Crowdfunding-Projekt Animationskunst aus Leipzig: Handgemachte Roboter im Steampunkstil

Generationen wuchsen auf mit Mickey Mouse und Co. Heute erleben Kinder Animationsfilme dank CGI-Technik in 3D, können abtauchen bei "Findet Nemo" oder frösteln mit der "Eiskönigin". Aber es gibt auch immer noch handgemachte Animationskunst. Figuren wie "Shaun das Schaf" oder "Wallace und Gromit" werden mit Stop-Motion-Technik Bild für Bild bewegt. Ein junger Leipziger Filmemacher arbeitet schon seit acht Jahren am Film "Das Getriebe im Sand".

Animationskünstler Valentin Felder bei der Arbeit
Animationskünstler Valentin Felder bei der Arbeit Bildrechte: Maximilian Enderling

Die Werkstatt von Valentin Felder ist voll, aber aufgeräumt und klar strukturiert: Der Bereich am Fenster ist der für die Holzarbeiten, hier hängen Schnitzmesser und Stechbeitel ordentlich aufgereiht an der Wand. In der Mitte des Raums befindet sich der Bereich für Metallarbeiten. Hier werden winzige Fingerglieder aus Stahl gefräst, aus denen mal mechanische Hände werden sollen, jedes Glied mit einem noch einmal kleineren Gewinde für die Gelenke. "Anfangs habe ich vor allem mit Messing gearbeitet, weil das ein sehr einfaches und schönes Material ist. Aber irgendwann sind die Teile so klein geworden, dass die Festigkeit von Messing nicht mehr ausgereicht hat und dann bin ich dazu übergegangen, auch mit Stahl zu arbeiten", erklärt er dazu.

Vom Hochbett zum Materiallager, von der WG zum Filmstudio

Hinter den stählernen Fingern liegen Zahnräder und vieles mehr. Hinten im Raum hat sich Valentin Felder auch noch eine kleine Arbeitsecke für Elektronik eingerichtet, versteckt unter einem alten Hochbett. Zum Schlafen wird es schon lange nicht mehr genutzt. Valentin Felder hat es zum Materiallager umfunktioniert.

Vor einem Modell
Vor einem Modell Bildrechte: Maximilian Enderling

Aus der Wohnung in Leipzig-Plagwitz, die früher mal WG war, hat Felder ein Filmstudio gemacht. Seit acht Jahren arbeitet er an einem Stop Motion Animationsfilm. Noch als Schüler hatte er mit einem Freund damit begonnen: "Wir haben uns da die Geschichte ausgedacht, uns die notwendigen Techniken angeeignet, Figuren und Sets gebaut und einfach drauflosgefilmt." Das Projekt sei immer ernster und größer geworden, wie Felder berichtet: "Inzwischen sind einige Helfer dazugekommen, aber es ist immer noch sehr viel zu tun, bis das Projekt fertig ist."

Animationskünstler Valentin Felder bei der Arbeit
Die Wohnung in Plagwitz - inzwischen ein Filmstudio mit angeschlossenem Kulissenbau Bildrechte: Maximilian Enderling

Dystopische Welt im Steampunk-Stil

"Das Getriebe im Sand" – so heißt das Stop-Motion-Werk, welches Valentin Felder nun schon fast ein Jahrzehnt begleitet. "Nur" eine knappe halbe Stunde soll der Film am Ende lang sein. Der Produktionsaufwand bei Stop Motion ist groß. Den Löwenanteil hat Felder alleine gestemmt. Das detailliert ausgearbeitete Storyboard des Films füllt eine ganze Wand des ehemaligen Schlafzimmers aus. Überall hängen Notizen mit Ideen wie in einem Krimi. Felders Geschichte spielt in einer dystopischen Welt, inspiriert von der Steampunk-Szene.

Steampunk scheint wie eine Science-Fiction-Version aus dem 19. Jahrhunderts: Zylinder und Dampfmaschinen dominieren die Ästhetik, bei den Materialien sind es Backstein und das bereits erwähnte Messing. Zwei Fraktionen treten im Film auf: Da sind einmal die menschlichen Figuren, die irgendwo im technischen Fortschreiten ihre Menschlichkeit verloren haben. Ihnen gegenüber stehen ihre Diener, die Roboter, die angefangen haben, Gefühle zu entwickeln und auch sonst alles andere als schlichte Automaten sind, wie Felder betont: "Die Sympathie liegt schon bei den Robotern, weil das einfach sehr quirlige, diverse, lustige Kreaturen sind, irgendwas zwischen Tier und Maschine."

Animationskünstler Valentin Felder bei der Arbeit
Handgemacht Bildrechte: Maximilian Enderling

Es fällt auf, wie liebevoll und individuell diese Filmfiguren gestaltet sind. Zu Beginn wurden sie noch aus alten Zahnrädern und sonstigen Metallteilen gebaut, die Valentin Felder gefunden oder aus kaputten Uhren entnommen hat. Mittlerweile entsteht jedes Teil genau nach Skizze und in Eigenanfertigung, aus Stahlrohlingen ausgefräst. Mal sind die Figürchen nur so groß wie ein kleiner Finger, mal haben sie Unterarmlänge. Die Filmsets haben schon früh ganze Räume ausgefüllt.

Also die meiste Zeit während des Projekts habe ich mit meinem Vater in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung gelebt und stückweise – so wie das Projekt gewachsen ist – immer mehr der Wohnung eingenommen. Es wurde eng.

Valentin Felder Über sein Langzeitprojekt, das er inzwischen mit Crowdfunding vorantreibt.

Stählerne Figürchen in Maßanfertigung

Animationskünstler Valentin Felder bei der Arbeit
Seit acht Jahren baut der Leipziger an seinem Filmprojekt Bildrechte: Maximilian Enderling

Das technische Equipment, die Materialen für Figuren und Sets hat Valentin Felder überwiegend aus der eigenen Tasche bezahlt – ganz zu schweigen von tausenden Stunden Arbeit, die er investiert hat. Auch wenn am Ende vielleicht nicht der große finanzielle Erfolg wartet. Es ist mehr als ein Hobby. Im Laufe der Produktion hat Felder sein Spezialgebiet gefunden: Es ist die Maßanfertigung ebenjener stählerner Bauteilchen für Stop-Motion-Figuren.

Making ofs für die Fans, Crowdfunding fürs Projekt

Animationskünstler Valentin Felder bei der Arbeit
Inzwischen versiert auf Metallarbeiten Bildrechte: Maximilian Enderling

Mittlerweile bekommt er dafür auch Aufträge, etwa von der Filmuniversität Babelsberg. Für "Das Getriebe im Sand" lässt er sich aber auch mittels Crowdfunding unterstützen. Es sind kleine Geldbeträge, die er gespendet bekommt, aber sie helfen. Für seine Unterstützerinnen und Unterstützer produziert Felder in regelmäßigen Abständen Making-Of-Videos. Allein die Entstehung des Films dort zu begleiten, bei der kleinteiligen und liebevollen Arbeit, ist schon wahnsinnig meditativ anzuschauen.

Für Valentin Felder sind die Making-Ofs inzwischen selbst zu einem wichtigen Teil des Projekts geworden, auch um über all die Jahre die Ausdauer zu behalten, "da dran zu bleiben, den Leuten zu zeigen, wie es weitergeht, ein bisschen Feedback zu bekommen und zu sehen, dass es auch jemanden interessiert, was ich da mache."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2021 | 09:15 Uhr

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