Kinder- und Jugendbuchautorin im Interview Kirsten Boie: "Man kann Kindern ganz viel zumuten"

Kirsten Boie schreibt ernste und lustige Kindergeschichten, historische Romane, spannende Kinderkrimis und Fantasy-Geschichten. In ihren Büchern stehen selbstbewusste Kinder im Mittelpunkt. Sie zählt zu den bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen und ihr Erfolg beweist: Kirsten Boie weiß, wie das Schreiben für Kinder geht.
MDR KULTUR-Morderatorin Rachel Gehlhoff spricht mit der Autorin darüber, was ein guter Kinderkrimi bieten sollte und wie sie selbst Spürnasen und Bösewichter in ihre Bücher schreibt.

MDR KULTUR: Kirsten Boie, in Ihren Büchern erzählen Sie von nicht ganz einfachen Dingen. Viele von Ihren Figuren müssen sich durchbeißen, durchwurschteln. Das gilt für den einfallsreichen Ritter Trenk genauso, wie für Thabo. Der ist ja ein echter kleiner Gentleman und Detektiv, allerdings auch Aidswaise. Sie trauen Ihren Lesern viel zu. Wie viel kann man Kindern denn zumuten?

Kirsten Boie: Ich glaube, es ist immer die Frage, wie man es verpackt. Man kann Kindern wirklich ganz viel zumuten. Die sind bereit, sehr, sehr viel aufzunehmen. In den Büchern vom Ritter Trenk und vom Thabo geht es auf der Oberfläche nicht um Probleme: Beim Ritter Trenk geht`s um eine Rittergeschichte, beim Thabo geht`s um einen Krimi. Die schwierigeren Themen sind quasi eingeschmuggelt. Und da können die Kinder sie mitnehmen. Sie können sie aber auch so lesen, dass sie sie gar nicht so stark wahrnehmen. Das ist ihnen freigestellt – je nachdem wie viel sie verkraften und verarbeiten können. Und das halte ich für eine gute Parallelmöglichkeit zu Büchern, die sich primär mit Problemen auseinandersetzen.

Da ist eine bestimmte Art gefragt, um eben diese schweren Probleme zu vermitteln. Was ist Ihnen besonders wichtig, wenn Sie ein Kinderbuch schreiben?

Also zunächst muss man gerade bei Kindern immer darauf achten, dass sie Spaß haben. Wenn sie Kinder fragen: "Welche Bücher liest du gern?" - dann werden sie immer antworten: Die müssen lustig sein und die müssen spannend sein. Wenn sie richtig gut sind, sind sie lustig und spannend. Ich denke, es ist am allerwichtigsten, Bücher zu schreiben, die die Kinder auf diesem Gebiet und auf diese Weise packe. Und wenn es einem auch noch um größere, schwierigere, wichtigere Themen geht, die dann auf diese Weise einzuschleusen. Aber die eigentliche Spannung der Geschichte, die darf gerne ganz woanders liegen. Und so ist es ja bei den Thabo-Krimis auch. Da denke ich, dass Kinder die lesen, weil sie am Kriminalfall interessiert sind, weil sie manchmal auch lachen können. Und all das, was über die Situation dieser Aidswaisen erzählt wird, das nehmen sie dann beiläufig mit.

Ihr aktuellstes Buch ist ein Afrika-Kinder-Krimi, der dritte Teil der Reihe "Thabo. Detektiv und Gentleman". Diese Spürnasen, diese Bösewichter – wie kommen die eigentlich in Ihre Bücher?

