Moderne Musik Zwei Töne, großer Applaus: Klangwechsel bei John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt Halberstadt

"ORGAN²/ASLSP" von John Cage ist ein extremes Musikstück: Es soll so langsam wie möglich gespielt werden. Eine Aufführung in der Burchardikirche in Halberstadt soll 639 Jahre dauern. Das bedeutet, dass ein Mehrklang auch mal mehrere Jahre lang andauert. Nach sieben Jahren kamen nun unter weltweiter Aufmerksamkeit zwei neue Töne hinzu.

Menschen fotografieren zwei Orgelpfeifen, die an eienm kleinen Holzgerüst befestigt sind. 4 min
Bildrechte: MDR/Felicitas Förster

Am Wochenende wurde nach sieben Jahren wieder ein Klangwechsel beim John-Cage-Projekt zelebriert.
Felicitas Förster war dabei und reportiert.

MDR KULTUR - Das Radio So 06.09.2020 13:00Uhr 04:24 min

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Beim John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt Halberstadt ist der 14. Klangwechsel vollzogen worden. Am 5. September wurden an der Cage-Orgel in der Halberstädter Burchardikirche zwei zusätzliche Orgelpfeifen eingesetzt: Fast sieben Jahre lang bestand der Orgelklang aus fünf Tönen: C, Des, Dis, Ais und E. Seit dem Wechsel erklingen nun zusätzlich ein Gis und ein weiteres E.

Anteil an etwas ganz Großem nehmen

Ein Mann in olivfarbenem Mantel blickt links an der Kamera vorbei.
Julian Lembke, Organist und John-Cage-Preisträger Bildrechte: MDR/Felicitas Förster

Bei dem Projekt wird das Werk ORGAN²/ASLSP des Komponisten John Cage aufgeführt. Die Abkürzung ASLSP steht für "As SLow aS Possible" und ist die Anweisung, das Stück so langsam wie möglich zu spielen. Für den Klangwechsel waren zwei Träger des John-Cage-Preises der Stadt Halberstadt ausgewählt worden: die Sängerin Johanna Vargas und der Organist Julian Lembke. Letzterer beschrieb den Moment als "ausgesprochen zeremoniell und rituell". Man habe Teil an einem Werk, das theoretisch 639 Jahre dauern soll. "Es ist nur ein kleiner Moment, der sich aber praktisch in dieser gesamten Zeitschleife verewigt", so der Organist.

Den "Nerv getroffen"

Die Aufführung des Werks hat vor 20 Jahren begonnen. Laut Rainer Neugebauer, dem Vorsitzenden des Kuratoriums der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt, hat sich das Projekt seitdem etabliert. "Das ist eine sehr einfache Idee, die viele Leute überzeugt", so Neugebauer. Natürlich sei moderne Musik immer ein Minderheitenprogramm. "Aber wir haben hier wohl einen Nerv getroffen, dass dieses Minderheitenprogramm durchaus auch Leute anregt, die sonst gar nicht so viel mit moderner Kunst zu tun haben."

Zum Klangwechsel waren zahlreiche nationale und internationale Medien vertreten. Berichtet haben unter anderem die BBC und die New York Times. Rainer Neugebauer findet das erstaunlich: "Cage war in Europa und Deutschland wesentlich bekannter als in Amerika. Hier ist es genau andersrum. Unser Projekt ist im Ausland wesentlich bekannter."

Mehr Aufmerksamkeit, weniger Geld

Trotzdem steht die Stiftung vor einem Problem: Das Geld wird knapp. Für den grundlegenden Betrieb habe man nur private Spenden eingesetzt. Aber obwohl der Bekanntheitsgrad größer werde, werde der Fluss des Geldes geringer. Nun hoffe man auf öffentliche Gelder, sagte der Stiftungs-Vorsitzende mit Verweis auf die touristische Bedeutung des Projekts:

Ein älterer Mann mit nweißem Bart blickt links an der Kamera vorbei.
Rainer O. Neugebauer, Vorsitzender der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt Bildrechte: MDR/Felicitas Förster

Wir sind ein Wirtschaftsfaktor – und das durch die ehrenamtliche Arbeit. Wir sind seit zwei Jahren dabei, auch an die Politik heranzutreten, um auszuloten, ob es die Möglichkeiten einer institutionellen Förderung gibt. Denn das ist auf Dauer ehrenamtlich nicht zu leisten.

Rainer Neugebauer, Vorsitzender der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt

Den nächsten Klangwechsel sieht Rainer Neugebauer allerdings nicht in Gefahr. Schließlich müsse dafür nur eine Orgelpfeife weggenommen werden. Er ist für den 5. Februar 2022 geplant.

Ausstellungstipp Pünktlich zum Klangwechsel-Event hat im Cage-Haus gleich neben der Burchardikirche eine neue Sonderausstellung eröffnet. "Cage – Curran – Rühm – Schnebel" vereint vier bedeutende Namen der Musik- und Kunstwelt. Dabei sind auch Originale von John Cage zu sehen.

Menschen stehen vor einer alten gemauerten Kirche.
Der Klangwechsel wurde live vor der Kirche übertragen Bildrechte: MDR/Felicitas Förster

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. September 2020 | 16:15 Uhr