Bestandsaufnahme Historische Gärten: So dramatisch sind die Folgen des Klimawandels

Auch wenn es derzeit häufiger regnet, der Frühling war 2020 extrem trocken. Es ist bereits das dritte zu trockene Jahr in Folge – das hat dramatische Folgen. Da die Gärten und Parks gepflegt werden, abgestorbene Äste beispielsweise schnell entfernt werden, sieht man die Auswirkungen häufig nicht auf dem ersten Blick. Doch das Sterben von z. B. alten Baumriesen geht voran. Auf einer Skala von eins bis zehn sieht Jens Spanjer, Präsident der Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur, die Lage derzeit bei sieben bis acht. Müssen wir uns vom Kulturerbe Landschaftspark verabschieden? Spanjer ist bei MDR KULTUR im Gespräch zur aktuellen Lage und den Aussichten für die Zukunft.

Claudius Wecke, Parkleiter im Fürst-Pückler-Park von Branitz, steht hinter einem Baumstumpf einer mächtigen Rotbuche die infolge der Trockenheit abgestorben war und gefällt werden musste.
Baumstumpf einer mächtigen Rotbuche im Fürst-Pückler-Park von Branitz, die bereits 2019 der Trockenheit zum Opfer fiel. Bildrechte: imago images / Lutz Winkler

MDR KULTUR: Jahr für Jahr gibt es Meldungen zum Sterben des Baumbestandes. Was ist 2020 anders als 2019 oder 2018?

Jens Spanjer: Erst mal ist das Dramatische an der Situation, dass wir jetzt ein drittes Jahr in Folge haben. Trockene Sommer hat es natürlich immer mal gegeben, wir hatten 2003, 2006, 2010. Aber dass wir drei Jahre in Folge Trockenheit hatten, das ist neu. Und das ist auch dramatisch, weil es keine Regenerationsphasen für die für die Bäume und für die Parkanlagen gibt.

Gefärdeter Park 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Gefärdeter Park 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

2020 war weiterhin noch einmal besonders, weil wir zwar jetzt im Sommer gefühlt etwas mehr Regen und weniger Hitze haben als in den beiden Vorjahren. Aber was für die Anlagen und für den Baumbestand dramatisch ist, ist die Trockenheit im Frühjahr, die wir in diesem Jahr hatten. Im März und im April und auch bis in den Mai hinein fast überhaupt keinen Regen. Vor allem in der Mitte Deutschlands ist das ein großes Problem gewesen. Wir spüren das hier im Westen – ich weiß, hier bei uns im Niederrhein hatten wir das trockenste Frühjahr seit 40 Jahren – und ähnlich ist das auch in den östlichen Landesteilen.

Jens Spanjer
Jens Spanjer ist Präsident der Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur Bildrechte: Jens Spanjer

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie weh tut Ihnen die Situation gerade?

Wir betreiben hier ja selber eine große historische Parkanlage mit über 2.000 alten Bäumen. Das tut schon sehr weh. Bei einer Skala von eins bis zehn, dann denke ich, sind wir längst bei sieben, acht angekommen. Das ist schon dramatisch zu sehen.

Gartenreich Dessau-Wörlitz
Die Bäume gehören zum Erscheinungsbild der Parks, wie hier beim Gartenreich Dessau-Wörlitz. Bildrechte: dpa

Wo sollte denn hinfahren, wer ihnen nicht glaubt, wer Sie für befangen hält? Wenn man sich selber ein Bild machen möchte in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen?

Die Klassik-Stiftung Weimar ist ein Beispiel, oder im Großen Garten in Dresden, dort haben wir große Probleme. Wir haben es in den Fürst-Pückler-Parks, zum Beispiel in Branitz, in Cottbus. Wir haben in Sachsen-Anhalt das Gartenreich Wörlitz-Dessau. Im Grunde sieht man es überall!

Also hätte ich Sie eigentlich nach der Ausnahme fragen müssen?

Ja. Aber man muss auch sagen, so wahnsinnig viel sieht man in den Parkanlagen nicht. Mir wäre es manchmal lieber, wir würden die Schäden nicht so schnell beseitigen. Dann würde das viel mehr Aufmerksamkeit in der Bevölkerung erzeugen.

Das können wir aber nicht, weil wir natürlich öffentliche Parkanlagen betreiben, die zugänglich sind. Und wir haben eine Verkehrssicherungspflicht. Das heißt, trockene Äste werden eigentlich relativ schnell aus den Bäumen herausgenommen. Wenn man das mal nicht tun würde, dann würden wir noch ein viel schlimmeres und dramatisches Bild sehen.

Was machen die Parks und Gärten dagegen?

Jeder versucht natürlich, Maßnahmen zu ergreifen. Das ist schwierig. In manchen Anlagen können wir bewässern, das tun wir auch in manchen Anlagen. Aber auch Wasser ist in manchen Anlagen ein knappes Gut. Das muss man auch zur Verfügung haben. Und es ist auch schwer, große Anlagen natürlich zu bewässern. Die Wassermengen dazu kriegt man gar nicht zusammen.

Die Weisse Brücke über den Wolfskanal.
Schon der Sommer 2018 war so trocken, dass die Gewässer in Wörlitz austrockneten. Bildrechte: imago images / Lutz Winkler

Ansonsten kann man nur besonders gut pflegen, versuchen, Bäume vital zu halten. Und das ist sehr umfangreich. Das fängt damit an, dass man simple Dinge macht, wie den Boden mulchen, Rasenschnitt oder Laub nicht immer weg hakt, damit die Verdunstung auf dem Boden geringer ist. Mehr Humus in den Boden. Man kann auch mit Hilfsstoffen im Boden arbeiten. Die Pflanze ansonsten versuchen, optimal zu versorgen: mit Nährstoffen, mit Pilzen, die Symbiosen mit den Bäumen eingehen. Da gibt es eine ganze Menge an Maßnahmen, es ist ein sehr komplexes Thema. Und das hilft auch.

Wir haben es ja in Parkanlagen mit alten Bäumen zu tun. Vielleicht doch etwas anders als im Wald. Bei uns dürfen und sollen die Bäume alt werden. Und je älter sie werden, desto anfälliger werden Sie auch.

Das Gespräch führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juli 2020 | 07:40 Uhr