"Tatort"-Kommissar Ehrlicher Peter Sodann wird 85: Ein Leben als Schauspieler, Regisseur, Theaterintendant

Einer, der ihn als jungen Mann erlebt hatte, sagte mal, der Sodann gebe nie Ruhe, er habe wohl Bienen im Kopf. Tatsächlich neigt er sein ganzes Leben dazu, sich sehr zu verausgaben. Beim Studentenkabarett "Der Rat der Spötter" in Leipzig legte Peter Sodann 1961 einen Auftritt hin, der ihm neun Monate Haft einbrachte. Er bewährte sich in der Produktion, so konnte er rund 20 Jahre später in Halle eine Kulturinsel aus dem Boden stampfen. Nach der Wende wurde er als "Tatort"-Kommissar Ehrlicher zur Stimme des Ostens. Als sturer Idealist hatte er da bereits begonnen, eine eigene Bibliothek aus entsorgten DDR-Büchern aufzubauen. Später stellt er sich sogar zur Bundespräsidentenwahl. Am 1. Juni wird er nun 85. Wir gratulieren!

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, dann und wann braucht er eine Idee vom Leben, sagt Peter Sodann. Der Schauspieler, Theaterprinzipal und Büchermensch feiert am Dienstag seinen 85. Geburtstag und hatte Zeit seines Lebens daran keinen Mangel. Auch an Überzeugungen fehlt es ihm nicht. Eine lautet, dass Bücher nicht auf den Müll gehören. 1989 begann Sodann, alles zu sammeln, was in der DDR gedruckt wurde. Es war die Zeit, als Büchereien ihre DDR-Bestände wie Altpapier entsorgten. Auf drei Millionen Bände wuchs seine DDR-Bibliothek über die Jahrzehnte an.

Lebensläufe: Der Schauspieler Peter Sodann - Querulant, Moralist, Kommissar
In Staucha bei Riesa lebt Peter Sodann heute. Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

So verkaufte Sodann sein Wohnhaus in Halle und zog nach Staucha, ein kleines Dorf bei Riesa in Sachsen. Im ausgebauten Kuhstall des ehemaligen Ritterguts, den die Gemeinde seinem Verein 2011 zur Verfügung stellte, stehen sie nun ordentlich katalogisiert all die Bände: "historisches Kulturgut", sagt Sodann.

Der Bücherbewahrer Peter Sodann

Lebensläufe: Der Schauspieler Peter Sodann - Querulant, Moralist, Kommissar
Drei Millionen Bände vereint die DDR-Bibliothek bereits. Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Es kämen viele Menschen, die sich bei ihm bedankten, dass er gegen das Vergessen anarbeite, erzählt er. Andere hielten ihn für blöd, auch das weiß er. Immerhin bis nach China scheint sich rumgesprochen zu haben, dass es seine Bibliothek gibt, eine Anfrage zu Goethe und Karl Marx hat ihn einmal aus Fernost erreicht, weiß Sodann zu berichten. So trotzt seine Bibliothek, in der Honecker neben Gorbatschow steht, mehr als 30 Jahre nach Wende und Einheit der Auffassung, dass sich Geschichte einfach so erledigen ließe.

Ich wusste nicht, wie schnell Menschen ihre Vergangenheit vergessen. Aber ich kannte den Ausspruch: Das Vergessen ist die Mutter der Verwahrlosung.

Peter Sodann Lebensläufe

Um andernorts im Osten solche Sammlungen aufzubauen, wird schließlich sogar eine Genossenschaft gegründet.

