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Der Grüne Hügel mit dem Bayreuther Festspielhaus, der Wallfahrtsstätte für Wagnerianer – die ihr Idol aber häufig auch sehr kritisch sehen Bildrechte: dpa

"Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt"Leipziger Musikgenie und Antisemit: Doku über Richard Wagner und seine Wirkung

von Petra Böhm, MDR KULTUR

Stand: 30. Oktober 2021, 04:00 Uhr

Für seinen Dokumentarfilm "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt" hat Musikjournalist und Regisseur Axel Brüggemann drei Jahre lang Proben und Aufführungen in Bayreuth begleitet, Interviews mit Festspielchefin Katharina Wagner, Regisseur Barrie Kosky und Stars der Festspiele geführt. Seine Dokumentation soll nicht in erster Linie eine biografische oder musikkritische Annäherung sein. Stattdessen versucht er, eine Balance zu finden, zwischen dem weltweiten Kult und dem Unbehagen, das Wagners Antisemitismus auch vielen Fans bis heute bereitet.

Der Film "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt" sucht und findet Verehrer des Komponisten Richard Wagner weltweit, ob in Venedig, Japan oder in Abu Dhabi. So spielt in den USA eine schwarze Baptistengemeinde den Ring für "People of Color" und in Riga versuchen Wagnerianer, eine der Wirkungsstätten des Meisters vor dem Verfall zu retten. Das Zentrum des Wagner-Kosmos aber ist der grüne Hügel in der fränkischen Provinz. Beziehungsweise: der Orchestergraben.

Hochverehrter Kotzbrocken

Der Film des Musikjournalisten und Regisseurs Axel Brüggemann bedient die Fans. Stars wie Christian Thielemann, Valery Gergiev oder Festspielchefin Katharina Wagner kommt er bemerkenswert nah. Und doch will der mehr sein als nur gefälliger Hochglanz.

Regisseur Axel Brüggemann bei der Deutschlandpremiere von "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt Bildrechte: dpa

Für mich war dieser Film ein bisschen Selbsttherapie, weil ich auch so tief reingerutscht bin, dass ich schon fragte: Dieser Antisemit, dieser Idiot, dieser Chauvinist, der von Hitler benutzte. Warum mag ich den?

Axel Brüggemann, Regisseur von "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt"

Brüggemann ist der Überzeugung, "dass jeder Wagnerianer immer ein kleines Problem auch mit sich selber hat – und das in Wagner spiegelt". So geht es also auch um Eigentherapie.

Mit Wagner im Gepäck vor den Nazis geflohen

Wer sich der Faszination Wagners widersetzt, der tut dies oft nicht aus musikalischen Gründen. Das Zentrum des Films ist die Auseinandersetzung mit Wagners unbestrittenem Antisemitismus, denn Wagner schrieb unter anderem: Der Jude an sich, sei unfähig, sich künstlerisch auszudrücken.

Wie geht man als jüdischer Wagner-Fan mit dessen hetzerischen Schriften um? Eine mögliche Antwort findet der Film in Israel. Seit etwa zehn Jahren gibt es auch hier einen Wagner-Verband, gegründet vom Sohn eines deutschen Juden, der in den 1930er-Jahren aus Deutschland fliehen musste – mit vielen Wagner-Schallplatten im Gepäck. Jonathan Livny ist heute Vorsitzender des israelischen Richard-Wagner-Verbandes und erinnert sich so an die umfangreiche Sammlung seines Vaters: "Er kam mit 78 Wagner-Schallplatten nach Israel – und sie waren riesig. Ich weiß nicht, wie er sie nach Israel 'geschleppt' hat. Als ich vier oder fünf Jahre alt war, begann ich, seine Musik zu hören. Und ich fragte meinen Vater: Wer ist dieser Mensch, der diese Musik geschrieben hat? Und mein Vater sagte auf Deutsch: Das war ein scheußlicher Mensch, der himmlische Musik geschrieben hat." Die Liebe Jonathan Livnis zu Wagners Musik ist, so beschreibt es der Film, eine Art Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Israel und Bayreuth.

Musiker und Publikum auf dem Grünen Hügel, wo das Bayreuther Festspielhaus steht. Bildrechte: dpa

Wie denkt ein jüdischer Opern-Regisseur über Wagner?

Auch der jüdische Regisseur Barrie Kosky setzt sich mit dem Antisemitismus des Komponisten auseinander:

Wagner war ein politischer Mann. Heute zu sagen, Antisemitismus hat nichts zu tun mit seiner Bühnenarbeit, ist kompletter Quatsch! Zu sagen, dass man deshalb keine Note dieses Mannes spielen dürfe, ist auch Quatsch.

Barrie Kosky | Regisseur

Kosky lehnt es ab, Wagners Musik nicht mehr aufzuführen und sagt von sich auch, dass er nicht so "politisch korrekt" sei, zu fordern, dass man keine Musik von Wagner mehr hören solle. In seiner Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" macht Kosky jedoch klar, was er von Wagner hält.

Brüggemann-Film legt Wagners Motive offen

Richard Wagner (1813-1883): Historisches Porträt des Komponisten Bildrechte: imago images / Heinz Gebhardt

Brüggemanns Film ist keine Reinwaschung Wagners, aber ein Erklärungsversuch: "Hatte er kein Geld, wollte er das Geld abschaffen und war Sozialist und Revolutionär. Hat der König ihm Geld gegeben, war er leidenschaftlicher Monarchist. Waren jüdische Komponisten in seinem Weg, war er ein unglaublicher Antisemit. – Also Wagner hat sozusagen sein gesamtes Weltbild, und das ist auch ein bisschen erschreckend, immer radikal an seine eigene Situation angepasst."

Der Film "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt" ist ein in Teilen launiger Streifzug durch den Wagner-Kosmos. Vor allem aber liefert er wirklich seltene Einblicke hinter die Kulissen des Grünen Hügels.

Angaben zum Film"Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt"

Dokumentation, 102 Minuten
Kinostart: 28. Oktober 2021
Regie und Drehbuch: Axel Brüggemann

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | Artour | 28. Oktober 2021 | 22:05 Uhr