Denkmalschutz Wie der Klimawandel bedeutende Kulturgüter bedroht

Rissige Kirchengebäude, gesperrte Parkanlagen, gefährdete Ausgrabungsstätten: Die hohen Temperaturen und die starke Trockenheit der vergangenen Jahre sind nicht nur für die Landwirtschaft ein Problem. Auch die Denkmalpflege leidet unter dem Klimawandel – und in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen drohen Schäden an wichtigen Denkmalen.

Altarbild mit Lutherporträt von Lucas Cranach in der Herderkirche Weimar
Blick auf das Altarbild mit Lutherporträt von Lucas Cranach in der Herderkirche oder St. Peter und Paul-Kirche Weimar Bildrechte: IMAGO

Extremwetterereignisse wie Stürme, Überschwemmungen und Trockenheit gefährden Kulturgüter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. "Der Klimawandel hat für die Archäologie absolut dramatische Auswirkungen. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Wir verlieren einige der besten Denkmale des Landes und vor allem wissenschaftliche Informationen", sagte Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller im Gespräch mit MDR KULTUR. Er fürchtet um zahlreiche Fundstellen.

Sachsen-Anhalt ist stark von der Trockenheit der vergangenen Jahre betroffen. Wenn der Grundwasserspiegel sinkt, hat das nicht nur Auswirkungen auf Feld und Wald, sondern auch auf das, was darunter liegt: Teile alter Siedlungen, Burganlagen oder vergleichbare archäologische Denkmale, die noch nicht vollständig erschlossen sind.

Lange hätten Meller und seine Kollegen das Problem gar nicht erkannt, gibt der Archäologe zu. Erst Ausgrabungen an der Burg von Kemberg im Osten Sachsen-Anhalts hat die Archäologen aufmerksam werden lassen. Die Kemberger Wallburg ist die älteste jahrgenau datierte Burg in Mitteleuropa. Ihre äußere Palisade wurde um 960 v. Chr. errichtet. Die Besonderheit: die Burg ist aus Holz gebaut. Dass sie sich knapp 3.000 Jahre lang im Grund erhalten hat, hängt mit dessen Beschaffenheit zusammen. Die Burg liegt in einem Feuchtgebiet. Meller erklärt: "In den Feldern und normalen Böden, wo wir normalerweise ausgraben, ist alles Organische – also Holz, Leder und Stoffe – zerstört. In Feuchtgebieten hingegen bleibt ein Schuh oder die Holzkonstruktion eines Baus unter Luftabschluss erhalten."

Notfallplan für Sachsen-Anhalts Wallburgen

Überreste eines Holzwalls der Burganlage bei Kemberg
Überreste eines Holzwalls der Burganlage bei Kemberg Bildrechte: MDR/Martin Krause

Bei der letzten Grabung in Kemberg mussten die Archäologen feststellen, dass darauf kein Verlass mehr ist. "Bei den älteren Untersuchungen war alles unter Wasser. Jetzt fällt es trocken – zum ersten Mal seit 950 v. Chr.!", sagt Meller. Das zeige auch, wie ungewöhnlich und dramatisch der Wandel sei, so der Archäologe weiter. Nach zwei extrem heißen Sommern trocknet das Feuchtgebiet in Kemberg langsam aus. Das stellt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie vor Herausforderungen.

Wir haben hier eine riesige Verantwortung. Informationen, die viele Jahrtausende durch Wasser geschützt wurden, sind nun hochgefährdet und drohen in den nächsten zehn Jahren zu verschwinden.

Harald Meller, Landesarchäologe

Weiter macht Meller deutlich: "Die Generation unserer Kinder und Enkelkinder wird diese Daten nicht mehr erheben können." Man müsse nun möglichst schnell eine erste Sicherung der Fundstellen durchführen, um Zeit zu gewinnen. Das Landesamt arbeitet daher an einem Notfallplan, bis eine längerfristige Strategie entwickelt ist. Dafür ist Geld nötig. Ein erster Antrag beim Umweltbundesamt ist schon gestellt. Meller ist zuversichtlich: "Dass Gelder für die Klimafolgekosten auch für die Rettung von Denkmalen, die direkt durch den Klimawandel Schaden nehmen, verwendet werden, wäre nur konsequent." Auf Verluste werde man sich dennoch einstellen müssen.

Sachsen: Rissige Kirchen durch anhaltende Trockenheit

Auch in Sachsen muss das Landesamt für Denkmalpflege einen Umgang mit den gestiegenen Temperaturen finden. Das ist eine Umstellung. Früher sei man eher Schäden durch Feuchtigkeit gewohnt gewesen, erklärt der sächsische Landeskonservator Alf Furkert. Inzwischen habe man zunehmend Probleme damit, dass bestimmte Materialien und Baugründe nicht gut auf die Trockenheit reagieren.

