Paul-Gerhardt-Kirche Leipzig
Für Tonaufnahmen müssen die Kirchenbänke verschwinden, damit das Orchester Platz hat. Das Eichenparkett spendierte die Eterna zu DDR-Zeiten der Paul-Gerhardt-Kirche. Bildrechte: Christoph Reichl

DDR-Plattenfirma Eterna Als Kirchen zu Tonstudios wurden

Auf den ersten Blick scheint es bizarr: Ausgerechnet die atheistische DDR baute Tonstudios in Kirchen, um hier Schallplatten und Musikaufnahmen mit hochkarätigen Stars für den Rundfunk zu produzieren. Wie funktionierte diese Zusammenarbeit des Staatsrundfunks und des staatlichen Plattenlabels Eterna mit der Kirche, die vielfach ein Ort der Opposition gegen den Staat war?

von Doris Kothe, MDR KULTUR

Paul-Gerhardt-Kirche Leipzig
Für Tonaufnahmen müssen die Kirchenbänke verschwinden, damit das Orchester Platz hat. Das Eichenparkett spendierte die Eterna zu DDR-Zeiten der Paul-Gerhardt-Kirche. Bildrechte: Christoph Reichl

Drei Kirchen in der DDR wurden im Auftrag des VEB Deutsche Schallplatten für das Klassik-Label Eterna zu Tonstudios umgebaut: die Berliner Christuskirche, die Dresdner Lukaskirche und die Paul-Gerhardt-Kirche in Leipzig. In letzterer wurden seit 1976 Platten produziert.

Im September 1981 spielte der internationale Stargeiger Yehudi Menuhin hier mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur Beethovens Violinkonzert ein. Eigentlich war es Gemeindemitgliedern streng verboten, bei solchen Aufnahmen dabei zu sein. Aber Ingrid Hilmers erlebte das 1981 hautnah.

Ich krieg jetzt noch Gänsehaut. Ich hab da oben gesessen. Mir liefen die Tränen, ich dachte: In unserer Paul-Gerhardt-Kirche, so einen feinen, so einen tollen Musiker zu erleben, (…) das war total berührend. (…) Ich traute ich mich gar nicht zu bewegen, aber ich hab da oben gestanden und hab ihn gesehen, da bin ich ganz beseelt nach Hause gegangen.

Ingrid Hilmers, Gemeindemitglied

Ingrid Hilmers beherbergte damals den Fotografen des Plattenlabels Eterna, der Yehudi Menuhin für das Plattencover fotografierte. Ihr Gast stellte den Kontakt zu Menuhin her, der nichts dagegen hatte, dass die Musikliebhaberin der Aufnahme lauschte. Und da sich die damals junge Mutter im Babyjahr befand, konnte sie das auch zeitlich einrichten.

Eine Kirche im Schichtmodus

Paul-Gerhardt-Kirche Leipzig, Innenansicht
Bildrechte: Sebastian Dänel

Ausgerechnet die atheistische DDR ließ Musikaufnahmen in Kirchen produzieren. Doris Kothe schildert, wie das Zusammengehen des Staatsrundfunks mit der vielfach oppositionellen Kirche funktionierte.

MDR KULTUR - Das Radio So 14.01.2018 08:15Uhr 04:55 min

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Unter der Woche verwandelte sich die Leipziger Vorstadtkirche in ein Tonstudio. Kirchenbänke wurden zusammengeschoben, um für Chöre und Orchester Platz zu machen. Im Kirchenkeller wurde eine Tonregie eingebaut. Und so entstanden teilweise preisgekrönte Aufnahmen. Doch die Gemeinde war anfangs eher skeptisch, als drei Eterna-Mitarbeiter vor der Tür standen und in die wegen ihrer guten Akustik bekannte Kirche ein Tonstudio einbauen wollten. Peter Nötzold war damals Pfarrer der Paul-Gerhardt-Kirche. Er erinnert sich daran, dass einige Gemeindemitglieder Angst hatten, ihre Kirche nicht mehr frei nutzen zu dürfen.

Dass andere Zugang dazu haben könnten, eventuell sogar mit Wanzen, das konnte ich sofort entkräften: Ich sagte: Alle unsere Gottesdienste sind öffentlich. Und ich weiß, dass in manchen Gottesdiensten Leute dabei sind, die ihre geheimen Mikrofone dabei haben oder mitschreiben. Das wussten wir. Und da unsere Kirchgemeinde auch ökologisch – umweltbewusst – gewisse Veranstaltungen durchgeführt hat, waren wir das gewöhnt, dass auch von der Staatssicherheit bestimmte Personen mit dabei waren.

