Open Air Konzert im Essener Stadtgarten.
Open Air Konzert im Essener Stadtgarten Bildrechte: imago/Jochen Tack

Zuschauerzahlen Volle Klassik-Open-Airs, leere Konzertsäle – Woran liegt das?

Bei Klassikkonzerten unter freiem Himmel überfluten die Besucher regelmäßig die Veranstaltungsorte, Zehntausende Besucher finden sich bisweilen zusammen. Anders sieht es jedoch häufig in den Konzertsälen aus. Woran liegt das? Wie bekommt man die Klassikliebhaber von der grünen Wiese in die Stuhlreihen der Spielstätten? Ideen dazu hat Gerald Mertens, Chef der Deutschen Orchestervereinigung.

Open Air Konzert im Essener Stadtgarten.
Open Air Konzert im Essener Stadtgarten Bildrechte: imago/Jochen Tack

MDR KULTUR: Zehntausende lauschen Open Air auf Picknickdecken klassischer Musik. Sind aber solche Besucherzahlen auch ein Beleg für einen Klassik-Boom?

Gerald Mertens: Nach unserer Einschätzung ist es schon ein Beleg. Das Problem, was wir in Deutschland haben, ist, dass die Konzertstatistiken und die Besucherstatistiken nicht umfassend erhoben werden. Das heißt, es geht nur nach verkauften Karten die Statistik nach oben, aber nicht nach Besuchern. Und dadurch fallen eine ganze Menge von potenziellen Klassikbesuchern – gerade die genannten Open-Air-Konzerte, die stattfinden, wo man keine Karte kaufen muss, sondern wo man einfach so hingehen kann – die fallen aus der Statistik raus.

Und da finden wir es als Verband problematisch, wenn dann nur mit den Zahlen der Verkäufe diskutiert und argumentiert wird, aber dieser gesamte andere Bereich von klassikaffinen Menschen, die dann auch beispielsweise vor die Elbphilharmonie gehen und sich dort ins Konzertkino setzen, das finden wir problematisch, wenn das nicht berücksichtigt wird.

Was schlagen Sie vor zur Lösung dieses Problems?

Gerlad Mertens, Geschäftsführer der Deuschen Orchestervereinigung – Lachender Mann an Betonsäule in Büro
Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung Bildrechte: Maren Strehlau

Wir schlagen vor, dass die Veranstalter ihre Besucher noch besser "tracken", so würde man heute neudeutsch sagen. Also noch besser verfolgen, wer geht da wirklich ins Konzert? Und dann nicht nur 60.000 Open-Air-Besucher willkommen zu heißen, sondern auch wirklich zu schauen, wie können wir diese Menschen, die jetzt in der lockeren Sommeratmosphäre auf eine Wiese kommen, mit ihrer Picknickdecke, wie schaffen wir es, die dann auch später in den Konzertsaal zu bekommen?

Und da muss man natürlich auf der Wiese schon anfangen und auch die Adresse beispielsweise oder die E-Mail-Adresse, die Kommunikationsdaten dieser Besucher einkassieren, um dann mit Ihnen in Kontakt zu treten und sie vielleicht auch mal für ein Konzert im Winter, im Konzertsaal zu begeistern.

Wie hoch ist da die Schwellenangst? Oder bilden wir uns nur ein, dass es überhaupt keine gibt und es ist nur eine Frage von Informationen und "Lockbotenstoff"?

Die Sächsischen Staatskapelle Dresden und Dirigent Placido Domingo sowie Denis Matsuev am Klavier
Bei Open-Air-Konzerten mit Stars wie Placido Domingo als Dirigent sind die Zuhörer sogar bereit, stattliche Eintrittsgelder zu zahlen. Bildrechte: imago images / Andreas Weihs

Die Gründe sind vielfältig. Ich bespreche das auch immer wieder mit Studierenden im Fach Orchestermanagement, die mir dann sagen: na ja, das ist doch irgendwie so steif und ich muss mich da schön anziehen – will ich jetzt aber nicht. Ich hab's eher  locker. Und wenn ich Kinder habe, dann brauche ich Kinderbetreuung. Und die Kartenpreise sind ja auch nicht ganz ohne …

Es gibt viele Argumente, denen man aber nachgehen muss. Und dann muss man für diese Zielgruppen, die durchaus klassikinteressiert sind, dann eben passgenaue Angebote schneidern, damit sie auch in den Saal kommen. Und ich glaube, da geht noch eine ganze Menge.

Ab wann ist denn ein Hörer oder Besucher eigentlich Klassikfan?

Die Besucherforschung freut sich schon, wenn sie einen Mehrfachbesucher hat. Also jemanden, der mindestens ein bis fünf Mal pro Jahr in ein klassisches Konzert geht. Das kann auch ein Kirchenkonzert sein, das kann auch eine Open-Air-Veranstaltung sein. Es geht in der Tat darum, diese Mehrfachbesucher zu erzeugen. Und dafür muss ich eben die erste Schwelle überschreiten können und dann die Menschen wirklich längerfristig mit tollen und passgenauen Angeboten an meine Einrichtung binden.

Das Interview führte Stefan Maelck für MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. August 2019 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2019, 20:30 Uhr

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