Kirche in Dresden-Leubnitz.
Das Kirchengebäude aus dem 12. Jahrhundert ist eines der ältesten in Dresden. Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL

Augenfälligstes Beispiel ist eine Kirche in Dresden Leubnitz-Neuostra: Zu wenig Grundwasser in den vergangenen zwei heißen Sommern hatte dazu geführt, dass der Untergrund der Kirche ausgetrocknet war und sich abgesenkt hatte. Das Kirchengewölbe hat seitdem Risse und muss abgestützt werden. Altarraum und Emporen sind gesperrt, Krippenspiel und Weihnachtsgottesdienste mussten deshalb 2019 von der Gemeinde anders als sonst gestaltet werden.

Landeskonservator Furkert hat die Kirche im Dezember 2019 besichtigt. Nun werde an einem Sanierungskonzept gearbeitet. Die Stadt und das Landesamt für Denkmalpflege beteiligen sich an den Kosten, die die Gemeinde alleine nicht tragen könnte. Am Geld solle es nicht scheitern, so Furkert. Man wolle sicherstellen, dass die Gemeinde ihre Kirche möglichst bald wieder vollständig nutzen könne.

Trockenheit begünstigt Ausbruch von Baumkrankheiten

Besonders sichtbar sind die Auswirkungen von starker Sonneneinstrahlung und wenig Wasser in Parkanlagen. Viele Bäume sind geschwächt. Das begünstigt den Ausbruch von Krankheiten. So auch in Nischwitz bei Wurzen, wo seit November der Schlosspark gesperrt ist. Mehr als hundert Ahornbäume sind dort von der Rußrindenkrankheit betroffen. Die Bäume sterben ab und das Totholz droht abzustürzen.

Ein vom Rußrinden-Pilz befallen Baum ist auf einem undatierten Handout im Thüringer Wald zu sehen.
Das Einatmen der Pilzsporen kann allergische Reaktionen auslösen. Bildrechte: dpa

Das genaue Ausmaß der massiven Trockenschäden in den Gartendenkmalen ist derzeit noch nicht absehbar. Man müsse sich Gedanken darüber machen, wie man die Parks sichern könne, betont Landeskonservator Furkert. Nachpflanzungen, die an die neuen klimatischen Bedingungen angepasst sind, sind hier erst der übernächste Schritt. Das Landesamt kann dabei auf Expertise aus der Region zurückgreifen: Schon in der Vergangenheit habe man erfolgreich mit der Technischen Universität Dresden zusammengearbeitet, berichtet Furkert.

Ein Notfallplan ist in Sachsen aber noch nicht in Sicht. Das Landesamt für Denkmalpflege setzt auf kontinuierliche Beobachtung, zum Beispiel durch Langzeitklimamessungen an bestimmten denkmalgeschützten Objekten. "Diese Datengrundlage zu haben – auch aus Jahren ohne so extreme Wettersituationen – kommt uns jetzt zugute", stellt Furkert fest. Klimatische Veränderungen seien langfristige Prozesse, die man verstehen müsse, um die richtigen Gegenmaßnahmen treffen zu können. Für eine Auswertung sei es noch zu früh.

Thüringen: Cranach-Altar in Gefahr?

Vergleichbare Klimamessungen werden auch an den wichtigsten Kulturdenkmalen in Thüringen regelmäßig durchgeführt. Zum Glück, wie das Beispiel des Cranach-Altars in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul zeigt. Bei einer Routine-Überprüfung des Kunstwerks fielen Ende 2019 Schäden am Hauptbild des Altars auf. "Die sind auf Schwunderscheinungen im Holz zurückzuführen", erklärt Holger Reinhardt, Landeskonservator von Thüringen. Wenn Holz schwindet, kann die etwas starrere Malschicht diese Bewegung nicht mitmachen und platzt auf. "Das sind eigentlich relativ normale Vorgänge, aber das passiert jetzt in einer Größenordnung, die wir in dieser Form nicht kennen." Ohne eine präzisere Datengrundlage kann er es noch nicht zweifelsfrei belegen, aber der Landeskonservator vermutet, dass die Trockenheit der vergangenen zwei Jahre den Verfall verursacht.

Es sind die ersten Schäden dieser Art am Weimarer Cranach-Altar. Dessen Haupttafel mit der berühmten Kreuzigungsszene ist so groß, dass sie während der Kunstschutzaktionen im Zweiten Weltkrieg nicht evakuiert werden konnte. Stattdessen mauerte man die Tafel ein. Zehn Jahre lang blieb sie so unversehrt, selbst als die Kirche teilweise zerstört wurde. Das war auch der Stand, als der Altar 2016 grundlegend restauriert wurde. "500 Jahre weitgehend ohne Schäden – und plötzlich tauchen die auf. Das hat uns schon erschreckt", unterstreicht Reinhardt.

Jetzt wird der Altar erst einmal gesichert. Anschließend soll er über ein Jahr hinweg untersucht werden, erklärt der Landeskonservator: "Wenn wir großes Glück haben, ist es vielleicht doch nur eine vorübergehende Erscheinung, aber ich befürchte, dass dem nicht so ist. Wir alle müssen uns, glaube ich, damit abfinden, dass der hausgemachte Klimawandel Auswirkungen hat – auch auf unser kulturelles Erbe. Dem müssen wir uns jetzt stellen."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur kompakt | 04. Februar 2020 | 06:30 Uhr

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