Lebensläufe: Der Schauspieler Peter Sodann - Querulant, Moralist, Kommissar
Die Peter-Sodann-Bibliothek in Staucha Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Der Leipziger und Dresdner "Tatort"-Ermittler als Stimme des Ostens

Hauptkommissar Ehrlicher (Peter Sodann, l.) wundert sich über das Interesse seines Kollegen Kain (Bernd Michael Lade, r.) an der Jagd.
Hauptkommissar Ehrlicher mit seinem Kollegen Kain, gespielt von Bernd Michael Lade. Bildrechte: MDR/Spitz

Peter Sodann hat sich für seine Überzeugungen manches Mal fast aufgerieben. Nach der Wende spielt er den grummelnden "Tatort"-Kommissar Bruno Ehrlicher, der zwischen 1992 und 2007 erst in Dresden und dann in Leipzig ermittelt. Er gibt den Mann mit Vergangenheit, Ehrlicher alias Sodann gilt bald als Stimme des Ostens und avanciert zur gesamtdeutschen Sehenswürdigkeit. Sodann wird Ehrenkommissar in Sachsen und Sachsen-Anhalt, bekommt schließlich sogar das Bundesverdienstkreuz und meint dennoch rückblickend:

Man sagte über Ehrlicher oft: 'Sie sind die Stimme des Ostens.' Aber das ist schwer erkämpft, muss ich sagen.

Peter Sodann Lebensläufe

Geprägt: Kriegskind und Arbeiter-Student

Wie vieles in seinem Leben: In Meißen wird Peter Sodann am 1. Juni 1936 geboren. Seine Mutter ist Landarbeiterin, sein Vater Stanzer und Kommunist. Erst 1944 wird Willi Sodann im Alter von 44 Jahren zur Wehrmacht eingezogen, er fällt noch im selben Jahr an der Ostfront. Ein Verlust, der ihn bis heute präge, sagt Peter Sodann, der nun doppelt so alt wird wie sein Vater:

Ich habe immer davon geträumt, dass mein Vater mich an die Hand nimmt und sagt: 'Komm, wir gehen jetzt mal in die Dorfschänke und trinken ein Glas Bier.'

Peter Sodann Lebensläufe

Sodann wächst allein bei seiner Mutter in Weinböhla bei Meißen auf. Bücher sind damals seine Freunde, wie er sich erinnert. Das Lesen habe er sich ein bisschen selber beigebracht. Eher zum Unmut seiner Mutter.

Ich bin betender Kommunist. Als Jugendlicher habe ich die Bergpredigt und das Kommunistische Manifest gelesen. Und festgestellt, dass es gar keine so großen Unterschiede gibt. Jedenfalls keine so großen, dass man sich deswegen gegenseitig die Schädel einschlagen müsste.

Peter Sodann MDR KULTUR

Nach der Schule beginnt er, im VEB Elektrowärme Sörnewitz eine Lehre zum Werkzeugmacher. Der strebsame, klassenbewusste junge Mann engagiert sich in Freier Deutscher Jugend (FDJ), Deutsch-Sowjetischer Freundschaft (DSF) und der Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Am 17. Juni 1953 erlebt er, wie sowjetische Panzer nach dem Arbeiteraufstand auf dem Werksgelände auffahren. Er tritt aus der DSF aus – und dann doch wieder ein, weil er das Motorradfahren bei der GST doch so geliebt habe. So wie den Volkstanz und das Einradfahren.

"Rat der Spötter": Von der Kabarett-Bühne in den Stasi-Knast

1954 bis 1957 darf er sein Abitur an einer Arbeiter- und Bauern-Fakultät nachholen und ein Jura-Studium in Leipzig beginnen. An der Universität lehren damals noch Professoren wie der Philosoph Ernst Bloch, der Literaturwissenschaftler Hans Mayer oder der Historiker Walter Markov, die den Marxismus undogmatisch und weltläufig interpretieren. Doch das wird sich ändern.

1959 wechselt Peter Sodann an die Theaterhochschule, gründet das Studentenkabarett "Der Rat der Spötter" mit und steht selbst auf der Bühne. 1961 witzelt er über das Parteiorgan "Neues Deutschland", eine Ausgabe schiebt er einem Stoffhund in den Hintern, um es "unverdaut" wieder hervorzuziehen. Im Jahr des Mauerbaus kommt das nicht gut an, das Programm "Wo der Hund begraben liegt" wird als konterrevolutionär gewertet, die Truppe verboten. Für Sodann geht es um zehn Jahre Gefängnis wegen staatsgefährdender Hetze. Nach neun Monaten in U-Haft wird die Strafe in vier Jahre Bewährung umgewandelt. Er darf sich in der Produktion bewähren – und 1963 sein Studium fortsetzen.

