Interview Schauspieler Peter Kurth zum "Polizeiruf" in Halle: "Ein Stück Heimat"

Schauspieler Peter Kurth ist bekannt aus Rollen in "Goodbye Lenin", "Babylon Berlin" oder dem "Tatort". In den Filmen "Herbert" und "In den Gängen" hat er bereits mit dem Leipziger Autor Clemens Meyer und dem Regisseur Thomas Stuber zusammengearbeitet – so auch jetzt für den aktuellen Polizeiruf 110 "An der Saale hellem Strande" zum 50. Jubiläum der TV-Krimi-Reihe. Im Interview mit MDR KULTUR-Filmexperte Knut Elstermann erklärt Kurth, warum ihn Halle als Schauplatz gereizt hat.

MDR KULTUR: Du bist gerade 64 Jahre alt geworden, und obwohl du schon unheimlich viel gemacht hast: Jetzt ist vielleicht der Zeitpunkt deiner größten Bekanntheit, gerade durch "Babylon Berlin", aber auch durch andere schöne Sachen,wie den Zweiteiler "Altes Land". Ich habe den Eindruck, jetzt mit 64 bist du auf der Höhe deines Ruhms – siehst du das selber auch so?

Kommissar Michael Lehmann (Peter Schneider) und Kommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth) am Tatort, abgesperrt mit Flatterband.
Kommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Kommissar Michael Lehmann (Peter Schneider, rechts) am Tatort in Halle. Bildrechte: MDR/filmpool fiction/Felix Abraham

Ja, es scheint so, und ich werde auch immer wieder darauf angesprochen. Bei mir ist das mit dem Drehen, also Fernsehen und auch Kino, sehr spät losgegangen. Da war ich 42.

Ich komme aus dem Osten, ich habe in Magdeburg an einem Kinder- und Jugendtheater angefangen, wo ich sehr viel gelernt habe. Ich habe mir da eine große Gelassenheit erarbeitet. Wenn du da etwas tust, was die Kinder nicht annehmen können, weil da irgendwas nicht stimmt, dann ist Radau da unten. Das ist eine richtig knallharte Schule gewesen.

Der "Polizeiruf", ein Überlebender des Ostfernsehens, hat es geschafft: 50 Jahre werden gefeiert, und zwar mit einem Special, in Halle auch noch. Und es sind mehrere Fälle, die da miteinander verwoben werden. Ihr beide tretet da auf in einer anfangs fast klassischen Arbeitsteilung der Kommissare: Du bist eher das Raubein und Peter Schneider ist das Sensibelchen – aber ihr führt uns auch etwas aufs Glatteis und spielt mit den Klischees der Ermittler?

Peter Kurth als Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch (r.) und und Peter Schneider als Kriminalkommissar Michael Lehmann (l.)
Peter Kurth (links) in der "Polizeiruf 110"-Jubiläumsausgabe "An der Saale hellem Strande" Bildrechte: MDR/filmpool fiction / Felix Abraham

Das ist interessant, wenn du das so siehst – jeder sieht das ja anders. Ich sehe, dass der Film gleich anfängt mit Geschichten, erstmal die beiden Figuren nur auf ihren Arsch gesetzt werden und man kann zugucken: Wie arbeiten die?

Das liegt auch in der Geschichte des Polizeirufes, dass die ganzen Ermittler meistens nie eine familiäre Geschichte haben mit Problemen. Im "Tatort" wird das ja sehr gerne gemacht: Der hat ein Alkoholproblem, der hat ein anderes Problem.

Dass erstmal diese normale Polizeiarbeit Hauptfigur ist, finde ich sehr schön. Das funktioniert auch gut. Es hat so eine ganz feine Art und Weise von Humor.

Aber trotzdem teilen sie sich ja mit, man erfährt schon etwas über sie, aber nicht biografische Fetzen oder sowas.

Nein, wir haben auch unsere Geschichte, aber die wird eben eingeflochten – das ist nicht ein wichtiger Bestandteil dessen: Wie kaputt muss man sein, um das machen zu können oder was weiß ich.

