Klimaforscher im Interview Was wir aus der Corona- für die Klima-Krise lernen können

Die Klima-Krise macht auch in Zeiten einer Corona-Krise keinen Halt. Deswegen hatte Fridays for Future erneut zum globalen Klimastreik aufgerufen – diesmal fand das Ganze virtuell statt. Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Interview bei MDR KULTUR über Parallelen beider Bedrohungs-Szenarien, warum man bei dem einen auf die Wissenschaft hört, bei dem anderen eher wenig und was wir aus der Corona-Krise für den Klimawandel lernen könnten.

Demoschild mit der Aufschrift: There is no Planet B
Fridays for Futute hat wieder auf den Klimawander aufmerksam gemacht – diesmal allerdings wurde im Netz gestreikt. Bildrechte: imago images/Müller-Stauffenberg

MDR KULTUR: Herr Rahmstorf, die Eindämmung der Corona-Pandemie und deren Auswirkung haben in den vergangenen Wochen alles überlagert. Wie erklären Sie sich, dass Politik und Gesellschaft bei Corona auf die Wissenschaft hört, sich viele damit in Klimafragen aber schwer tun – auch die Politik?

Ich denke, ein Grund ist, dass hunderte Millionen Dollar ausgegeben werden, wie das in den USA gut dokumentiert ist, um an der Klimawissenschaft Zweifel zu sähen und um Klimawissenschaftler zu diskreditieren. Dann sind da noch die Zeit-Skalen. Bei der Corona-Krise muss ein Politiker, der nicht rechtzeitig handelt, damit rechnen, dass die Folgen noch in seiner Amtszeit offensichtlich werden. Bei der Klimakrise können sie sich darauf verlassen, dass die wirklich schlimmen Folgen erst nach Ende der Amtszeit in einigen Jahrzehnten offensichtlich werden.

Die von Ihnen benannten Zeit-Skalen unterscheiden beide Krisen. Sehen Sie auch Parallelen zwischen den Corona-Fragen und der Klimakrise, die ja viel schwerer für jeden Einzelnen zu fassen ist?

Dr. Stefan Rahmstorf
Klimaforscher Stefan Rahmstorf Bildrechte: imago/IPON

Es gibt deutliche Parallelen. Klima- und Corona-Krise sind beides Krisen, vor denen die Wissenschaft lange gewarnt hat. Das es irgendwann eine solche gefährliche Pandemie geben wird, haben wir seit vielen Jahren immer wieder gehört. Genauso wie es bei der Klimakrise auch der Fall ist, wo seit über 50 Jahren gewarnt wird.

Doch in beiden Krisen kommt es entscheidend auf das rechtzeitige Handeln an, weil das System eben zeitverzögert reagiert. Und wenn man den richtigen Einsatz verpasst hat, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen, zum Beispiel schon das grönländische Eisschild destabilisiert hat, dann ist eben vieles zu spät.

Viele Menschen haben die leise Hoffnung, dass die Corona-Zeiten uns etwas mitgeben, dass diese Virus-Krise uns denken, schauen und handeln lernt. Könnte diese Zeiten uns als Gesellschaft in Bezug auf die fortschreitende Erderwärmung etwas lernen?

Wir erleben gerade, wie erstaunlich handlungsfähig die Politik ist. Dinge, die vor einigen Monaten völlig undenkbar waren, sind jetzt eingetreten: zum Beispiel, dass die Menschen mit großer Zustimmung zuhause bleiben, die Schulen geschlossen werden und all diese Dinge. So drastische Maßnahmen muss man für die Klimakrise überhaupt nicht ergreifen.

Vielleicht sieht man, dass wir mit relativ harmlosen Maßnahmen eine wichtige weitere Krise, die Klimakrise, auch abwenden könnten. Vielleicht hilft die Corona-Krise uns aus unserer gesellschaftlichen Lethargie gegenüber der Erderwärmung ein bisschen herauszureißen.

Klimaforscher Stefan Rahmstorf

Wir erleben eben seit Jahrzehnten, dass die Emissionen jedes Jahr weltweit weiter ansteigen, man kann sowieso nichts machen. Das führt zu einer Art Defätismus und Hoffnungslosigkeit. Doch ich denke , die Corona-Krise zeigt uns, wenn wir es wollen, können wir eine solche Krise unter Kontrolle bringen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2020 | 12:10 Uhr

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