Vom Berliner Ensemble zum neuen theater nach Halle

Helene Weigel nimmt den Querulanten 1964 am Berliner Ensemble auf. Regisseur Manfred Wekwerth nimmt sich seiner an und sagt über Sodann:

Ich nannte Sodann immer frei nach Strittmatter Bienkopp, Bienen im Kopf haben, keine Ruhe geben, heißt das ja. Für Leute, die ihre Ruhe haben wollten und ängstlich waren, war Sodann immer gefährlich. Weil er nie Ruhe gab. Aber das war bei uns sehr gefragt und wahrscheinlich von Brecht geprägt, so passte er sehr gut rein.

Manfred Wekwerth (1929-2014) Regisseur am Berliner Ensemble

Sodann bleibt trotzdem nicht lange, denn die großen Rollen spielen immer schon andere, Hilmar Thate oder Ekkehard Schaller. Er will mehr sein als ein passabler Nebendarsteller. Sodann sammelt Erfahrungen in Erfurt, Karl-Marx-Stadt und Magdeburg. Inzwischen hat er eine Familie mit vier Kindern, die in Leipzig ausharrt.

Brecht, Wander, Müller: Sodann als Theater-Regisseur

Kulturinsel Halle Sachsen Anhalt
Auch die Kulturinsel in Halle ist sein Lebenswerk. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Als Schauspieldirektor geht er 1980 ans "Theater des Friedens" nach Halle. "Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche", lautet die Losung, die er ausgibt. Gegen alle volkswirtschaftlichen Widrigkeiten baut er mit seinen Leuten ein altes Kino zum "neuen theater" um. Es sollte zum Zentrum einer "Kulturinsel" mitten in der Altstadt von Halle werden.

Aufklärung statt bloße Zerstreuung, bleibt das Motto des Theatermachers. Das finden manche altmodisch. Sodann sagt, er habe eben seine Prinzipien. Dabei wechselt er gern äußerst dialektisch die Rollen. Als Regisseur bringt er Stücke wie Bertolt Brechts "Galileo Galilei", Maxi Wanders "Guten Morgen, du Schöne" oder Heiner Müllers "Der Auftrag" auf die Bühne.

Dialektik von Leben und Rolle

Barbara Behrends (Julia Brendler, Mitte vorn) Eltern (Heide Kipp, Peter Sodann) haben Georg Kalisch angezeigt und verfolgen das Verfahren im Gerichtssaal.
"Verbotene Liebe": Familie Behrends im Gerichtssaal. Peter Sodann als Vater, der das Drama mit einer Anzeige des Nachbarssohnes wegen Missbrauchs seiner Tochter in Gang setzt. Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/Herbert Kroiss

Als Schauspieler mimt er den Hamburger Kommunisten John Scheer im DDR-Fernseh-Zweiteiler "Ernst Thälmann" und bekommt dafür den Nationalpreis. Die Darsteller der Bösen, beispielsweise von Goebbels, gehen leer aus, wie er sich heute kopfschüttelnd erinnert. Peter Sodann überzeugt in Filmen von Regisseur Helmut Dziuba, wie in dem gesellschaftskritischen Drama "Verbotene Liebe" um zwei junge Liebende, deren Familien verfeindet sind und in dem nichts ist, wie es scheint. Heute ein Klassiker der DEFA.

