"Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929–1945" Victor Klemperers Begeisterung für den Tonfilm

In der Abhandlung "LTI" untersuchte Victor Klemperer die Degeneration des faschistischen Vokabulars. Doch den größten Erfolg erzielte er erst postum mit Tagebüchern über sein Schicksal als Jude unter dem Hitlerregime. Der Professor für Romanistik, den die Nazis 1935 in den Ruhestand versetzten, protokollierte akribisch seinen Alltag im Dritten Reich. Unter dem Titel "Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929–1945" sind jetzt bisher noch nicht publizierte Notizen aus diesem Tagebuch-Fundus herausgekommen. Sie zeugen von Klemperers stark ausgeprägtem Interesse am Kino.

Marlene Dietrich als Rosa Valetti im Folm "Der blaue Engel"
Marlene Dietrich als Rosa Valetti im Folm "Der blaue Engel" Bildrechte: imago/Prod.DB

Als Victor Klemperer 1881 zur Welt kam, existierte das Wort Kino noch nicht. Während seines Abiturs steckten die Lichtspielbühnen in den Kinderschuhen. Erst ab 1900 wuchsen Filmpaläste aus dem Boden, die klassischen Theatern ähnelten. Dort gelangten Stummfilme zur Aufführung, von denen Klemperer in seiner Ära als Professor an der Technischen Universität Dresden jede Menge konsumierte. Das bezeugt ein bisher unveröffentlichter Teil seiner legendären Tagebücher. 1929 sah der Romanist zum Beispiel einen Streifen mit dem Titel "Eine schamlose Frau", der ihn wenig amüsierte. Er schreibt:

"Eine große schwedische Schauspielerin in solchem Mist und Nonsens. Freilich unter lauter Amerikanern. Greta Garbo, die dämonisch Liebende. Von ihrem ersten und wahren Freund getrennt, wirrste Schicksale, dann er zwischen sie und die tugendhafte Gattin gestellt. Der Ihre noch einmal, und dann geht sie, nein, fährt mit dem Auto in den Tod. All das völlig wirr, sinnlos, kitschig – aber die Garbo ist schön und ausdrucksvoll. Dennoch: Verzweiflung am Film!"

Den Tonfilm nannte Klemperer zunächst "gemordete Kunst"

Vom Durchbruch des Tonfilms zeigte Klemperer sich zunächst kaum begeistert. Er bezeichnete die neue Technologie in seinen akribisch geführten Notizen als "gemordete Kunst". Seine Bekehrung zum Fortschritt erfolgte, als er 1932 die Tragikomödie "Der blaue Engel" auf der Leinwand sah. Sie beruhte auf Heinrich Manns spektakulärem Roman "Professor Unrat" und mauserte sich zu einem starken Publikumsmagneten, dem Klemperer Beifall zollte: "Das Spiel, auch das Sprechen (auch im Klang) gut, oft erschütternd gut. Dass der Inhalt ein melodramatischer Kitsch ist – claro. Aber Wirkung hat er, und die Schauspielerei ist große Kunst. Durchweg. Diese Rosa Valetti, dieser Gerron usw. Jede einzelne Nebenrolle. Von den Helden sie, die Marlene Dietrich, fast noch besser als Emil Jannings. Diese selbstverständliche Tönung, nicht gemein, nicht schlecht, nicht sentimental – unbewusst menschlich und verkommen. Hier gab mir der Tonfilm viel."

Das Spiel, auch das Sprechen (auch im Klang) gut, oft erschütternd gut.

Victor Klemperer über den Tonfilm "Der blaue Engel"

Das Kino als Flucht vor den politischen Verhältnissen

Buchcover - Victor Klemperer: "Licht und Schatten - Kinotagebuch"
Buchcover - Victor Klemperer: "Licht und Schatten" Bildrechte: Aufbau Verlag

Betrachtet man die von Nele Holdack und Christian Löser edierten Klemperer-Texte genauer, so stößt man auf eine regelrechte Kino-Manie des Wissenschaftlers. "Ich bin so sehr gern im Kino, es entrückt mich", vermerkte der Akademiker 1933 in seiner Kladde. Für diese Leidenschaft mangelte es nicht an Gründen. Zum einen lenkte sie ihn von den quälenden Depressionen ab, unter denen seine Frau Eva litt, andererseits bot sie ihm Halt, als es ihm wegen der Nürnberger Rassengesetze immer mehr an den Kragen ging: "Am Dienstag im neuen Universum-Kino in der Prager Strasse. Neben mir ein Reichswehrsoldat, ein Knabe noch, und sein wenig sympathisches Mädchen. Es war am Abend vor der Boykottankündigung. Gespräch, als eine Alsberg-Reklame lief. Er: 'Eigentlich sollte man nicht beim Juden kaufen.' Sie: 'Es ist aber so furchtbar billig.' Er: 'Dann ist es schlecht und hält nicht.' Sie, überlegend, ganz sachlich ohne alles Pathos: 'Nein, wirklich, es ist ganz genauso gut und haltbar, wirklich ganz genauso wie in christlichen Geschäften – und so viel billiger.' Er: schweigt."

Ich bin so sehr gern im Kino, es entrückt mich.

Victor Klemperer in seinem Kinotagebuch

Kinoverbot der Nazis für Nichtarier

Nach Klemperers Amtsenthebung wegen vermeintlich unarischer Abstammung fielen für ihn ab 1935 die Kinobesuche nahezu weg. Der finanziell in Bedrängnis geratene Forscher zog sich in sein Anwesen auf der Dölzeschner Höhe in Dresden zurück, doch 1940 musste er diese Wohnstätte räumen und in eines der berüchtigten Judenhäuser umsiedeln. Die Bombardierung von Elbflorenz überdauerte er in einer bescheidenen Notunterkunft am Stadtrand. Dort widerfuhr ihm Ende Februar 1945 ein wahres Wunder:

Als wir am Donnerstagabend in unser Quartier zurückkamen, fragte uns ein Soldat, ob wir ins Kino wollten, und schon saßen wir im Filmsaal. Das erste Mal nach sieben Jahren wohl, ein seltsames Gefühl.

Victor Klemperer in seinem Kinotagebuch

Klemperer, der knapp der Deportation entrann, verlor im Verlauf des Zweiten Weltkrieges komplett die Lebenslust. Als er im Juni 1945 wieder in sein früheres Domizil im Dresdner Süden zurückkehren durfte, schöpfte er neue Hoffnung. Dieser Mut hing auch mit seiner Ekstase für das Medium Kino zusammen. Seine nach der Katastrophe gefasste Devise fasziniert bis heute:

Noch einmal gut essen, gut trinken, gut Autofahren, gut am Meer sein, gut im Kino sitzen. Kein 20-Jähriger kann halb so lebenshungrig sein.

Victor Klemperer in seinem Kinotagebuch

Informationen zum Buch Victor Klemperer: "Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929–1945"

Erschienen im Aufbau-Verlag
364 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-351-03832-8

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. November 2020 | 14:15 Uhr