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Ein streitbarer Verfechter für die Menschlichkeit: Der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König. Sein Sohn, Regisseur Tilman König, hat ihn mit der Kamera beim Eintritt in den Ruhestand begleitet. Daraus entstanden ist der Film "König hört auf", der am 18. Oktober 2022 Premiere beim Filmfestival DOK Leipzig feiert. Bildrechte: Weltkino Filmverleih/Tilman König

InterviewIm Kino: "König hört auf" – Porträt des ehemaligen Jugendpfarrers Lothar König

von Lars Tunçay, MDR KULTUR

Stand: 11. November 2022, 11:02 Uhr

In der DDR wurde Lothar König von der Stasi überwacht. Seit der Wende engagiert er sich gegen Rechtsextremismus und stand deswegen immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit und der Justiz. Er wurde von Neonazis verprügelt und wegen der Teilnahme an einer Demo gegen Faschismus in Dresden 2011 wegen schweren Landfriedensbruchs angeklagt. Als zahlreiche Videodokumente von polizeilicher Gewalt gegen Demonstranten ans Licht kamen, wurde die Anklage schließlich fallengelassen. Die nimmermüde politische Arbeit, seine Rolle als Jugendpfarrer in der Kirche und die Sozialarbeit mit Migranten gehören ebenso zu seiner Natur wie die Wut und das stete Nerven seines Umfelds. Tilman König hat ein vielschichtiges Porträt über seinen Vater gedreht, das im Deutschen Wettbewerb des DOK Leipzig Filmfestivals Premiere gefeiert hat. Am 17. November ist bundesweiter Kinostart.

MDR KULTUR: Ihr Vater steht im Licht der Öffentlichkeit und ist geschult im Umgang mit den Medien. Wie haben Sie sich ihm mit der Kamera genähert?

Tilman König: Dass man über Lothar einen Film machen könnte, lag ja eigentlich auf der Hand, und als Filmemacher schwirrte mir das schon länger im Hinterkopf herum. Man sollte als Dokumentarfilmer bestenfalls von seinem direkten Umfeld erzählen, dem, womit man sich auskennt. Aber ich habe mich halt relativ lange davor gedrückt, denn es gibt sowohl in dem familiären Umfeld als auch in dem Milieu tausend Dinge, auf die ich aufpassen muss und wo ich gucken muss, was will ich mit dem Film zeigen, was will ich nicht zeigen. Kann der Film etwas bewirken oder wird es eher ein Film, den sich irgendwelche Nazis angucken und sich aufgeilen, weil sie Lothar König mal an einem schwachen Punkt in seinem Leben sehen.

Wie "König hört auf" entstanden ist

Drei Jahre lang begleitete Tilman König seinen Vater, den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König, bei seinem Eintritt in den Unruhestand. Er zeigt ihn bei seinen Predigten, den Demos, Punk-Konzerten im Jugendclub und dabei, wie er seine Habseligkeiten in Kisten verpackte und auf den seit Jahren leerstehenden Hof der Familie in Leimbach bei Nordhausen zog. Er war dabei, wenn es laut wurde und als die Stille einkehrte. Rund 70 Tage verbrachten sie miteinander und mit Tilmans Kamera.

Die Verantwortung war sehr groß und andererseits wollte ich auch keinen Film machen, der Lothar ein Denkmal setzt und zeigt, was für ein toller Typ er ist. Darum ging es mir auch nicht. Ich wollte den Menschen zeigen und auch die nervigen Seiten von ihm. Das habe ich mir lange nicht zugetraut. Dann kam aber die Verabschiedung aus dem Amt und mir war klar: Wenn ich es jetzt nicht mache, dann ist der wichtige Teil seiner Arbeit weg und es wird ein anderer Film.

Ein Leben in Kisten: Mit der Entpflichtung aus seinem Amt als Jugendpfarrer musste Lothar König auch die kirchliche Wohnung räumen. Bildrechte: Weltkino Filmverleih/Tilman König

Sie zeigen Ihren Vater als streitbaren, unbequemen Menschen, der sein Umfeld stets herausfordert. Wie war die Zusammenarbeit für Sie als Sohn und Filmemacher mit ihm?