Der Superintendent (Otto Sander,li) und Pfarrer Ohlbaum (Ulrich Mühe) predigen Gewaltlosigkeit bei den Montagsdemonstrationen in der Nikolaikirche.
Gemeinsam mit Otto Sander oder Ulrich Mühe spielt Peter Sodann in Frank Beyers Loest-Verfilmung "Nikolaikirche", allerdings auf der anderen, hier nicht sichtbaren Seite als Stasi-General Bildrechte: MDR/WDR/Christa Köfer

Nach der Wende mimt Sodann nicht allein den "Tatort"-Kommissar. Der einst von der Stasi Verfolgte stellt im ZDF-Zweiteiler "Deutschlandspiel" den Stasi-Chef Erich Mielke dar oder einen kapitulierenden Stasi-General in Frank Beyers Verfilmung des Loests-Romans "Nikolaikirche" (1995) über das Ende der DDR. Dass er mit einer Figur, die angelehnt ist an den Leipziger Stasi-Chef Manfred Hummitzsch, genau den Mann spiele, der ihn als Studentenkabarettisten einst vernommen habe, findet Sodann "fantastisch".

Weniger begeistert ihn, dass seine Rolle als Theater-Direktor in Halle 2005 jäh endet, die Stadt löst ihn ab: "Dass ich vor die Tür gesetzt werde, tut schon sehr weh", sagt er damals. Der frisch ernannte Ehrenbürger Halles wollte eigentlich gern das 25-jährige Jubiläum des "neuen theaters" zum Anlass für einen selbstbestimmten Rücktritt mit 70 nehmen. Die Wunden scheinen geheilt zu sein. Zum 80. Geburtstag haben ihm Stadt und "neues theater" eine große Feier ausgerichtet.

Wechsel auf die politische Bühne

Lebensläufe: Der Schauspieler Peter Sodann - Querulant, Moralist, Kommissar
Peter Sodann unterwegs bei Staucha Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Sodann wechselt 2005 nicht in den Ruhestand, sondern noch einmal die Rolle und auf die politische Bühne, er engagiert sich für "Die Linke", lässt sich aufstellen als deren Kandidat für die Bundespräsidentenwahl 2009. Gegen Amtsinhaber Horst Köhler ist er nahezu chancenlos, trotzdem sorgt er für einigen Wirbel: mit Forderungen nach einem "Sozialismus neuer Prägung". Das System der ehemaligen DDR könne freilich nicht als Vorbild dienen, räumt er ein. Die Demokratie sieht er allerdings auch schon schwächeln. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise sagt er, als echter "Polizeikommissar" würde er Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verhaften.

Inzwischen ist es ruhiger um Peter Sodann geworden. Er spielt zuletzt kleinere Rollen in der Literaturverfilmung "Der Turm" (2012), im Spielfilm "Die Männer der Emden" oder in "Gundermann" – ansonsten nimmt er sich weiter Zeit für seine Bücher, für ihn sind sie wie Gefährten – und Zeitzeugen wie er nun selbst einer ist. Was er Jüngeren wohl auf den Weg mitgeben würde?

Wohltun, wo man kann. Freiheit über alles lieben. Wahrheit auch vor dem Throne nicht verleugnen. Mehr geht nicht.

Peter Sodann Lebensläufe

Filme mit Peter Sodann in der Mediathek ansehen

Eine schwere Stunde für Alfred Mannschatz (Peter Sodann, links): sein Freund Bruno Pfefferkorn (Hans-Peter Hallwachs, Mitte) und dessen Atlatus Kodelwitz (Axel Wandtke)stellen ihn vor einer Entscheidung. Nur wenn er seinen Schwiegersohn aus dem Westen holt, kommt seine schwangere Tochter frei. 94 min
Eine schwere Stunde für Alfred Mannschatz (Peter Sodann, links): sein Freund Bruno Pfefferkorn (Hans-Peter Hallwachs, Mitte) und dessen Atlatus Kodelwitz (Axel Wandtke)stellen ihn vor einer Entscheidung. Nur wenn er seinen Schwiegersohn aus dem Westen holt, kommt seine schwangere Tochter frei. Bildrechte: MDR/Peter Krajewsky

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juni 2021 | 07:30 Uhr

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