Interview DOK Leipzig 2021: Dokus und Animationen in der "neuen Normalität"

Im Corona-Jahr 2020 übernahm Christoph Terhechte das Filmfestival DOK Leipzig und musste sich gleich ganz besonderen Herausforderungen stellen. Zusätzlich zu dem ausgewählten Filmprogramm gab es auch ein Online-Angebot. Gespräche zu den Filmen konnten kaum stattfinden. 2021 ist nun mehr Publikum möglich, doch es soll auch weiterhin digitale Angebote geben. Vom 25. bis zum 31. Oktober werden in Leipzig in Wettbewerben und Schwerpunkten Dokus und Animationsfilme gezeigt.

Christoph Terhechte
Seit 2020 ist Christoph Terhechte der Chef des Filmfestivals Dok Leipzig. Bildrechte: DOK Leipzig 2020 / Susann Jehnichen

MDR KULTUR: Das DOK Leipzig 2021 ist die zweite Festival-Ausgabe unter Ihrer Leitung. Fühlt sich das DOK Leipzig für Sie schon normal an?

Christoph Terhechte: Normalität ist schwer zu definieren – vor allem in diesen Zeiten. Ich hoffe auch nicht, dass wir jetzt einfach von der Rückkehr zur Normalität sprechen können, auch wenn wir in diesem Jahr zu vielem Gewohnten zurückkehren können: Wir können Kinos mehr oder minder vollmachen oder Gespräche mit Filmschaffenden in Leipzig führen – also Festival-Atmosphäre schaffen. Aber die neue Normalität, die sich irgendwann einstellen wird, wird anders aussehen als die alte. Mit der Hybrid-Edition des vergangenen Jahres und der diesjährigen Ausgabe, die sehr viele verschiedene Elemente miteinander kombiniert, gibt es einen Beitrag dazu, diese neue Normalität zu finden.

In diesem Jahr soll es eine digitale Verlängerung geben, mit Angeboten im Netz für die zwei Wochen nach Festival-Ende. Was ist der Gedanke dahinter?

Das gehört zu dieser neuen Normalität: dass das digitale nicht mehr komplett wegzudenken ist. Wir werden uns auch weiterhin auf Zoom professionell oder privat unterhalten müssen und dürfen. Festivals werden hybrid bleiben, sodass Fachleute zum Festival kommen, die sonst vielleicht zu beschäftigt wären, aber für eine kurze Zeit online doch partizipieren können. Wir glauben, dass wir das Festival online verlängern können über den kurzen Festivalzeitraum hinaus, effektiver sein können und gleichzeitig die Möglichkeit geben, dass man dem Festival folgen kann, wenn man nicht in Leipzig ist. Es ist ganz wichtig, dass wir sowohl zeitlich als auch räumlich weiterdenken als nur über diese eine Woche in Leipzig hinaus. Es wird sicherlich bei vielen Festivals in Zukunft zu einer neuen Normalität gehören, dass man auch einen Teil für das Internet gestaltet.

Eröffnet wird das Festival mit dem Film "Der Rhein fließt ins Mittelmeer". Das ist geografisch natürlich nicht richtig. Was steckt hinter dem Titel?

Mann
Szenenbild aus "Der Rhein fließt ins Mittelmeer". Bildrechte: Offer Avnon

Das ist metaphorisch gemeint. Der Filmemacher Offer Avnon ist ein Israeli, der zehn Jahre in Deutschland gelebt hat – in Köln am Rhein. Nachdem er die deutsche Sprache perfekt gelernt hat und sich sehr wohlgefühlt hat, stellte er fest, dass er, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erringen, den israelischen Pass zurückgeben muss. Da hat er plötzlich Gewissensbisse gekriegt und ist nach Haifa zurückgegangen. Daher fließt für ihn der Rhein ins Mittelmeer. Der Film ist das Resümee dieser zehn Jahre und die Aufarbeitung all dessen, was ihm hier widerfahren ist, als Jude in Deutschland.

Frau
Mit diesem Film von Offer Avnon wird das Dok Leipzig 2021 eröffnet. Bildrechte: Offer Avnon

Sein Vater ist Holocaust-Überlebender aus Polen und Avnon trifft in seinem Film unter anderem Holocaust-Überlebende aus der Region, zum Beispiel einen alten Mann aus Görlitz, der heute in Israel lebt. Er trifft aber auch nicht-jüdische Deutsche, die vom Antisemiten bis zum ausgesprochenen Philosemiten rangieren. Das ist eine spannende Suche, die sich ganz oft auch über Landschaften und Gegenstände vermittelt. Daher ist er auch visuell höchst ansprechend. Für uns war es der perfekte Film, um unser Programm zu eröffnen, in dem es noch andere jüdische Themen und israelische Filme geben wird.

Darunter ist auch eine Hommage an Avi Mograbi. Der israelische Filmemacher wurde schon an anderen Orten gewürdigt. Was ist da der neue Punkt?

Ich weiß seit Jahren, dass Avis Mutter Leipzigerin war. In den 30er-Jahren, nachdem sie hier von der Hitlerjugend auf der Straße verprügelt wurde, ist sie nach Palästina emigriert. Sie hat das Glück gehabt, fliehen zu können. Und Avi Mograbi wäre, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte, Leipziger. Das ist für mich Grund genug, um in dem ersten Jahr, in dem ich Gäste einladen kann, Avi Mograbi als Ehrengast nach Leipzig zu holen.