Das weiß man ja immer nicht (lacht). Also wenn mir solche Fragen gestellt werden, muss ich eigentlich immer passen. Aber bei Thabo kann ich das ein bisschen besser sagen als bei vielen anderen Büchern. Ich bin ja seit zehn Jahren stark involviert in ein Aidswaisen-Projekt in Swasiland, also im südlichen Afrika, wo fast 50 Prozent der Jugendlichen mit 15 keine Eltern mehr haben. Ich halte mich da jedes Jahr einige Zeit auf, nächste Woche reise ich auch wieder. Und da habe ich unglaublich viele Kinder, Erwachsene kennengelernt, Erfahrungen gesammelt. Zunächst habe ich darüber nicht sprechen wollen. Ich habe dann ein sehr ernstes Buch geschrieben, über die Situation von Kindern in Swasiland – "Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen",  das ist 2013 erschienen – und habe dann doch den Wunsch gehabt, diese Dinge auf eine leichtere Weise zu vermitteln. Also auf eine Weise, die Kindern in Deutschland auch Spaß macht. Und da bieten sich natürlich Krimis an. Ich hatte auch schon so viel erlebt, was sich für einen Krimi eignen würde! Ich dachte, wenn ich einen Krimi schreibe, der in Afrika spielt, dann sollten auch die Verbrechen sich unterscheiden zu denen, die bei uns begangen werden. Und da gibt es eine ganze Menge. Dieser letzte Krimi dreht sich ja hauptsächlich um Rinderdiebstahl. Und das ist in Afrika wahrscheinlich das allerhäufigste Verbrechen überhaupt. All diese Erfahrungen, die ich über die Jahre in Afrika gesammelt habe, die sind zusammengekommen und ich habe mich enorm gefreut, als ich mir gestattet habe, diese Krimis zu schreiben.

Im Buch "Der Rinder-Dieb" passiert ja eine ganze Menge, was die kriminalistische Ader der Freunde herausfordert. Und wie nebenbei erfahren wir viele kulturelle, ja vielleicht auch Swasiland-spezifische Dinge: Thabo zum Beispiel überlegt, ob er sich später zwei Frauen "zulegt", wenn er sich das als Mann leisten kann. Für diese Frauen muss der Bräutigam aber einen Brautpreis, "Lobola" genannt, zahlen. Und dann gibt´s zum Beispiel die Szene mit Touristen, die den Kindern Kaugummis schenken, und Thabo denkt, schade, da war eigentlich nichts dabei, was man runterschlucken, was man essen kann. Sind das diese Geschichte, mit denen Kinder ein klareres Afrika-Verständnis bekommen könnten?

Also das hoffe ich schon! Der Thabo äußert sich ohnehin häufig über Touristen … und die findet er ja vollkommen skurril. Menschen, die so viel Geld dafür ausgeben, überhaupt nach Afrika zu fliegen und Tiere anzugucken, die in ihrem Auto eine Wolldecke auf dem Sitz liegen haben, um den Bezug zu schonen, obwohl man die doch viel besser gebrauchen könnte in den kalten Winternächten … Und da denke ich, dass vielleicht durch diesen fremden Blick Thabos auf uns auch die Kinder hier noch einmal einen anderen Blick bekommen, natürlich auch einen Blick auf Afrika, aber dass ihnen dann vielleicht auch bewusst wird, wie skurril manches von dem, was wir da tun, wenn wir in solche Länder reisen, den Menschen da vorkommen muss.

Kurz-Bio Kirsten Boie, promovierte Literaturwissenschaftlerin, Lehrerin, 1950 in Hamburg geboren, hat erst Mitte 30 mit dem Schreiben von Kinder- und Jugendbüchern begonnen. Ihr Debütroman „Paule ist ein Glücksgriff“ wurde ein großer Erfolg. Inzwischen hat sie über einhundert Bücher veröffentlicht, darunter ihre beliebten Reihen wie „Geschichten aus dem Möwenweg“, „King-Kong“ oder „Der kleine Ritter Trenk“. Für ihr Gesamtwerk wurde Kirsten Boie 2007 mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet. Neben dem Schreiben setzt sie sich engagiert für die Leseförderung ein. Mit der Möwenweg-Stiftung unterstützt sie etwa 4000 Aids-Waisen in Swasiland. In Neighbourhood Carepoints (NCPs) erhalten Kinder ein Dach über dem Kopf, Nahrung und Bildung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spoezial "Von Spürnasen und Bösewichtern. Spannende Bücher für junge Leser" | 24. August 2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2018, 14:34 Uhr

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