Peter Nötzold, damals Pfarrer der Paul-Gerhardt-Kirche

Win-Win-Situation für Kirchen und Plattenfirma

Paul-Gerhardt-Kirche Leipzig
Blick zur Orgel in der Paul-Gerhardt-Kirche Bildrechte: Christoph Reichl

Schwerer wog der Einwand einiger Gemeindemitglieder, die einen Ausverkauf der Kirche sahen. Doch dank der Mieteinnahmen von Eterna konnte die Gemeinde nahezu aus eigener Kraft ihren Kindergarten betreiben, eine Seltenheit in der DDR, in der die Kirchen chronisch klamm waren. Darüber hinaus baute das Plattenlabel Eterna eine neue Heizung und schallgedämmte Fenster ein. Und nachdem die Musiker mit ihren Instrumenten das alte Linoleum zerstochen hatten, gab es für die Kirche auch einen neuen Fußboden.

Da bot uns der technische Direktor an: 'Hätten Sie was dagegen, wenn wir ein ordentliches Parkett ihnen reinlegen würden?' Und da habe ich gesagt: Na, mindestens Eichenparkett, das hält. Und das haben wir dann auch bekommen.

Peter Nötzold, damals Pfarrer der Paul-Gerhardt-Kirche

Gut zur Musik: der Klang in der Kirche

Paul-Gerhardt-Kirche Leipzig, Außenansicht
Die Paul-Gerhardt-Kirche von außen Bildrechte: Sebastian Dänel

Inzwischen ist die alte Studiotechnik längst demontiert, der Rundfunkchor heißt inzwischen MDR Rundfunkchor Leipzig und besitzt ein eigenes Probe- und Aufnahmestudio. Und trotzdem hat der Chor in jüngster Zeit gleich zwei Produktionen in der Paul-Gerhardt-Kirche aufgenommen. Wegen des typisch warmen Klanges, der durch das viele Holz entsteht, merkt Wolfram Langner, Bassist des MDR Rundfunkchors, an. Dieser Raum spiegele einfach den Klang des Orchesters und des Chores unwahrscheinlich gut wieder. Die CD des MDR Rundfunkchores "Geistliche Gesänge" mit Motetten von Bach und Reger sowie Musik des norwegischen Komponisten Knut Nystedt bekam bereits den International Classical Music Award, den "Klassik-Oscar". Eine zweite CD: "All Night Vigil" - Sergej Rachmaninows Vesper - ist in diesem Jahr dafür nominiert.

Ich sage immer: Wir waren eigentlich der einzige staatliche Kirchenchor. Also wir haben in Gemeindesälen geprobt, waren zur Miete in der Kirche, haben aufgenommen in Kirchen, auch das offizielle Studio des Rundfunks war in der Bethanienkirche, und das war einfach legitim. Also, da waren Staat und Kirche nicht getrennt, wenn man so will.

Wolfram Langner, Bassist des MDR Rundfunkchors

Belegplatten der Tonaufnahmen in der Paul-Gerhardt-Kirche Leipzig
Belegplatten der Tonaufnahmen im Archiv der Paul-Gerhardt-Kirche Bildrechte: Michaela Hausmann

Die MDR KULTUR Werkstatt zum Thema

Schallplatte auf Plattenspieler
Bildrechte: Colourbox

Ausgerechnet die atheistische DDR baute mehrere Kirchen zu Tonstudios aus. Dort entstanden - abseits von Gottesdiensten und Kirchenalltag - renommierte und mit Vorliebe international besetzte Plattenaufnahmen.

MDR KULTUR - Das Radio Di 26.12.2017 22:00Uhr 56:14 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Werkstatt | 14. Januar 2018 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2018, 12:22 Uhr

Die MDR KULTUR Werkstatt zum Thema

Schallplatte auf Plattenspieler
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Ausgerechnet die atheistische DDR baute mehrere Kirchen zu Tonstudios aus. Dort entstanden - abseits von Gottesdiensten und Kirchenalltag - renommierte und mit Vorliebe international besetzte Plattenaufnahmen.

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