Szenenbild: 'Once I entered a garden'
"Once I entered a garden" ist einer der Filme aus der Reihe "Hommage an Avi Mograbi" Bildrechte: Avi Mograbi

Seine Filme sind es sicherlich wert, denn er ist ein einzigartiger Dokumentarfilmer. In all seinen Filmen inszeniert er sich auch selbst und weist sich selbst eine Rolle zu. Nach einem Film über Ariel Sharon merkte er, wenn ich meine Persönlichkeit mit reinbringe, eine halbfiktive Persönlichkeit, dann kann ich letztlich was ganz anderes erzählen: nämlich von der Ohnmacht eines Filmemachers, der versucht, seine Realität zu begreifen und zu verändern.

In Deutschland reden wir viel über Krisen, von Klima und Demokratie. Gibt es auch ein Thema, das die Filmemacher weltweit umtreibt?

Die Frage wäre: Wie filmt man das Klima? Wie filmt man die Demokratie? Da sind sehr schwierig zu beantwortende Fragen. Da gibt es auch interessante Ansätze. Aber tatsächlich handeln deutlich weniger Filme vom Klima oder der Demokratie, sondern von Flucht und Vertreibung. Das ist eines der Hauptthemen bei uns, weil es da konkret um Menschen und die Auswirkungen auf Menschen geht, die man heute sieht und beobachten kann. Das reicht von Dokumentarfilmen, die einen Treck quer durch Mexiko bis zur amerikanischen Grenze begleiten, bis hin zu dem Camp Moria auf der Insel Lesbos, wo afghanische Flüchtlinge unter unmenschlichen Bedingungen leben müssen. Ein anderes wirklich interessantes und wichtiges Thema ist die immer noch nicht aufgearbeitete Zeit des Kolonialismus. Das betrifft auch uns Deutsche, auch wenn wir unsere Kolonien schon früh wieder verloren haben – zum Glück. Aber gerade dadurch hat die Aufarbeitung hier auch noch viel weniger stattgefunden als in anderen Ländern.

Das Dok Leipzig wird in erster Linie als Dokumentarfilmfestival wahrgenommen, aber es ist auch ein Animationsfilmfestival. Was haben Sie dafür in diesem Jahr geplant?

Filmszene: 'Flee'
"Flee" ist ein Animationsfilm über das Thema Flucht. Bildrechte: Final Cut for Real

Wir hoffen, wir werden diesen Umstand des Vergessens dadurch ändern, dass wir im nächsten Jahr mehr Akzent auf lange Animationsfilme lenken. In diesem Jahr zeigen wir zum Beispiel den Film "Flee", wo es auch wieder um Flucht geht. Das ist sicherlich einer der bewegendsten Animationsfilme des Jahres. Aber wir haben auch äußerst viel und sehr vielfältige Formen von Animationsfilmen: Die Bandbreite reicht von der Desktop-Animation über die klassische gezeichnete Animation bis zur Computeranimation. Wir haben auch ein Programm, das sich mit Themen rund um den Animationsfilm beschäftigt, wie Tongestaltung oder Musik. Das kulminiert in einem Abend in der Schaubühne, wo wir auch mit einer Videoinstallation und einer DJ-Situation arbeiten werden.

Was in Leipzig immer gut ankommen und das Festival auch geöffnet hat, sind die Vorführungen am Hauptbahnhof. Zum einen sind die kostenlos. Zum anderen habe ich gemerkt, dass die Filmemacher da gerne hinkommen, um hinterher mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Warum?

Ich glaube auch deswegen, weil dieses Publikum keines ist, was von vornherein schon weiß, was es eigentlich will, sondern ein Publikum, was auch noch offen ist für ein Medium, was es vielleicht nicht jeden Tag erlebt. Diese Durchgangssituation ist das Tolle. Jemand kommt aus der Halle des Bahnhofs heraus oder geht hinein und sieht plötzlich: Ah, da ist was, jetzt bleibe ich einfach hier stehen. Die Idee dahinter ist die Entdeckung und die Zufallsbegegnung. Ich glaube, die Filmemacher sind glücklich darüber, dass sie dann feststellen, wie kommen unsere Filme eigentlich bei denen an, wo wir nicht zu den Gläubigen predigen, sondern mit Menschen konfrontiert werden.

Szenenbild: 'The Cars We Drove Into Capitalism'
In "The Cars We Drove Into Capitalism" erzählen Menschen von ihren Erlebnissen mit Autos aus sozialistischer Produktion wie Trabi, Wartburg oder Skoda. Bildrechte: Georgi Bogdanov, Boris Missirkov

Am Montagabend läuft der Eröffnungsfilm parallel in der Eröffnungsveranstaltung mit geladenen Gästen und im Hauptbahnhof. Dort werde ich dann auch mit dem Filmemacher Offer Avnon hingehen und über den Film sprechen. Dann gibt es jeden Tag einen anderen Film aus dem Programm. Am Mittwoch zum Beispiel eine Koproduktion des MDR: "The Cars We Drove into Capitalism". Da geht es um Menschen, die heute noch ihre Autos aus sozialistischer Produktion pflegen. Ein Stück amüsante Ostalgie werden wir also auch feiern.

Das Gespräch führte Filmredakteur Stefan Petraschewsky für MDR KULTUR.

Weitere Informationen Das Festival Dok Leipzig findet vom 25. bis 31. Oktober an verschiedenen Orten in Leipzig statt.

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