Ein normaler Kriminalhauptkommissar lacht sich sowieso schlapp, wenn der sowas sieht. Aber wir haben wirklich auch ein bisschen versucht, da eine Brücke zu schlagen, dass man nicht so weit weggeht von der Realität. Wir müssen natürlich größer arbeiten, wir wollen ja Geschichten erzählen, wir wollen auch spannend sein. Wenn wir das normale Leben eines Kriminalhauptkommissars aufzeichnen würden, als eine Dokumentation, das hält keiner drei Stunden aus oder anderthalb.

Was bedeutet dir das überhaupt – du kommst aus dem Osten – dass so eine Institution wie der "Polizeiruf" überlebt hat? Ist es dir wichtig, im Jubiläums-"Polizeiruf" dabei zu sein?

Drehstart für den Jubiläums-Polizeiruf „An der Saale hellem Strande“ (AT). Das Team in der „Freiraumgalerie“ in Halle (Saale). 17.11.2020
Foto vom Drehstart für den Jubiläums-Polizeiruf "An der Saale hellem Strande" in Halle im November 2020. Bildrechte: Felix Abraham

Das ist erstmal natürlich ein sehr guter Sendetermin. Natürlich bin ich froh, ich wäre ja blöd, wenn ich das nicht wäre. Ich freue mich sehr darüber, weil das natürlich auch meine Jugend und mein Erwachsenwerden in der DDR mit heißt.

Ich habe neulich mal darüber nachgedacht: Ein Stück Heimat ist das auch, und diesen Begriff "Heimat" haben wir auch versucht, in unsere Arbeit, in diesem "Polizeiruf", ja – nicht wirklich zu verarbeiten, aber es hatte unwahrscheinlich viel mit Heimat zu tun.

Meine Eltern kamen aus Sachsen-Anhalt: Nienburg bei Bernburg, zwei Tanten lebten in Halle, und eine lebt noch dort. Und mit Cousinen und Cousins. Und ich war als Kind mindestens einmal im Jahr in Halle. Also, ich kenne Halle sehr gut. Das hat mich sehr gefreut, dass das gerade Halle ist. Ich weiß auch von diesem Menschenschlag. Ich bin da sozusagen nicht ganz falsch. In Düsseldorf zum Beispiel müsste ich eine andere Geschichte erzählen, dann wäre das nicht meine Geschichte.

Einer der ganz großen Helden meiner Kindheit und Jugend ist dein Schwiegervater gewesen, Kurt Böwe. Er steht für mich ganz besonders in einer DDR-Schauspieltradition, in einer bestimmten Tradition von Verantwortung dem Publikum gegenüber, vielleicht sogar mit einer Art von moralischer Bedeutung von Kunst. Ist das bei dir ähnlich?

Mir ist es auf jeden Fall wichtig, immer zu zeigen: Woher komme ich, woher kommt die Geschichte, woher kommt diese Figur, also Brücken zu schlagen. Dieser "Polizeiruf" zum Beispiel, das ist wunderbar, ich hab den als Jugendlicher, als Heranwachsender, gesehen. Das war natürlich auch ein Ort im Fernsehen, der die Chance hatte, subversiv zu sein, weil man den Täter – im Dialog sozusagen – zu Wort kommen ließ.

Und das war ja offiziell nicht möglich – aber dort im Fernsehen ging das. Das wurde natürlich kontrolliert und beäugt, da wurde nichts durchgelassen. Aber allein dass das möglich war, ist ja eine sehr interessante Sache. Deshalb finde ich das auch gut, dass so etwas überlebt hat, weil das natürlich – ich sage es jetzt mal so blöd – dem Menschen, der im Osten gelebt hat, auch zeigt: Ok, wir haben hier nicht alles abgeschnitten.

Dass ich dabei sein kann und meine Erfahrung, die ich damals gesammelt habe, die Chance habe, jetzt nochmal hier auf den Tisch zu legen, auch als Figur – dann bin ich dafür sehr gerne verantwortlich, wenn du die Verantwortung ansprichst.

Das Interview führte MDR KULTUR-Filmexperte Knut Elstermann.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Mai 2021 | 12:05 Uhr

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