Interview "Good Bye, Lenin!" bis " Das Leben der Anderen" – dominieren westdeutsche Filme den Blick auf den Osten?

"Nur weil irgendwo Spreewaldgurken oder Rotkäppchen-Sekt rumsteht, wird daraus eben nicht die DDR", findet Filmhistoriker Andreas Kötzing. Stimmt es, dass der Osten vom Westen noch immer kulturell dominiert wird? Der Filmhistoriker vom Hannah-Arendt-Institut in Dresden forscht genau zu diesem Thema und hat gerade ein Buch zum Thema Stasi im Film herausgegeben. Hier erzählt er, welche Filme über Ostdeutschland im Kino und Fernsehen fehlen.

Andreas Kötzing
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MDR KULTUR: Wie sehen Sie die Filmgeschichte der letzten 30 Jahre? Stimmt dieses Bild – der Westen erzählt dem Osten seine Vergangenheit?

Andreas Kötzing: Dieses Bild hat zumindest lange Zeit in der Nachwendezeit gestimmt. Also in den 90er-Jahren kann man tatsächlich beobachten, dass es anfangs noch so das Bedürfnis gab, von ehemaligen DEFA-Regisseurinnen, sich mit der DDR-Geschichte zu beschäftigen, die mit diesen Filmen dann Anfang der 90er-Jahre nicht sonderlich erfolgreich waren. Und dann hat es wirklich lange Zeit aufgehört, dass ostdeutsch sozialisierte Filmemacherinnen und Filmemacher sich mit diesem Thema beschäftigt haben. Und diese Bühne ist dann tatsächlich von westdeutschen Regisseuren besetzt worden, zum Teil ja auch sehr erfolgreich. Und wie ich finde, mit schwankender Qualität.

Da gibt es schlechtere Beispiele, da gibt es bessere Beispiele, Filme, die erfolgreich waren und die bestimmte Bilder geprägt haben. Denken wir an Wolfgang Becker und "Good Bye, Lenin!" zurück. Ein Film, der ja sowohl im Osten als auch im Westen Deutschlands durchaus erfolgreich gewesen ist, aber auch dann so um die 2000er-Jahre herum liegt. An Leander Haußmann kann man sich erinnern mit "Sonnenallee", ein ostdeutsch sozialisierter Regisseur, der einen großen Erfolg gefeiert hat. Und es sind meinen Augen vor allem Prägungen gewesen, die sich auch in der DDR-Erinnerungskultur in diesen Jahren widerspiegeln.

Seit dem Erfolg des Films von Florian Henckel von Donnersmarck ["Das Leben der Anderen", Anm. d. Red.] hat es interessanterweise kaum noch Filme gegeben über die DDR-Vergangenheit, in denen die Stasi nicht vorkommt.

Andreas Kötzing, Filmhistoriker

Wir hatten da schon eine sehr starke Fokussierung, natürlich auf die Aufarbeitung der Diktatur, auf Fluchtgeschichten, sehr viel Mauerbau und Mauerfall, große Familiendramen vor dem Hintergrund der deutschen Teilung, das waren lange Zeit die Themen, die dort dominiert haben, vor allem natürlich immer wieder Stasi-Geschichten. Da hat "Das Leben der Anderen" 2006 einen ganz großen Marker gesetzt. Seit dem Erfolg des Films von Florian Henckel von Donnersmarck hat es interessanterweise kaum noch Filme gegeben über die DDR-Vergangenheit, in denen die Stasi nicht vorkommt.

Also da gab es schon eine sehr, sehr lange Prägung, und wir haben allerdings schon seit einigen Jahren würde ich sagen, so ein bisschen Versuche, diesen Diskurs aufzubrechen, zum Teil ja auch erfolgreich aufzubrechen. Filmemacher wie Andreas Dresen zum Beispiel mit "Gundermann", der 2018 auch in verschiedenen Interviews gesagt hat, es muss jetzt mal darum gehen, dass wir uns unsere Biografien wieder zurückerobern.

Aber auch andere Regisseure in jüngerer Vergangenheit, die noch eigene Erfahrungen aus der DDR mit in ihre Filme eingebracht haben wie Andreas Kleinert zum Beispiel, bei "Lieber Thomas", ein toller Film aus dem letzten Jahr oder Bernd Böhlich, mit "Und der Zukunft zugewandt", auch von 2018.

Also, es gab da in jüngerer Zeit durchaus Versuche, gegen diesen westlichen Blick so ein bisschen anzuarbeiten und Geschichten zu erzählen, die vielleicht dann tatsächlich ein bisschen differenzierter sind als das, was an Bildern vorher über die DDR vermittelt wurde im Film.

MDR KULTUR: Ich bin ja noch nicht so richtig überzeugt bei dem, was Sie sagen, gegen diesen westlichen Blick anzuarbeiten, wobei sie, da diese These von der westlichen Dominanz sehr deutlich auch reformulieren. Wenn wir nämlich zwei Filme anschauen, wie zum Beispiel "Good Bye, Lenin!" von Wolfgang Becker und wenn sie den dann mit "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck vergleichen, können Sie da überhaupt eine gemeinsame westdeutsche Perspektive auf den Osten erkennen?

