Interview Tatort "Neugeboren": So wird Luise Wolfram vom Sidekick zur Ermittlerin

Luise Wolfram wurde in Apolda geboren und wuchs in Jena auf. Die Schauspielerin begann ihre Laufbahn bereits im Alter von sieben Jahren, spielte als festes Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne und wurde dem Publikum mit Rollen in der Fernsehserie "Charité" oder der Komödie "Kiss Me Kosher" bekannt. Jetzt startet die 32-Jährige im Bremer Tatort durch. Dort ist Luise Wolfram seit langem als eigenwillige BKA-Beamtin Linda Selb zu sehen – mit der Episode "Neugeboren" wird ihre Figur nun Teil des Ermittlerteams.

MDR KULTUR: Im Tatort Bremen gab es schon Linda Selb, die BKA-Beamtin, eine Nebenfigur. Wie haben Sie die damals aufgefasst?

Luise Wolfram: Die ist sozial nicht ganz so gut aufgestellt. Hat aber dafür eine große Begabung, also ein fast ein Genie-Begabung in dem, was sie macht. Darum sucht man sie auch immer wieder, weil man weiß, sie bringt sogar Ergebnisse, auch wenn sie sozial permanent aufstößt. Das war eher so ein Sidekick. Ich hatte damals das Glück, die Rolle auch ohne Casting zu bekommen, weil der Regisseur Florian Baxmeyer mein Demo-Band gesehen hatte, was irgendwie anscheinend dieser Art Humor der Rolle entsprach. Und dann hat er mir sie einfach angeboten. Und mir war klar, das mach ich und ich konnte natürlich überhaupt nicht absehen, welchen Weg das Ganze jetzt geht. Dass sie überhaupt wiederauftaucht, war nicht klar zu Beginn. Dann war natürlich nicht klar, dass das Ermittlerteam aufhören wird, ein neues gesucht wird und dass Linda Selb dazu gehört, das ist wirklich schon eine ganze Reise mit dieser Figur.

Haben Sie dann doch erstmal überlegt, ob Sie in den Tatort gehen? Das ist populär, das sehen viele Leute. Es kann ja aber auch sehr festlegen und einschränken.

Ich habe mich eigentlich gefreut, weil ich, wie gesagt, diese Figur so mochte. Und wenn man mir vielleicht eine ganz neue Figur angeboten hätte, hätte ich vielleicht noch einmal anders darüber nachgedacht. Aber da die Figur mein Herz schon längst hatte, war die Entscheidung für mich ziemlich klar und all das, was sie jetzt gerade ansprechen, an Gedanken über den Tatort, kann man auch sehr gut sehen in der "How to Tatort"-Mockumentary, die immer noch in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Wo man wirklich mit diesen ganzen Klischees, die der Tatort mit sich bringt, ja, wo wir uns einfach auch darüber lustig machen. Und das empfinde ich als sehr befreiend, dass man eine Art Distanz oder Augenzwinkern dazu bewahrt.

Luise Wolfram
In der Mockumentary "How to Tatort" nimmt Luise Wolfram den Tatort und sich selbst aufs Korn. Bildrechte: Radio Bremen/btf

Eine gefälschte Dokumentation, um das mal so zu sagen, als Miniserie mit ihren beiden neuen Partnern, Jasna Fritzi Bauer und Dar Salim. Wie ging es Ihnen dabei? Sie haben ja sich ja letztlich selbst gespielt.

Unglaublich, dass das so gut funktioniert, dass diese Ebene so verrutscht und man wirklich irgendwann glaubt – 'Moment mal, das ist doch jetzt mindestens echt'. Mir sind Leute begegnet, die gesagt haben 'Du tust mir so leid, dass ihr euch in eurem Team nicht versteht.' Und ich dachte, das ist der Wahnsinn, dass das funktioniert, dass man das denkt. Wenn wir echt solche Probleme miteinander hätten, würden wir wahrscheinlich nie erlauben, dass man das ausstrahlt. Insofern ich habe mich da sehr gerne selber gespielt, weil ich natürlich auch wieder eine große Freiheit darin gespürt habe, irgendetwas zu sagen, was überhaupt nicht meine Meinung ist. […] Es gab beim Dreh für den richtigen Tatort auf jeden Fall Momente, wo wir uns angeguckt haben und gesagt haben, 'Okay, eigentlich ein "How to Tatort"-Moment'. Da haben wir schon für Staffel zwei Momente gesammelt.

