Kommentar #allesdichtmachen: große Kunst oder auf den Leim gegangen?

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
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Schauspielerinnen und Schauspieler veröffentlichen auf Social-Media-Plattformen Videos, in denen sie zynisch Kritik an der aktuellen Corona-Politik äußern. Die Statements tragen den Hashtag #allesdichtmachen und entzünden eine umfangreiche Debatte. Über welche Punkte lässt sich streiten und verfehlt diese Auseinandersetzung womöglich das Kernproblem? Ein Kommentar von MDR KULTUR-Redakteur Stefan Petraschewsky vom 24. April 2021.

Jan Josef Liefers #allesdichtmachen 4 min
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Über 50 Schauspieler, darunter Heike Makatsch und Jan Josef Liefers, haben in kurzen Clips die Corona-Maßnahmen kritisiert. Ein Kommentar von MDR Kultur Film- und Theaterkritiker Stefan Petraschewsky.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 24.04.2021 06:00Uhr 04:12 min

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Ironie – was ist Ironie? Damals – noch im Studium hatte ich gelernt: Ironie ist ein Mittel der Parodie oder auch Satire – ein Mittel, um Dinge zu hinterfragen, zuzuspitzen, zu entlarven. Ironie ist also etwas, was quasi zur DNA der Schauspielkunst gehört; eine Sprach- und Sprechmaske, die sich Schauspielerinnen und Schauspieler aufsetzen können, wenn sie die Bühne im Theater oder im Film betreten. Und haben das hier auch ganz standesgemäß getan: Jan Josef Liefers, Nadja Uhl, Heike Makatsch und wie sie alle heißen. In ihrer durchaus professionell zur Schau gestellten Übertreibung und Gutgläubigkeit war die Botschaft eindeutig: Das, was Bundestag und Bundesrat im neuen Infektionsschutzgesetz festgelegt haben, braucht am Ende den gleichgeschalteten und damit intellektuell ausgeschalteten Staatsbürger und eine Diskussionskultur ohne Widerspruch. Keine Frage, solche Teufel an die Wand malen, das darf nicht nur die Kunst – sowas muss die Kunst tun, wenn sie wirken will. Ob es der Hofnarr war, der dem König die Meinung geigte oder das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Narren, Kinder, Schauspieler – alle sind wirkungsmächtige Protagonisten für die Kritik an den Verhältnissen. Und damit das auch so bleibt, ist die Kunst frei. Und diesmal haben Alice Weidel applaudiert und Hans-Georg Maaßen. Schön, dass es auch mal so rum geht, was irgendwann zu beweisen war.

Einem Rattenfänger auf den Leim gegangen?

Gut geschrieben auch manche Texte. Wenn sich Hanns Zischler zu Beginn seines Clips von allem distanziert, was er jetzt sagen wird, und sich dann elfmal distanziert, was sagt er dann eigentlich – ist das dann wie in Mathe: minus mal minus ergibt plus? Und sein Satz "Ich bin – aber auch manchmal nicht – Schauspieler." In welcher Rolle spricht er hier? Und auch die Pointe dieses Distanz-Monologs – Zitat: "Mit anderen Worten: Ich nehme Abstand" – das ist schon richtige Kunst. Und vermutlich auch viel Können. Und viel Arbeit. Auch mit Blick auf die ausgesuchten Lichtstimmungen der Clips und die Musik – die manchmal zu klischeehaft wirkt oder wirken will? – Also diese ganze, viele Arbeit, die da drinsteckt: Wieso ist da – ich mutmaße jetzt – niemand aus dem PR-Management der Schauspieler auf die Idee gekommen, nach Bernd K. Wunder zu googeln, der diese ganze Aktion verantwortet und so eine Art Coronaskeptiker sein soll, wie der Kollege Matthias Meisner vom Tagesspiegel schon Donnerstagabend herausgefunden und auf Twitter veröffentlicht hatte? Sind Jan Josef Liefers, Nadja Uhl, Heike Makatsch und wie sie alle heißen bzw. ihre PR-Manager einem Rattenfänger auf den Leim gegangen?

Meinungen zu #allesdichtmachen

Svenja Flaßpöhler bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 2019. 11 min
Bildrechte: imago images / Future Image
Svenja Flaßpöhler bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 2019. 11 min
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Das Ende der neuen Spielzeiten?

Kommen wir jetzt aber endlich zur Hauptsache. Die Debatte um die Schauspielerclips hatte gestern ziemlich viel Fahrt aufgenommen. Zu schnell stand für meinen Geschmack die Frage zentral im Raum, ob das jetzt den Querdenkern und Coronaleugnern in die Hände spielt; zu schnell ging es um die Frage: Gelungen oder nicht-gelungen – diese Aktion. Aber die Hauptsache ist doch die Frage, wie wir gerade mit der Kultur umgehen. Also mit der Möglichkeit Museen, Konzerte und Theater zu besuchen. Diese Häuser haben schon lange neue Lüftungsanlagen eingebaut, funktionierende Hygienekonzepte vorgelegt, Machbarkeitsstudien durchgeführt. Zuletzt gab es Coronatestzentren in den Theatern, beispielsweise in Bautzen und Dessau. Modellversuche wurden gestartet. Dieser Weg hat gerade ein neues Ende gefunden. Durch ein Infektionsgesetz, das Handlungsrichtlinien wieder nur an Inzidenzzahlen festmacht. Auf diese Zahlen gucken alle wie das Kaninchen auf die Schlange. Hier differenziert vorzugehen, das wäre die Hauptsache gewesen. Aus diesen Missverhältnissen rauszukommen, die Kultur mit Freizeit gleichsetzt und Fußball und Co weiter Vorfahrt gewährt. Im Grunde können wir die Spielzeiten der Theater und Konzerthäuser jetzt schon beenden. 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2021 | 08:15 Uhr

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