Bundesweit Veranstaltungen Zum 11. Kurzfilmtag: Warum der Kurzfilm unterrepräsentiert ist

Am 21. Dezember ist Kurzfilmtag. Dann werden in Kinos, Galerien, Kneipen und anderen Orten Kurzfilme gezeigt. In den vergangenen beiden Jahre ist das Event weitgehend ausgefallen, dieses Jahr gibt es knapp 570 Vorführungen in ganz Deutschland. Ein Comeback, über das sich auch die AG Kurzfilm freut, der Bundesverband Deutscher Kurzfilm, der von Dresden aus den Kurzfilmtag koordiniert. Co-Geschäftsführerin Jana Cernik über das diesjährige Programm und das Potential des Kurzfilms.

Mehrere Menschen schauen draußen im Dunkeln einen Film, der auf eine Leinwand projeziert wird.
Ob drinnen oder draußen – am 21. Dezember werden Kurzfilme an den verschiedensten Orten gezeigt. Bildrechte: Steven Helmis

MDR KULTUR: Zum Kurzfilmtag gibt es 2022 rund 570 Vorführungen – das sind ungefähr 200 Veranstaltungen mehr als vor Corona. Sagt das etwas über das Potential des Kurzfilms aus?

Jana Cernik: Ich glaube, der Kurzfilm hatte noch nie wirklich Probleme mit Publikum. Das sieht man auch bei Kurzfilmfestivals, die funktionieren wunderbar. Und der Kurzfilmtag ist ein weiterer Beleg dafür, dass es auch Publikum außerhalb dieser klassischen Kurzfilm-Zentren oder -Blasen gibt, die sich normalerweise auf solchen Festival tummeln. Wir versuchen ja auch genau diese Leute anzusprechen mit dem Kurzfilmtag und unserem Programm.

An eine Hauswand werden Sterne projeziert. An ein Fenster ist die Zahl 21 mit Leuchtziffern angebracht. 7 min
Bildrechte: Stephan Floss
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Seit elf Jahren feiert die AG Kurzfilm am 21. Dezember, dem kürzesten Tag im Jahr, bundesweit den Kurzfilmtag. 2022 findet er mit rekordverdächtigen 570 Kurzfilmen statt. Co-Geschäftsführerin Jana Cernik im Gespräch.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 21.12.2022 06:00Uhr 07:10 min

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Dresden und Sachsen sind durch den Sitz ihrer AG wahrscheinlich relativ gut vernetzt. Wie sieht es mit anderen Bundesländern aus? Wie schaffen Sie es, dass der Kurzfilmtag zu einem flächendeckenden Phänomen wird?

Wir haben gelernt aus den letzten Jahren. Der Kurzfilmtag ist für uns auch so eine Art Labor, wo wir verschiedene Konzepte ausprobieren konnten. Und wir haben gemerkt, dass wir einfach nicht von Dresden aus das gesamte Bundesgebiet erreichen. Deswegen haben wir uns Regional-Koordinatorinnen geholt. Das sind Menschen, die sehr gut vernetzt sind, aber eben in Hessen, in Brandenburg, Niedersachsen sitzen oder in Thüringen. Und die vervielfältigen natürlich, die funktionieren als Multiplikatoren für den Kurzfilmtag.

In einer Bar schauen Menschen einen Film auf einer Leinwand. Im Vordergrund steht die Theke, dekoriert mit einer Lichterkette und einer Skultur, die mit einer Weihnachtsmütze geschmückt ist.
In Kneipen, Cafés oder Hinterhöfen – am 21. Dezember werden gemeinsam Kurzfilme geschaut. Bildrechte: Stephan Floss

Das Motto dieses Jahr "Ich sehe was, was du nicht siehst" – was gibt es denn zu sehen? Was haben sich die Kurzfilm-Enthusiasten einfallen lassen, um ihre Programme zu zeigen?

Das sind spezifisch zusammengestellte Programme. Das ist zum Beispiel die "Annäherung an die Wirklichkeit" von der Deutschen Kinemathek oder ein Thriller- Programm mit dem Titel "Do You Have The Shine?" – das ist das Angebot, was wir geben, zusätzlich zu Programmen wie in diesem Jahr zum ersten Mal "Blicke auf das vertraute Fremde – migrantische Perspektiven".

Und dann kommen Veranstalter, schauen sich an, was es für Angebote gibt und überlegen, wie können wir das umsetzen. Um diese Umsetzungslust, diese Kreativität anzuregen, haben wir den sogenannten Kreativpreis ins Leben gerufen. Wer die interessanteste, spannendste, innovativste Veranstaltungsidee hat, bekommt einen kleinen Bonus und wird noch einmal besonders gefeatured. Und da haben wir einige, die sehr tolle Sachen umgesetzt hat.

Zum Beispiel in Lübeck gibt es die Gruppe Urban Projection, die veranstaltet den Kurzfilmtag im Autokino und zeigt Filme auf der Heckscheibe. Und da spielt natürlich auch inhaltlich das Auto eine große Rolle. In Dresden und Münster gibt es Stadtrundgänge, und zwar laufen dort die Filme in Schaufenstern von Läden und die nutzen sie als Projektionsfläche. Es gibt wirklich unglaublich viele Ideen neben den klassischen Abspielorten wie zum Beispiel Kino.

Ein Film wird auf die Heckscheibe eines Autos projeziert.
Das Kollektiv Urban Projection veranstaltet den Kurzfilmtag in Lübeck mit dem Autokino. Bildrechte: Urban Projection

Der Kurzfilmtag ist ein Event. Was machen Sie, wenn die Party vorbei ist? Dann kommen sie in der Kurzfilm-Realität an und keiner geht hin?

Ganz so schlimm ist es nicht, aber der Kurzfilm ist natürlich unterrepräsentiert. Er könnte viel stärker im Fernsehen, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt werden. Man könnte ihn auch sehr gut bei politischen Sendungen einbauen, weil er sehr schnell auf politische Themen reagiert. Er könnte auch vorm Tatort zum Beispiel laufen, aber das scheitert an den Strukturen. Er ist so ein bisschen strukturell ausgegrenzt. In den Kinos läuft er, aber da ist eigentlich noch Luft nach oben. Das liegt auch ein bisschen daran, wie die Förderung konzipiert ist. Der Kurzfilm ist einfach unterfinanziert. Dabei steckt im Kurzfilm Innovation, auch für die Zukunft des deutschen Films insgesamt. Das ist natürlich schade und bedauerlich und muss geändert werden.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderatorin Annett Mautner. / Redaktionelle Bearbeitung: Cornelia Winkler

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