Nein, so pauschal kann man das natürlich tatsächlich nicht sagen. Es gibt ja DIE westdeutsche Perspektive nicht, genauso wenig wie es DIE ostdeutsche Perspektive gibt. Aber interessanterweise hat man bei "Das Leben der Anderen" beobachten können, dass sehr viele Leute, die mit einem eher westdeutsch geprägten Blick sich diesem Film genähert haben, ihn sehr stark fanden, ihn sehr beeindruckend fanden, vor allem auch unter filmischen Gesichtspunkten. Und das ging manchen Zuschauern in Ostdeutschland auch so. Und die haben dann aber interessanterweise sehr, sehr viele Teile herausgefunden oder bemerkt an diesem Film, die mit ihrer Lebenswirklichkeit tatsächlich wenig zu tun hatten.

Ich mache das aber auch tatsächlich gerne an dieser Stasi-Dominanz fest in den Filmen, die man wirklich sehr zentral beobachten kann, wo es ja tatsächlich auch ein Bedürfnis gab, etwas aufzuarbeiten, was ja sinnvoll und richtig war. Und immer, wenn wir mehr Veranstaltungen hatten, wo wir darüber diskutiert haben, kam dann sehr häufig aus dem Publikum in ostdeutschen Städten, dass es richtig und wichtig ist. Aber dann die Frage, was hat es eigentlich mit mir zu tun? Wo steckt meine Lebenswirklichkeit in diesen Filmen drin?

Das hat nicht nur etwas mit dem Osten zu tun, sondern das hat in meinen Augen auch etwas damit zu tun, wie generell Geschichtskino in Deutschland funktioniert.

Andreas Kötzing, Filmhistoriker

Und ich glaube, das ist das, worum es geht: So ein bisschen dieses Gefühl, da gibt es auch ein Leben jenseits dieser Diktaturerfahrung, Alltagserfahrungen aus der Arbeitswelt, Menschen, die einfach gelebt haben, und das sind die Geschichten, die man dort vermisst. Und da muss man natürlich aber der Ehrlichkeit halber sagen, die kann man auf der westdeutschen Seite genauso vermissen. Also die Erzählungen, die es da über die Bundesrepublik gibt, die sind nicht unbedingt differenzierter. Das hat also nicht nur etwas mit dem Osten zu tun, sondern das hat in meinen Augen auch etwas damit zu tun, wie generell Geschichtskino in Deutschland funktioniert.

MDR KULTUR: Es bräuchte sozusagen einen neuen Neorealismus?

Vielleicht einfach das Bedürfnis, auch mal von so Jahrestagen und großen historischen Ereignissen wegzukommen und sich tatsächlich mal mit Alltagsbiografien zu beschäftigen. […] Arbeit ist ein ganz großes Thema in der DDR gewesen, die Definition über die Arbeitswelt. Aber heutzutage dreht in Deutschland fast niemand mehr Filme über Arbeiter […]. Während des in Frankreich oder in England eine ganz große Tradition hat.

Heutzutage dreht in Deutschland fast niemand mehr Filme über Arbeiter […]. Während des in Frankreich oder in England eine ganz große Tradition hat.

Andreas Kötzing, Filmhistoriker

MDR KULTUR: Es gibt immer ein Gegenargument: Thomas Stuber mit "In den Gängen" oder jetzt auch der "Polizeiruf" aus Halle. Er thematisiert den Osten, er ist Jahrgang 1981. Er ist offensichtlich fasziniert vom Osten, aber er sieht, finde ich, auch einen ganz bestimmten Osten. Bei dem ist er ja auch wieder grau und auch eher klein und prekär.

Ja, wobei Thomas Stuber ein gutes Beispiel dafür ist, dass sich da, glaube ich, auch in den Generationen etwas wandelt. Also diese ganz starren Ost-West-Bilder, die werden wir wahrscheinlich schon in naher Zukunft in dieser Form vielleicht gar nicht mehr erleben. Und dass wir über Ost-West-Teilung oder Ost-West-Wahrnehmung noch immer reden, wird sich hoffentlich in den nächsten Jahren auch ein Stück weit abschleifen, indem wir eine jüngere Generation von Filmemachern erleben, die vielleicht ganz andere Fragen stellt und die auch neue Bilder entwickelt im Umgang mit der Vergangenheit.

Es müssen ja nicht immer diese Sepiafarben, es müssen nicht immer die Familiendramen vor dem Hintergrund des Mauerbaus oder des Mauerfalls sein. Es gibt da ja unzählige andere Geschichten, die es wert wären, erzählt zu werden. Das gilt übrigens auch für die Nachwendezeit in Ost und West. Da klaffen in meinen Augen eigentlich noch viel größere Lücken bei den Geschichten, die bislang nicht erzählt worden sind.

Diese ganz starren Ost-West-Bilder, die werden wir wahrscheinlich schon in naher Zukunft in dieser Form vielleicht gar nicht mehr erleben.

Andreas Kötzing, Filmhistoriker

Das Gespräch führte für MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. April 2022 | 18:40 Uhr

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