Lothars nervige Seite ist auf der anderen Seite auch sein Plus, weil er sich in jeder Situation die Möglichkeit offenhält, in Opposition zu gehen. Sowohl in der Politik als auch im familiären Kreis, etwa auf einer Hochzeit. Da kann es passieren, dass Lothar sagt, "lass uns die Tische umstellen", wenn ihm etwas nicht passt. Das kann total nerven, aber dieses ständige sich Einmischen, dieses Einfordern, noch aktiver zu sein, das ist eine Eigenschaft, die er auch im Politischen einbringt. Wo er anderen Leuten, die völlig in ihrer Parteipolitik gefangen sind, sagen kann: Stopp! So nicht! Mit seinen kleinen Rumnervereien trainiert er jeden Tag für die große politische Bühne und hält sich frisch.

Filmemacher Tilman König hat seinen Vater Lothar König innerhalb von 3 Jahren gefilmt, beim Eintritt in den Ruhestand - entstanden ist das Porträt "König hört auf". Bildrechte: Oto König

Für meine Arbeit war es wichtig, ihm am Anfang immer gleich klar machen, dass ich zum Filmen da bin und nicht zum Helfen. Sonst konnte es sein, dass er einen direkt einspannte, etwa zum Getränkeholen aus dem Keller.

Ihr Vater scheint auch nach dem Eintritt in den Ruhestand nicht wirklich zur Ruhe zu kommen.

Ja, als etwa Kemmerich sich in Thüringen mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsidenten wählen lies, fuhr er am Abend der Entlassung aus dem Krankenhaus noch hin, um an einem Podium teilzunehmen. Mit Krücken in der Hand ließ er seine Wut und Entrüstung darüber raus, dass so wenig passiert in Erfurt. Das fand ich krass, wo er da die Kraft hernimmt – und gleichzeitig wurde mir klar: Aus der Wut über so etwas.

Der seit Jahren leerstehende Hof der Familie bei Nordhausen wird zum neuen Projekt für den Unruhestand. Bildrechte: Weltkino Filmverleih/Tilman König

Hat sich Ihr eigener, persönlicher Blick auf Ihren Vater gewandelt?

Unsere Beziehung hat es auf jeden Fall enger gemacht. Bei allem, was anstrengend und nervig war. Ich habe noch nie so viel Zeit mit ihm verbracht und dabei auch gesehen, was er alles macht und anstrengt, damit unsere Demokratie nicht krachen geht. Wie viel er herumfährt und überall dabei ist, auch wenn es, wie er sagt, eine bürgerliche Demo ist – er ist trotzdem mit seinem Lauti dabei und macht mit.

Sein Leben für die Demokratie einzusetzen – das finde ich schon cool. Es hat mich auch dazu gebracht, darüber nachzudenken, wann ich zuletzt auf einer Demo war. Ich hoffe, dass das auch anderen Leuten so geht, dass sie mitbekommen, dass es wichtig ist, Gesicht zu zeigen, aktiv zu werden. Nicht nur rumzunölen und sich aufzuregen über Politiker, die es nicht hinkriegen, sondern selbst aktiv zu werden. Das ist das Wichtigste, was ich mit meinem Film erreichen will. Gerade jetzt.

Das Interview führte Lars Tunçay für MDR KULTUR.

Kinotour "König hört auf" mit Regisseur Tilman König:Begleitend zum Kinostart am 17. November beginnt eine Kinotour, auf der Regisseur Tilman König seinen Film in ausgewählten Kinos präsentiert.

TOURDATEN (Auswahl):

Jena (Kino im Schillerhof)
17. November, 19:30 Uhr

Dresden (Schauburg)
18. November, 20:00 Uhr

Leipzig (Kinobar Prager Frühling)
20. November, 18:00 Uhr
(Passage Kinos)
28. November, 18:45 Uhr

Halle (Puschkino)
21. November, 19:00 Uhr

Magdeburg (Moritzhof)
22. November, 18:00 Uhr

Weimar (Kommunales Kino mon ami)
23. November, 19:00 Uhr

Gera (Metropol Kino) 24. November, 18:00 Uhr

Chemnitz (Clubkino)
2. Dezember, 19.30 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 17. Oktober 2022 | 20:40 Uhr