Zum 100. Todestag Kunst-Parcours zu Max Klinger in Naumburg

Max Klinger, der sogenannte "deutsche Michelangelo", starb vor rund 100 Jahren am 4. Juli 1920 auf seinem Weinberg in Großjena bei Naumburg. Hier wurde er auch beigesetzt. Im Gedenkjahr von Klingers 100. Todestag feiert nun auch – etwas zeitversetzt wegen Corona – die Stadt Naumburg den Künstler und zeigt, wie er immer noch zu inspirieren vermag. Auf einem regelrechten Klinger-Parcours mit Stationen wie dem Naumburger Dom oder Klingers Haus in Großjena können sich die Besucher davon überzeugen.

Yorgos Sapountzis, Barbara Wege, Mariechen Danz und Ilko Koestler (v.l.n.r.) bei der Eröffnung der Ausstellung "Druck und Hingabe: eine Widmung an Max Klinger".
Eröffnung der Ausstellung "Druck und Hingabe: eine Widmung an Max Klinger". Von links nach rechts: Yorgos Sapountzis, Barbara Wege, Mariechen Danz und Ilko Koestler. Bildrechte: Matthias Ritzmann

"Klinger als Inspiration für die zeitgenössische Kunst", unter diesem Vorzeichen steht der neue Ausstellungsparcours durch Naumburg. Wobei Max Klingers Malerei und Zeichnung eher figürlich orientierte Künstler beflügelte, so den Surrealisten Max Ernst oder Käthe Kollwitz, die sich für die dunklen Seiten interessierte. Der Malerfürst selbst verschloss sich ängstlich den Einflüssen der Moderne. Der Expressionismus war ihm ein Gräuel. Die Dresdner "Brücke"-Künstler ignorierte er. Weshalb Klinger im 20. Jahrhundert gerne mal für tot erklärt wurde. Nun haben sich vier Künstler und Künstlerinnen mit dem Schaffen des Meisters auseinandergesetzt und präsentieren die Ergebnisse nah an Klingers Sterbeort Großjena bei Naumburg.

Dom und Klinger-Haus neu entdecken

Manon Bursian, Leiterin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt erklärt: "Wir haben uns gedacht: Was zeigt oder gibt uns Max Klinger heute noch für eine Botschaft in seinem Werk, das vor allem ein grafisches, malerisches und bildhauerisches ist? Und wir haben vier Arbeitsstipendien vergeben, und ich glaube, man wird auch den Dom und das Max-Klinger-Haus neu entdecken."

Als spektakulärste Kulisse der Klinger-Schau bietet sich der Naumburger Dom geradezu an. Obwohl mit Klingers Vita nicht verbunden, ist er jedoch schon länger ein Ort der zeitgenössischen Kunst. Im Vorraum der Krypta lassen sich feingliedrige Tusche- und Bleistiftzeichnungen bewundern, die die hallesche Künstlerin Barbara Wege farbig aquarelliert hat. In ihren Sümpfen, Bergen und  Wüsten lässt sich am unmittelbarsten Klingers Einfluss ablesen; sie können als Metaphern für Liebe und Tod verstanden werden.

Klingers Götterwelten als Warenwelt

Ausstellungsansicht im Vorraum der Krypta des Naumburger Doms. Zu sehen ist von Barbara Wege: "Fluss I" aus der Serie "Landscapes of Life", 2020. Tuschestift, Bleistift, Buntstift, Aquarellfarbe auf Bütten, 106 x 78 cm.
Barbara Wege: "Fluss I" aus der Serie "Landscapes of Life" (2020). Bildrechte: Matthias Ritzmann für die Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Die größte Reibung an Klinger lässt sich aus dem Werk des Griechen Yorgos Sapountzis ablesen, der leicht humorig Klingers Monumentalbild "Christus im Olymp" in der Baustellensituation des Ostchores an einer schnöden Bretterwand interpretiert. "Christus im Olymp" ist ein dreidimensionales Monumentalkunstwerk mit mindestens 30 Personen der christlichen und antiken Kultur  und mit Plastiken an beiden Seiten des Marmor-Rahmens. Sapountzis druckt Auszüge aus dem Werk auf fünf erbärmlich herunter hängende, gräuliche Stoffbahnen und drapiert davor eine billige Schaufensterpuppe, mit einer Stoffbahn ummäntelt. Er will uns zeigen, wo er Klingers Götterwelten heute sieht: im Kaufhaus, in der Warenwelt.

