Videokunst aus Dresden und Berlin Kollektiv Neozoon baut Filme aus Youtube-Clips

Um Youtube kommt inzwischen kaum einer mehr herum. Egal ob privat oder beruflich, bei irgendeinem Clip, Vlog oder Tutorial bleibt man am Ende doch hängen. Seit der Gründung dieser heute größten Videoplattform der Welt wurden und werden Unmengen von Filmen hochgeladen – eine unermessliche und scheinbar auch überflüssige Bilderflut, die nicht mehr zu stoppen ist. Dem Künstlerinnenkollektiv Neozoon aus Dresden und Berlin dient diese Fülle hingegen als Quelle unendlicher Inspiration, denn sie verarbeiten Youtube-Clips zu humorvollen, aber auch bitterbösen und beklemmenden Collage-Filmen.

Zwei Künstlerinnen des Künstlerkollektivs Neozoon sitzen im Interview mit Markus Kavka (nicht im Bild). Sie blicken seitlich an der Kamera vorbei.
Bekannt wurde Neozoon durch provokante Streetart-Aktionen im öffentlichen Raum. Bildrechte: MDR unicato

Bild für Bild baut sich die Filmcollage auf – unten beginnend mit zwei Füßen in Highheels, der Kopf einer Frau gesellt sich am oberen Bildrand dazu, dann folgen ein Oberkörper und Arme, die eine Damenhandtasche hin- und herwenden. Wie bei dem von den Surrealisten entwickelten "Cadavre Exquis" wurden wechselnde Ausschnitte aus unzähligen Youtube-Clips miteinander kombiniert. Im Film "FragMANts" hinterfragt das Künstlerinnenkollektiv Neozoon das Internet-Phänomen des Unboxing, also Dinge vor der Kamera genüsslich auszupacken und fetischgleich zu präsentieren, was im Film jedoch in einer unbändigen Zerstörungswut endet.

"Natürlich sind die, die oben mit den Händen etwas machen nicht die, die unten etwas zertreten. Und dennoch führt das zusammenführen dieser unterschiedlichen Fetische zu einem gemeinsamen Bild. Und in dem Fall fügt sich das in Fragments zu einem Kosmos von Irrsinn des sich Einverleibens oben und dieser Fetischisierung von Luxusartikeln, die dann unten wieder zertreten werden. Ein Sinnbild für Kapitalismus." – erläutert Künstlerin Friederike von Neozoon den Kurzfilm "FragMANts".

Standbild aus dem Kurzfilm "Fragmants": Drei Personen - zwei Frauen und ein Mann - sind als Collage aus jeweils drei bzw. vier Bilder zusammengesetzt nebeneinander in Szene gestellt.
Standbild aus dem Kurzfilm "Fragmants". Bildrechte: NEOZOON

Dieses Nebeneinander von Widersprüchlichkeiten im Netz fasziniert Neozoon generell, wobei sich die Künstlerinnen, die in Berlin und Dresden leben, zuallererst als Beobachterinnen verstehen. Im Fokus steht dabei immer das Mensch-Tier-Verhältnis. Und aufgrund seiner animalischen Herkunft ist vor allem der Mensch selbst beliebter Gegenstand ihrer künstlerischen Forschung.

Youtube als Quelle der Inspiration

"Youtube ist eine Schatzgrube für uns, das hat fast etwas Tagebuchartiges, wenn man Menschen, die da was hochladen können und sich mit ihrem Haustier zeigen, dass man das abrufen kann und dadurch auch einen Blick in die Gesellschaft kriegen kann. Das macht Youtube für uns extrem spannend und prägt unsere Arbeit der letzten Jahre." – erzählt Michaela von Neozoon.

Bei der Gründung des Kollektivs im Jahr 2009 spielte Youtube noch keine Rolle. Vielmehr sorgten die damals fünf Künstlerinnen mit einem Street Art Projekt unter anderem in Berlin und Paris für Aufsehen, bei dem sie Tiersilhouetten aus alten Pelzmänteln ausschnitten und diese an Häuserwänden platzierten. Aus dieser Zeit rührt auch der Name – Neozoon, eine invasive Art, die sich neu in dieser Gegend ansiedelt hat.

Installation der Künstlergruppe - NEOZOON - zeigt mit Pelzen behangene Schaffiguren auf dem Schlossplatz in Berlin
Mit Pelzen behangene Schaffiguren auf dem Schlossplatz in Berlin. Bildrechte: imago/PEMAX
Arbeiten des Künstlerkollektivs Neozoon
Projekt "Das Manteltier" von Neozoon Bildrechte: Kollektiv Neozoon

Filmisch trat das Kollektiv erstmal mit dem Projekt "Das Manteltier" in Erscheinung. Wieder waren es ausrangierte Pelze, nur diesmal hatten sie die Künstlerinnen zu beweglichen Tierwesen geformt und in einen Käfig im Zoo gesetzt. Man sieht die Pelzinstallationen und hört die Stimmen der Besucher – jedoch ohne den Zuschauern direkt zu vermitteln, dass es sich um eine Installation handelt, erklärt Michaela von Neozoon: "Und mit diesem Blick haben die Zoobesucher im ersten Moment, wie bei den anderen Käfigen auch, das Tier im Käfig gesucht."

Dokumentation gesellschaftlicher Abgründe

Als Recycling, wie eben bei den Pelzen, oder Upcycling verstehen Neozoon auch ihre Found Footage Filme – wenn die Künstlerinnen die Fundstücke aus dem Netz bearbeiten, collagieren und so in neue Zusammenhänge setzen. Letztlich dokumentieren sie gesellschaftliche Phänomene unserer Zeit und sparen dabei die Abgründe der menschlichen Existenz nicht aus – etwa den gedankelosen Umgang mit Lebensmitteln und mit den Tieren, die sie uns liefern in "Love goes through the stomach" oder in "Buck Fever" eine pervertierte Jagdlust, die nur auf Töten und Trophäen aus ist.

Arbeiten des Künstlerkollektivs Neozoon
"Buck Fever" von Neozoon Bildrechte: Kollektiv Neozoon

Erfolgreich sind die inzwischen zwei Frauen, die schon in den 90er-Jahren zusammen an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig studiert und das Kollektiv Neozoon initiiert haben, damit allemal, als Gast auf zahlreichen internationalen Filmfestivals und in namhaften Museen. Für Friederike gleicht das Kollektiv einer Art Katalysator für den alternativen Umgang mit Materialien. Michaela ergänzt: "Auch dass wir uns mit dem Anthropozän beschäftigen, das heißt mit dem Mensch im Fokus und auch mit der Zerstörung, die ja der Mensch gerade vollzieht, rückt es dadurch auch immer mehr unsere Arbeit ins Augemerk."

Auf Youtube allerdings sucht man die Arbeiten von Neozoon vergebens. "FragMANts" sowie ein Interview mit dem Künstlerinnenkollektiv können im Magazin unicato gesehen werden, das sich mit "Mashup, Remix und Collage" beschäftigt – entweder 22. April um 0:15 Uhr im MDR FERNSEHEN oder in der ARD-Mediathek. Außerdem ist Neozoon auch mit einer Arbeit im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden vertreten, dort sogar auf großer Leinwand in der Sonderaustellung "Future Food".

Arbeiten des Künstlerkollektivs Neozoon
"Love goes through the stomach" von Neozoon Bildrechte: Kollektiv Neozoon

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. April 2021 | 06:15 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei