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InterviewLeander Haußmanns neue "Stasikomödie": "Ich setze der Feigheit ein Denkmal"

Stand: 19. Mai 2022, 04:00 Uhr

Nach "Sonnenallee" und "NVA" präsentiert der in Quedlinburg geborene Regisseur Leander Haußmann den Abschluss seiner DDR-Trilogie: "Leander Haußmanns Stasikomödie". Ein Film, der in der Gegenwart beginnt und schnell zur humoristischen Auseinandersetzung mit der Staatssicherheit wird, nominiert für vier deutsche Filmpreise. Im Interview mit Anna Wollner verrät Haußmann, wie persönlich der Film für ihn ist.

Herr Haußmann, Filme über die Stasi gibt es viele. Was wollten Sie mit ihrer "Stasikomödie" anders machen als andere Stasifilme?

Ich wollte zunächst einmal unterhaltsam sein. Das will ich ja immer. Und ich wollte nicht nur retrospektiv erzählen, sondern auch über die Gegenwart. Mein Film beginnt in der Gegenwart. Er beginnt mit einem ganz normalen Vorfall, der auch heute überall stattfinden kann. Ein Vorfall, in dem ein Betrug auffliegt. Der Mann, der da seine Stasiakte nach Hause bringt und die Stasi war da ja sehr genau, muss feststellen, dass dort ein Liebesbrief in dieser Akte drin ist, der da nicht hingehört und der auch nicht von seiner Frau ist, die neben ihm sitzt. Und da werden einige Fragen gestellt und die muss er beantworten. Das ist der lange Arm der Stasi.

Wir müssen uns unserer Vergangenheit stellen. Aber wir sollten heutzutage nicht so tun als wären wir Unschuldslämmer. Ich versuche etwas darüber zu erzählen, dass die Geheimdienste nicht ausschließlich mit Pistolen durch die Welt laufen, Leute umlegen oder in Foltergefängnisse sperren. Ich will etwas über den Alltag erzählen. Den Alltag der Bespitzelung, ein Alltag, dem wir ausgeliefert sind gegenüber Menschen, die sehr viel Macht haben.

Was ist dabei Ihr kinematographischer Ansatz?

Ich versuche Bilder, Erzählungen, Szenen, Figuren und Charaktere zu finden, die es so nicht gibt. Ich versuche, mich vom Schwarz-Weiß-Malen zu entfernen. Und ich versuche vor allem, zu vergeben. Denn auch ich müsste vergeben. Einigen dieser willfährigen Werkzeuge eines Systems, das nicht unbedingt darauf ausgerichtet war, uns frei als freie Persönlichkeiten sich entwickeln zu lassen. Mein Vater hatte zehn Jahre Berufsverbot. Ich wurde oft beschattet und hatte einen Ausreiseantrag. Ich hätte nie Karriere machen können. Und dennoch glaube ich, dass Vergebung der einzige Weg ist, dass wir uns irgendwie wohler fühlen in dieser Zeit und dass wir über diese Dinge reden können. Gut und Böse gibt es nicht. Nicht für uns, die wir in diesem Staat aufgewachsen sind und versucht haben, zu überleben. Ich setze im Grunde der Feigheit ein Denkmal.

Mein Vater hatte zehn Jahre Berufsverbot. Ich wurde oft beschattet und hatte einen Ausreiseantrag. Ich hätte nie Karriere machen können.

Leander Haußmann, Regisseur

Wie gut sind Sie denn im Vergeben?

Regisseur Leander Haußmann Bildrechte: IMAGO/APress

Ich bin sehr gut im Vergeben. Ich kämpfe nicht. Ich kämpfe keine sinnlosen Kämpfe oder versuche zumindest nicht zu kämpfen. Und ich habe vergeben. Ich weiß nicht, ob der Westdeutsche vergeben hat, der nicht gelitten hat. Das sind ja die, von denen ich die meisten Einwände höre. Es ist leider immer wieder so, dass man sich vom Westen erklären lassen muss, wie es im Osten war. Und das strengt uns Ossis leider sehr an, das ist das Problem. Wer hat hier die Deutungshoheit? Der, der dort gelebt hat oder der, der nur darüber gelesen hat und sich einbildet zu wissen wie es war? So dass es in vier Seiten Geschichtsbuch in der Schule passt, um es gelangweilten Schülern aufs Auge zu drücken.

Es ist leider immer wieder so, dass man sich vom Westen erklären lassen muss, wie es im Osten war. Und das strengt uns Ossis leider sehr an.

Leander Haußmann, Regisseur

Es ist nach "Sonnenallee" und "NVA" jetzt der Abschluss ihrer DDR-Trilogie. Der Titel ist einfach nur "Leander Haußmann Stasikomödie". Ist das Ihr persönlichster Film aus der Trilogie?

Ich fand es lustig in diesem Fall und soll auch nicht wieder vorkommen, meinen Namen in den Titel zu nehmen. Eben weil es eine sehr persönliche Sicht ist. Es ist meine Sicht auf die Stasi und ich übernehme die volle Verantwortung dafür. In "NVA" habe ich meine Armeezeit verarbeitet, in "Sonnenallee" meine Jugend. Ich war ja nicht bei der Stasi, ich war auf der anderen Seite. Das Experiment, sich in jemanden hineinzuversetzen, der dabei war und vielleicht gar nicht so viel Schuld auf sich geladen hat, das hat mich gereizt. Durch die Stasi konnte er sein Talent des Schreibens ausbauen. Wurde Schriftsteller. Fast schon wider Willen. Das ist mein Humor, das sind die Geschichten, die ich erzählen will. Nicht immer nur Gut gegen Böse.

Es ist meine Sicht auf die Stasi und ich übernehme die volle Verantwortung dafür.

Leander Haußmann, Regisseur

Wie meinen Sie das?

Diese ständige Unterteilung in Gut gegen Böse regt mich auf. Wo ist denn die DDR hergekommen? Sie ist ja nicht vom Himmel gefallen. Wir haben uns da in unserer eigenten historischen Bequemlichkeit eingerichtet. Es gibt den Oppositionellen und den bösen, schmallippigen kalten Stasi-Mann. Diese Klischees, diese Archetypen, die funktionieren für mich aber nur in den Geschichtsbüchern, aber nicht in der Realität, nicht im Alltag.

Wie schwierig ist es heute, die DDR filmisch wieder auferstehen zu lassen?

Detlev Buck war schon in Haußmanns "Sonnenallee" zu sehen, auch in der neuen "Stasikomödie" spielt er wieder einen Volkspolizisten. Bildrechte: UFA Fiction / Constantin Film Verleih, Foto: Nik Konietzny

Sie steht noch. In Polen. Wir haben in Wroclaw gedreht. Da drehen fast alle, die die DDR brauchen. Auch wenn die Computertechnik mittlerweile besser ist und man viel digital wieder auferstehen lassen kann, ist es schwer. Weil es historisch ist. Das ist so, als würde man einen Film über das 18. Jahrhundert machen. Das nimmt sich nicht viel. Aber das war es schon bei "Sonnenallee". Da war es schon historisch da. Da war die DDR schon verschwunden. Also ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Aber sie war weg. Sie war nicht mehr zu finden.

Trotzdem hatte ich im Film das Gefühl, ich kann die DDR riechen!

Das liegt an meinem Ausstatter Lothar Holler. Er weiß, wovon er spricht. Wir wissen beide, wovon wir sprechen. Wir kennen uns aus. Bei "Sonnenallee" sind wir mehr auf das DDR-Marketing eingegangen und haben vor allem auf DDR-Design gesetzt. Vom Kassettenrekorder über die Mode etc. Aber genau darauf haben wir jetzt verzichtet, weil wir festgestellt haben, dass der Westen gar nicht genug kriegen kann von Spreewaldgurken und Tapeten. Deswegen haben wir darauf bewusst verzichtet. Uns geht es nicht mehr darum, die DDR niedlich zu finden, sondern zu begreifen, dass es immer zwei Seiten gibt. Es gibt immer die, die, die leben wollen, die Hedonisten, die Spaß haben wollen, die sich am Ende des Tages auch verweigern. Und es gibt die auf der anderen Seite die Behörde, die das nicht gut gutheißen kann, den Spießer.

Weil wir festgestellt haben, dass der Westen gar nicht genug kriegen kann von Spreewaldgurken und Tapeten [...] haben wir darauf bewusst verzichtet. Uns geht es nicht mehr darum, die DDR niedlich zu finden.

Leander Haußmann, Regisseur

Hätte die Stasi heute Erfolg, wenn es sie noch gäbe?

Szene aus "Leander Haußmanns Stasikomödie" Bildrechte: UFA Fiction / Constantin Film Verleih, Foto: Nik Konietzny

Die Stasi hätte überhaupt gar keine Chance. Es war ja alles analog und es musste alles unglaublich organisiert werden. Alleine wenn die jemanden abhören wollten. Da mussten die teilweise ganze Wohnungen und Häuser mieten, um das zu verkabeln. Inzwischen ist in unseren Alltagsgeräten alles so vernetzt. Wir laufen wie offene Bücher durch die Straße. Unser Vertrauen in diese Dinge ist geradezu grenzenlos. Das war bei uns nicht so, wir hatten kein Vertrauen. Wir müssen aufhören, uns einzubilden, dass Geheimdienste gut oder schlecht seien. Geheimdienste sind Geheimdienste, sie machen ihren Job, und den machen sie oft auf hohem kriminellen Niveau. Sie haben wie James Bond die Lizenz zu allem Möglichen, vor allem auch zum Töten. Aber Töten muss ja nicht immer nur Leben nehmen, sondern es kann ja auch wie bei meinem Vater, das Zerstören der Existenz sein, der Karriere-Grundlage. Das wird auch heute nicht weiter honoriert. So ein Leid wird gar nicht wahrgenommen.

Das Gespräch führte Anna Wollner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 19. Mai 2022 | 08:10 Uhr