Ausstellungsansicht im Ostchor des Naumburger Doms. Zu sehen ist von Yorgos Sapountzis: "Christus im Olymp, 1890-97", 2020. 5 Werke, ca. 150 x 100 cm,  Stoff , Tusche, Stecknadeln. Außerdem zu sehen ist: "Lifesize figure from Olympus", 2020. Schaufensterpuppe, Stoff, Tusche, Stecknadeln, 180 x 50 x 50 cm.
Yorgos Sapountzis: "Christus im Olymp, 1890-97" (2020) sowie "Lifesize figure from Olympus" (2020). Bildrechte: Matthias Ritzmann für die Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Angelika Stepken, Leiterin der Villa Romana, hat die Ausstellung kuratiert: "Yorgos begegnet Max Klinger und seiner künstlerischen Energie. Auch seiner Unverfrorenheit, Sachen zu machen, die man sich damals nicht vorstellen konnte – und er hat es auch speziell für diesen Ort hier gemacht. Man geht in dieses Bühnenbild hinein, begegnet dann einem sehr weichen Material, nicht dem 'beethovenschen' Marmor. Es ist ein Versuch der Reaktivierung von dem, was heute in Geschichte abgelegt ist."

Lungenflügel und Zungen im Domschatzgewölbe

Ausstellungsansicht im Vorraum der Krypta des Naumburger Doms. Ausstellungsansicht in der Krypta des Naumburger Doms. Zusehen ist von Mariechen Danz: "Womb Tomb (mimetic meteorological)", 2016/2018. Thermochromische Pigmente, Wärmequelle auf Zeitschaltuhr, glasfaserverstärkter Kunststoff, Kunstharz, 189 x 60 x 25 cm.
Mariechen Danz: "Womb Tomb (mimetic meteorological)" (2016/2018). Bildrechte: Matthias Ritzmann für die Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Die Villa Romana in Florenz, jene Institution für Künstlerförderung, sie würde es ohne Max Klinger nicht geben. Mit dem Villa-Romana-Preis 2013 wurde auch die irische Künstlerin Mariechen Danz ausgezeichnet. Sie zeigt einprägsam im Domschatzgewölbe des Naumburger Doms leuchtende Körperorgane – Lungenflügel, Zungen oder gar einen ganzen Körper – aus Polyurethanharz und Pigment. Und ließ sich, wie sie sagt, von der Leuchtkraft in Klingers Malerei beeinflussen, etwa in seinem berühmten Bild "Die blaue Stunde". Ebenso wie der vierte Künstler im Bunde, der hallesche Grafiker Ilko Koestler, der sich für seinen grafischen Zyklus auch von Klingers Mappenwerken inspiriert fühlte.

Präsentation von drei Exemplaren eines Buches (Vorderseite, aufgeschlagen, Rückseite) in einer Vitrine der Turmschatzkammer des Naumburger Doms. Zu sehen ist von Ilko Koestler: "PARADEiS - Schwarz-Blaue Stunden", 2020. Originalgrafisches Buch mit 40 Seiten, Lithografie, 40 x 30cm.
Ilko Koestler: "PARADEiS - Schwarz-Blaue Stunden" (2020). Bildrechte: Matthias Ritzmann

Koestler sagte MDR KULTUR: "Für mich ist die Blaue Stunde das Dazwischen, zwischen diesem Schwarz-Weiß und diesem Blau und es gibt auch kein Schwarz – das habe ich nicht benutzt beim Drucken und normalerweise ist die Grafik ja sehr 'schwarzlastig'. Meine Herausforderung war, dass ich nur mit Farbe arbeite, aber eben auch düstere Stimmungen ins Bild bringe."

Klingers ambivalentes Verhältnis zu Frauen

Eine Kostprobe von den Mappenwerken Klingers gibt eine andere Station im Naumburger Klinger-Parcours, im Oberlandesgericht, die Auszüge aus Klingers letzten und zugleich umfangreichsten Grafik-Zyklus "Das Zelt" präsentiert. Die Reihe zeigt mit vielen Akt-Darstellungen Klingers ambivalentes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht generell und im Besonderen zu seinen beiden letzten Lebensgefährtinnen, der Schriftstellerin Elsa Asenijeff und dem Modell Gertrud Bock.

Fazit

Klingers Grafiken beschwören düstere Träume und bizarre Situationen. Auch die unmittelbare Bildsprache des Künstlers kommt beim Naumburger Klinger-Parcours nicht zu kurz, der zudem ein erfrischender Spaziergang ist durch die Welterbe-Stadt.

Mehr Informationen zum Parcours "Druck und Hingabe: Eine Widmung an Max Klinger"
12. September 2020 bis 31. Oktober 2020
Naumburger Dom

Radierzyklus im Oberlandesgericht Naumburg
Domplatz 10
06618 Naumburg

Ausstellung im Max-Klinger-Haus
Blütengrund 3
06618 Naumburg

Kultur in Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. September 2020 | 07:40 Uhr