Jasna Fritzi Bauer, Dar Salim, Luise Wolfram (v.l.n.r.)
Jasna Fritzi Bauer, Dar Salim, Luise Wolfram sind das neue Ermittler-Team im Tatort Bremen Bildrechte: Radio Bremen/bildundtonfabrik-Daniel Milz

Wie geht es jetzt mit Linda weiter? Wenn Sie zu einer Hauptfigur wird, dann muss sie sich vielleicht auch etwas mehr öffnen, obwohl ihr das so schwerfällt.

Also was das schöne an diesem Tatort ist, man weiß jetzt als Zuschauer okay, es gibt ein neues Team, schalte ich mal ein heute Abend. Es ist aber nicht so, dass wir da bereits als perfekt funktionierendes Team auftreten, was ja irgendwie auch ein bisschen krude wäre. Sondern es passiert, dass wir drei aus unterschiedlichen Richtungen mit völlig unterschiedlichen Motivationen aufeinandertreffen und überhaupt nicht wissen, dass wir zu einem Team werden. Aber wir werden durch die Überlastung der Bremer Polizei gezwungen, zusammenzuarbeiten und kommen über diese 90 Minuten in irgendeinem Zustand von Teamwork, der mal schlecht, mal recht funktioniert. Das macht glaube ich Freude zuzugucken dabei. [...] Linda kommt man auf jeden Fall näher. Sie hat sich auch ein bisschen verändert über die Zeit, die Momente, die man jetzt mit ihr erlebt, haben andere Schwerpunkte. Sie muss natürlich sich auch anstrengen mit Jasna Fritzi Bauers und Dar Salims Figuren ein bisschen mehr zu kooperieren.

 Dr. Adolphe Jung (Hans Löw, l.) und Margot Sauerbruch (Luise Wolfram, r.) beginnen, Professor Sauerbruchs Sekretärin zu misstrauen.
Luise Wolfram als Margot Sauerbruch in "Charité" Bildrechte: ARD/Julie Vrabelova

Was wird sein in 10, in 20 Jahren? Was planen Sie jetzt für sich selber?

In 20 Jahren, da krieg ich direkt Schweißausbrüche, wenn ich mir vorstelle, was in 20 Jahren sein soll, da bin ich 53. Dazu habe ich kein bisschen Fantasie. Auch zu 43 wird es schon schwierig. So wie es gerade läuft und wie die Dinge sind, bin ich doch recht zufrieden. Ich hoffe einfach, dass ich diesen Zustand aufrechterhalten kann. Dass man mit dem jetzt ganz gut zufrieden ist und ja, die einen oder anderen schönen Erlebnisse nach der Corona-Zeit wieder mitnehmen wird und sie auch vor allem wirklich mehr schätzt. Also dieses zusammen im Theater sitzen zum Beispiel. Mir war gar nicht so bewusst, dass das so ein großer Teil ist, jenseits von dem, was man auf der Bühne sieht, sondern dieser Moment, was zusammen zu erleben. Darauf freue ich mich zum Beispiel.

Das Interview führte Knut Elstermann.

Luise Wolfram - im Film Matilda spielt sie die deutsche Ehefrau von Nikolai II, Alix von Hessen-Darmstadt. 38 min
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio Mo 24.05.2021 12:00Uhr 38:28 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Luise Wolfram - im Film Matilda spielt sie die deutsche Ehefrau von Nikolai II, Alix von Hessen-Darmstadt. 38 min
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Tatort "Neugeboren" Die erste Folge des neuen Tatort aus Bremen ist am 24. Mai 2021, 20:15 Uhr im Ersten sowie in der ARD-Mediathek zu sehen. In den Hauptrollen spielen Luise Wolfram, Jasna Fritzi Bauer und Dar Salim.

Film und Schauspiel aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Mai 2021 | 12:00 Uhr

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