Kogge, l.) und die Mutter (Gabriela Maria Schmeide) der vermissten Marie.
Gabriela Maria Schmeide (r.) in dem Polizeiruf 110 "Geliebter Mörder" Bildrechte: mdr/rbb/Sandor Domonkos, honorarfrei

Wir brauchen eine andere Form von Förderung, auch von Wachheit in der Kulturpolitik. Die gibt es sowohl in Brandenburg als auch in Sachsen. Ich war überall unterwegs und habe da hervorragende Leute kennengelernt, die übrigens auch inzwischen sehr gut vernetzt sind. Es gibt ein Netzwerk der Filmemacher und -macherin, die sich gemeinsam treffen. Die darüber nachdenken: wie können wir unsere Stoffe besser an den Mann und an die Frau bekommen? Das ist alles da!

Und es gibt hervorragende Leute in meinem Film. Gleich am Anfang kann man eine Schauspielerin erleben, die aus Bautzen stammt, die inzwischen eine der wichtigsten deutschen Schauspielerinnen ist und die bis zum 5. Lebensjahr ausschließlich Obersorbisch gesprochen hat: nämlich Gabriela Maria Schmeide. Die kennen sehr viele Leute, diese tolle Schauspielerin, die ja auch den Deutschen Filmpreis bekommen hat für "Systemsprenger". Die in meinem Film Sorbisch spricht – und zwar mit großer Liebe – das ist ihre Muttersprache.

Aber wer weiß denn das schon, dass sie Sorbin ist? Und wo gibt es mal eine Rolle, wo sie das auch mal zeigen könnte?

Wie unterscheidet sich die sorbische Filmszene von der Deutschen? Mit welchen Stoffen setzen sich sorbische Filmemacher zum Beispiel auseinander, mit denen sich vielleicht Deutsche noch nicht so angefreundet haben?

Das ist natürlich auch ein Blick einer Minderheit, auch einer bedrohten Minderheit. Bei allen Förderungen, die es gibt, wissen wir, wie schwierig es ist z.B. nach wie vor, die Sprache lebendig zu halten.

Und es sind Themen, und das finde ich so wichtig, die vor der Haustür liegen. Die zum einen sehr sorbisch sind. Also, nehmen wir die abgebaggerten sorbischen Dörfer, nehmen wir die jungen Leute, die eben nicht mehr so viel Sorbisch sprechen oder die die Heimat verlassen, die woanders hingehen.

Jugendliche erhalten in der Kirche Crostwitz die Firmung. Einige Mädchen tragen dabei traditionell die sorbische Tracht.
Die sorbischen Trachten und Traditionen haben eine ganz eigene Ästhetik, die sich filmisch spannend umsetzen ließe. Bildrechte: dpa

Auch da habe ich zum Beispiel den Filmemacher Stefan Göbel in meinem Film drin. Der hat zumindest schon einen sehr interessanten Kurzspielfilm gemacht und genau davon erzählt: von jungen Leuten, die die Heimat verlassen. Und da muss ich noch sagen: das ist ja so wichtig überhaupt, diese Themen auch den Leuten nahezubringen! Sie wissen ja so wenig!

Der Stefan hat in Holland Film studiert und als er sein Projekt vorstellte, sagten die Professoren: na das ist ja interessant – sie erfinden ein slawisches Volk in Deutschland, also das ist ja eine tolle Idee. Und da sagt er: Nein, das sind meine Leute dort. Die gibt es da – und zwar schon seit Jahrtausenden. Also, da merkt man auch, wie wichtig es ist, darüber zu erzählen.

Das Interview führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Dezember 2020 | 13:10 Uhr

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