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WebserieDie Webserie "In Art We Trust"

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"In Art We Trust" – Die Leipziger Kunstwelt als Webserie

von Lydia Jakobi, MDR KULTUR

Stand: 17. Februar 2021, 15:37 Uhr

Wer es in der Kunst zu etwas bringen will, braucht ein dickes Fell. Einzigartig und innovativ muss man sein, die Konkurrenz aushalten. Sich jahrelang in prekären Brotjobs verdingen und trotzdem ganz der Muße hingeben. Dazu kommen die kulturpolitischen Diskussionen der letzten Jahre: Was darf und soll Kunst überhaupt? Studierende der Kunsthochschule Leipzig greifen diesen Themenkomplex in der Webserie "In Art We Trust" auf. Sie erzählt von Idealen und Zukunftsängsten, von Macht, Liebe und dem Haifischbecken der Kunstwelt.

Der Kunststudent, der sich in dieser Geschichte Hegmendon nennt, ist der typische Zweifler. Tief in einer Schaffens- und Sinnkrise verfangen, starrt er geistesabwesend ins Bierglas: "Ich besitze keine Tupperdose, habe keinen Aktenkoffer, kein Großraumbüro, keine Datsche in der Nähe von Grimma, keine Wachsjacke, kein Stipendium und keine Galerie. Welche Erzählung bleibt mir dann noch?" Früher sei er in seinem Dorf der Einzige gewesen, der etwas mit Kunst mache, erzählt Hegmendon seiner Mitbewohnerin Daphne am Küchentisch. An der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ist das aber anders. Dort spielt die Webserie "In Art We Trust".

Dort wollen rund 500 Studierende dasselbe wie die Serienfigur Hegmendon. Kunst machen, etwas schaffen, bedeutend sein. Sich in die Rolle Hegmendons hineinzuversetzen, fiel dem Schauspieler Jaschar Markazi Noubar nicht schwer: "Das war ein Thema, an das ich gut anknüpfen konnte – auch mit meinen persönlichen Fragen danach, was Kunst will."

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Die verzweifelte Suche nach der künstlerischen Identität

Hegmendon wird von Selbstzweifeln zermürbt, die ihn zunehmend am Sinn der Kunst zweifeln lassen. Bildrechte: Benedict Reinhold

Die Idee für die Miniserie bei YouTube stammt von Benedict Reinhold. Er studiert Medienkunst an der HGB und kam schon 2017 auf den Gedanken, aus dem Hochschulleben eine Art Telenovela zu machen – mit Liebe, Intrigen und kritischem Gehalt – etwa in Bezug auf die sächsische Hochschulpolitik, die die Zahlung von Fördermitteln an konkrete Zielvorgaben knüpft. Zuletzt hatte die HGB sie nicht komplett erfüllt. Deswegen fiel ihr Budget um einige Tausend Euro kleiner aus. Das sei ein Inspirationsquell gewesen, sagt Benedict Reinhold: "Eine weitere Anregung war die Landtagswahl 2019 in Sachsen, als plötzlich die Gefahr im Raum stand, dass die AfD irgendwie an der Regierung beteiligt wird. Was würde das für die Kunstszene und die Fördermittel bedeuten?"

Kunst zwischen Kulturpolitik und Verwertungslogik

Die Webserie "In Art We Trust" spielt an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Fragen werden in der Serie an vier Charakteren entlang erzählt: Neben Hegmendon sind das Diamantis, der politische Aktivist, der während des Seminars genüsslich an einem Rettich knabbert, die privilegierte Daphne aus wohlhabendem Elternhaus und Ophelia, die sich als eigenes Start-Up mit großen Karriereambitionen versteht. In fünf kurzen Folgen durchleben sie das Gerangel um begehrte Preise, fragen sich, wie ihre Zukunft nach dem Diplom aussieht und was die fiktive rechtspopulistische Regierung für die Kunst bedeutet.

Daneben gibt es kleine Spitzen gegen einen der berühmtesten Namen der Kunsthochschule: Neo Rauch. Das sei ein Gag, schmunzelt Irma Blumstock, die die Serie produziert und 2016 ihr Diplom an der HGB gemacht hat: "Neo Rauchs Geist ist nie aus der Hochschule verschwunden und Studierende aus dem Ausland machen hier mit dem Gedanken an die Leipziger Schule ein Erasmus-Semester."

"Versuch doch mal, einen röhrenden Hirsch zu malen"

Ein anderer Geist lebt in der Serie im Keller und tritt als innere Stimme oder personifizierte Kulturpolitik auf: Der Werkstattleiter – dargestellt vom Leipziger Schauspieler Christoph Müller. Dieser Kulturverfall müsse ein Ende haben, raunt er der karriereorientierten Ophelia zu. Abstraktion, das sei Dekadenz, die keiner verstehe. Man brauche Kultur als einen Spiegel des Selbstverständnisses der sächsischen Bürger. Ophelia solle doch mal versuchen, einen röhrenden Hirsch zu malen.

Irma Blumstock (Produzentin), Benedict Reinhold (Drehbuch, Regie) und Jaschar Markazi Noubar (Darsteller Hegmendon) – "In Art We Trust" Bildrechte: Lydia Jakobi


Man sieht der Webserie "In Art We Trust" das Selbstgemachte an. Das, was man in der Kultur teilweise abwertend, teilweise ironisch-anerkennend als Trash bezeichnet, wird von den Machern aber auch bewusst eingesetzt. Zugleich profitieren die Filmchen von den Innenansichten derer, die die Kunstwelt mit all ihrem Glanz und ihren Gemeinheiten kennen.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 17. Februar 2021 | 12:10 Uhr