Buchempfehlung Das Werk von Kjell Askildsen: Ein quälendes Vergnügen, das sich lohnt

Einsamkeit und Enttäuschung, das Warten auf den Tod und die Suche nach dem Sinn: In Kjell Askildsens Geschichten geht es immer um Existentielles. Jetzt erscheint sein Gesamtwerk erstmal komplett in deutscher Übersetzung – eine Lektüre, die anstrengend sein kann, aber bei der es sich lohnt, sich durch sie hindurch zu kämpfen.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Cover der Gesamtwerke von Kjell Askildsen.
Zwei Bände umfasst das Gesamtwerk von Askildsen. Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag
Cover der Gesamtwerke von Kjell Askildsen. 6 min
Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag
Cover der Gesamtwerke von Kjell Askildsen. 6 min
Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag

Manchmal geschehen Zeichen und Wunder – selbst auf einem ängstlichen Buchmarkt, dessen Beteiligte vielerorts schrumpfende Umsätze beklagen. Kein Platz mehr für Wagnisse also, vor allem in großen Verlagshäusern, wo die Controller, heißt es, das Sagen haben?

Ausnahmen bestätigen die Regel, und so hat der zu Random House gehörende Luchterhand Verlag den Gastauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019 zum Anlass genommen, auf spektakuläre Weise an einen der großen norwegischen Autoren, den inzwischen 90-jährigen Kjell Askildsen, zu erinnern. Dessen Werk, das vor allem aus schmalen Romanen und schmalen Erzählungen besteht, lag auf Deutsch bislang lediglich in wenigen, auf mehrere Verlage verteilten Auszügen vor. Nun aber erscheint eine Prachtausgabe in zwei Leinenbänden, versehen mit einem Materialienbändchen, verpackt in einen Schuber, der das vom Leben zerfurchte Gesicht des Autors zeigt, und lapidar "Das Gesamtwerk" betitelt.

Ein Debüt, das für Aufsehen sorgte

Einsamer Student lernt nachts an einem beleuchteten Fenster.
Askildsens Geschichten handeln oft von Einsamkeit und umkreisen existentielle Fragen. Bildrechte: IMAGO

Hinrich Schmidt-Henkel, der 2019 bereits Bücher von Jon Fosse, Erik Fosnes Hansen und Tarjei Vesaas ins Deutsche übertrug, ist nun das Glück gegönnt, aus einer Hand Askildsens Werk zu übersetzen, diesem Autor endlich eine wiedererkennbare deutsche Stimme zu geben und dessen Bedeutung für die europäische Literatur des 20. Jahrhunderts herauszustellen. Als 24-Jähriger debütierte der im südnorwegischen Mandal geborene Askildsen mit dem Erzählband "Jetzt bringe ich dich immer bis nach Hause", der aufgrund seiner erotischen Freizügigkeit sofort für Aufruhr sorgte.

Was danach in lockeren Zeitabständen folgte, sind Bücher, die stilistisch und thematisch viele Gemeinsamkeiten aufweisen und zunehmend an Radikalität gewinnen. Während die in den 70er-Jahren erschienenen Romane "Lieber, lieber Oluf" und "Alltag" einer linken Gesellschaftskritik verpflichtet sind, komprimiert Askildsen seine Texte – nach 1976 legt er keine Romane mehr vor – später auf existenziell beklemmende Weise.

Sein Thema: Männer in einer Tristesse

Es sind wiederkehrende Konstellationen, die seine Prosa prägen: Männer, die eine Beobachterposition einnehmen, von Angst und Einsamkeit gefangen genommen sind und sich trotzdem kaum ein anderes Leben vorstellen können. Sie ringen mit sich, den Frauen, den Eltern, sehen sich mit Todesfällen konfrontiert, reden kaum mehr als das Nötigste, missverstehen einander, trinken Alkohol in gehörigen Mengen, kämpfen mit ihren unterschwelligen erotischen Fantasien, unternehmen Spaziergänge auf verlassenen Wegen und werden von Kriegserinnerungen heimgesucht.

Albert Camus
Camus gehörte mit zu den größten Einflüssen Askildens. Bildrechte: dpa

Für Glücksmomente ist hier kein Raum. Kaum etwas, was der Alltag an kleinen zerstörerischen Elementen zu bieten hat, bleibt ausgespart. Trotz dieser Tristesse – gipfelnd im Satz "Man ist nie zu alt, um seine Illusionen genommen zu bekommen“"– entwickelt Askildsens mal misanthropische, mal leicht misogyne Prosa eine fast archaische, gelegentlich bitter komische Kraft. Diese verdankt sich nicht zuletzt einem unerbittlich reduzierten, adjektivarmen Stil, der seine Vorbilder – Kafka, Camus, Beckett oder die Nouveaux Romanciers – nicht verleugnet.

Eine Welt, auf die man sich einlassen muss

Es ist ein mitunter quälendes Vergnügen, sich auf Kjell Askildsens Welt einzulassen, doch es lohnt sich – dank dieser formidablen Werkausgabe umso mehr. Und irgendwann erspürt man, was der schwedische Dramatiker Lars Norén so beschrieb: "Askildsens Sätze sind wie Töne, die in ein dunkles Land hinausgleiten, und man weiß nicht, wo sie aufhören."

Cover der Gesamtwerke von Kjell Askildsen.
Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag

Infos zum Sammelband "Das Gesamtwerk"
von Kjell Askildsen
aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Luchterhand Literaturverlag
1.056 Seiten
Preis: 48 €
ISBN: 978-3-630-87588-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Januar 2020 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Januar 2020, 08:41 Uhr

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