DEFA-Geschichte Andreas Dresens Filme erzählen Ost-Geschichten ohne Klischees

Knut Elstermann
Bildrechte: Jochen Saupe

Der Regisseur Andreas Dresen ist mit seinen Filmen zu seiner eigenen Marke geworden. Seine Werke feiern große Erfolge in ganz Deutschland und wurden mit mehreren Auszeichnungen auf internationalen Festivals bedacht. Dabei ging Dresen nie den leichten Weg. Er hätte sich sehr schnell als der Regisseur des Ostens etablieren, eine Marktlücke besetzen können. Genau das wollte er nicht und er hat Filmprojekte stets abgelehnt, wenn sie ihm zu vordergründig einen folkloristischen Ostblick bedienten. Im Gespräch mit MDR KULTUR erzählt der Regisseur von seiner Prägung durch die DEFA.

Regisseur Andreas Dresen hat sich vorschnellen Zuschreibungen immer entzogen und wurde so aus seinen Erfahrungen heraus, durch seinen unbestechlichen Blick, durch seine künstlerische Meisterschaft, durch seine Aufrichtigkeit zu einer der wichtigen, ostdeutschen Stimmen, die in diesem Land zu vernehmen sind. 

Gundermann
Plakat zum Film "Gundermann" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es reicht, seinen jüngsten Film zu betrachten: "Gundermann". Der Liedermacher aus dem Osten war ein ebenso origineller wie widersprüchlicher Künstler. Im Tagebau arbeitend, baggerte er die Natur ab, deren Zerstörung er in seinen Liedern beklagte. Der überzeugte Sozialist flog aus der Partei, spitzelte für die Stasi und wurde selbst überwacht. Andreas Dresens Film stellt den viel zu früh gestorbenen Rockpoeten auf keinen Sockel, sondern setzt ihn von Anfang an seiner zwiespältigen Vergangenheit aus. Der einfühlsame, überaus sorgfältig inszenierte Film beschönigt und verkleinert nichts, arbeitet aber sehr genau und differenziert heraus, wie Haltungen entstehen und ausgenutzt werden. Kein Fan-Biopic und keine simple Täter-Opfer-Gegenüberstellung, sondern ein kluger und bewegender Musikfilm über ein gelebtes Leben mit all seinen Idealen, Verstrickungen, Verrat und Enttäuschungen. Es wurde höchste Zeit für solche Filme über die DDR.

Bis heute ist für mich in meinen Filmen wichtig, von diesen Menschen zu erzählen, die letztendlich das Land am Laufen halten.

Andreas Dresen, Regisseur

Bei Gesprächen und in Briefen aus dem Westen Deutschlands haben Zuschauerinnen und Zuschauer ihm mitgeteilt, dass sie durch den Film vielleicht zum ersten Mal intensiver über das Leben hinter der Mauer nachgedacht haben, über einen Alltag, der sehr viel mehr war als die übliche, leitartikelhafte Beschränkung auf Opportunismus und Widerstand.

Ein sanfter Rebell tritt sich seinen Pfad

Andreas Dresen, geboren 1963 in Gera, ist der Sohn der Theaterschauspielerin Barbara Bachmann und der Theaterregie-Legende Adolf Dresen, von dessen Berliner Inszenierungen Zuschauerinnen und Zuschauer noch heute schwärmen. Und er ist Ziehsohn des nicht weniger legendären Theatermannes Christoph Schroth. Dass er sich dem großen Erbe dieser Theaterfamilie stellte und zugleich entzog, dass er zunächst ganz auf den Film setzte, spricht für das Wesen eines sanften Rebellen, der nichts über den Haufen wirft, aber konsequent seinen eigenen Weg geht. Dresen wurde an der Filmhochschule Konrad Wolf in Babelsberg dafür ausgebildet, in der DDR Filme bei der DEFA zu machen. Als er mit dieser Ausbildung fertig war, am Ende als Meisterschüler des Regisseurs Günther Reisch, gab es keine DDR oder DEFA mehr.

Ich muss fairerweise sagen, ich hatte Glück. Ich bin in eine Situation reingekommen, in ein kurzes Zeitfenster, wo es tatsächlich auch von Seiten westlicher Produzenten ein waches Interesse gab für den gut ausgebildeten Nachwuchs von der Filmhochschule Babelsberg.

Andreas Dresen über das Ende von DDR und DEFA

Der Blick auf die Menschen und ihre Gefühlswelt

Dresen trat dieses Erbe an, fühlt sich den besten Traditionen des DEFA- und des osteuropäischen Films – vor allem des sowjetischen – tief verbunden, etwa dem poetischen Realismus eines Wassili Schuschkin. Zugleich entdeckte Dresen seine Themen und Geschichten vor der eigenen Haustür und fand sich schnell und sehr professionell zurecht unter den völlig neuen Produktionsbedingungen. Schon in seinem ersten Kinofilm "Stilles Land" gibt es den ganzen Dresen: das Unheroische, auch Komische der Zeitenwende, das Menschlich-Konkrete im Abstraktum der Geschichte. Dieser schöne Film von 1992 sagt noch heute mehr über die DDR, über die täglichen Kompromisse, den kleinen und den großen Mut, als die meisten pathetischen Wende-Epen.

Die Inspirationen all seiner Filme sind immer die Menschen und ihre Geschichten, ihre Leiden, Sehnsüchte und Träume. Ihn interessieren seine Figuren, die sich ganz selbstverständlich in der sozialen Welt bewegen. Dresen verfilmt keine politischen Ideen, er erzählt Geschichten von Menschen, die – ob sie wollen oder nicht – politische Wesen sind. 

Ein Dresen-Universum voller Energie

Die Mitarbeitenden tauchen tief in seine Projekte ein, an denen sie mündig arbeiten: Steffi Kühnert, Axel Prahl, Thorsten Merten, Milan Peschel, Horst Westphal, Andreas Schmidt, Inka Friedrich, Nadja Uhl, Gabriela-Maria Schmeide und viele andere. Selbst jene Darstellenden, die bisher nur einmal mit ihm gearbeitet haben, sind unverwechselbare Dresen-Schauspielerinnen und -Schauspieler, Bewohner seines Universums. Einige seiner Schauspielerinnen und Schauspieler waren bereits bei der DEFA sehr bekannt wie Michael Gwisdek, Ursula Werner und Kurt Böwe, worauf Dresen sehr stolz ist.

Andreas Dresen mit Nadja Uhl und Inka Friedrich auf einer Bank am Filmset
Regisseur Andreas Dresen am Filmset zum Film "Sommer vorm Balkon" mit den Schauspielerinnen Nadja Uhl und Inka Friedrich. Bildrechte: IMAGO / United Archives

Er entdeckt im Privaten das Politische, ohne vordergründig ein politischer Regisseur zu sein. Es war nur folgerichtig, dass er zum Dichter am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg berufen wurde. Zudem ist er auch noch Filmprofessor in Rostock, sein Arbeitspensum ist unglaublich, seine Energie wohl unbegrenzt. Im DEFA 75-Podcast von MDR KULTUR spricht Andreas Dresen, der lange Vorsitzender der DEFA-Stiftung war, über die Babelsberger Tradition, etwa über den Stil der Schauspielerinnen und Schauspieler. Er wirft einen keineswegs unkritischen, sehr differenzierten Blick zurück auf das DEFA-Studio, das beinahe seine Heimat geworden wäre.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. März 2021 | 11:18 Uhr

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