EIn Mann fotografiert eine Frau in einer Bar, wobei sie gerade genüsslich an einer Zigarette zieht und dabei in die Kamera schaut.
Marie Bäumer als Romy Schneider in "3 Tage in Quiberon": Der Film wurde zehnmal für den Deutschen Filmpreis nominiert, Geld für die Produktion kam unter anderem von der Filmförderungsanstalt (FFA). Bildrechte: Peter Hartwig/ Rohfilm Factory/Prokino

Filmförderung in Deutschland "Filmproduktionen à la Hollywood sind kaum möglich"

Am Freitag wird in Berlin der Deutsche Filmpreis verliehen. Doch bevor ein Film preisverdächtig wird, muss er erst finanziert werden. Filmkritiker Knut Elstermann erklärt, wieso das in Deutschland ziemlich schwierig ist.

EIn Mann fotografiert eine Frau in einer Bar, wobei sie gerade genüsslich an einer Zigarette zieht und dabei in die Kamera schaut.
Marie Bäumer als Romy Schneider in "3 Tage in Quiberon": Der Film wurde zehnmal für den Deutschen Filmpreis nominiert, Geld für die Produktion kam unter anderem von der Filmförderungsanstalt (FFA). Bildrechte: Peter Hartwig/ Rohfilm Factory/Prokino

MDR KULTUR: In den Abspännen von deutschen Kinofilmen stehen oft viele verschiedene Geldgeber. Wer fördert eigentlich was?

Knut Elstermann: In Deutschland ist das ein Riesen-System. Allein die Zahlen sind beeindruckend: Etwa 340 Millionen Euro stehen in Deutschland an Fördergeldern für die Produktion von Filmen zur Verfügung. Pro Jahr werden in Deutschland etwa 250 deutsche Filme im Kino gezeigt. Das heißt, die größte Summe, der größte Anteil dieser Förderung, kommt von der Filmförderungsanstalt (FFA), die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert.

Es kommen aber auch noch andere Fördermittel hinzu, beispielsweise direkt von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die ihren Fördertopf noch mal von 15 auf 25 Millionen Euro aufgestockt hat. Darüber hinaus gibt es den Deutschen Filmförder-Fonds, sowie das Kuratorium Junger Deutscher Film und die Länderförderungen. Das ist in Mitteldeutschland die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM).

Man kann einen Film auch über ein Darlehen bei der Bank oder durch Sponsoren finanzieren. Insgesamt ist die Filmfinanzierung ein sehr schwieriger und aufwendiger Weg. Klar ist: Bevor die Finanzierung des Filmes nicht steht, braucht man gar nicht anzufangen zu drehen.

Nach welchen Kriterien wird gefördert? Sollen die Filme an den Kassen erfolgreich sein, oder vorrangig künstlerische Ansprüche erfüllen?

Über diese Frage wird in der Branche schon lange gestritten. Zum einen muss man sagen, dass es richtig ist, darauf hinzuweisen, wenn man von einer Filmförderung spricht, dass es auch immer eine Wirtschaftsförderung ist. Filmförderungen sind auch Standortförderungen, da das Geld im jeweiligen Land ausgegeben wird. Das wiederum bringt Gewinn und schafft Arbeitsplätze.

MDR FIGARO-Café mit mit Wolfgang Kohlhaase und Andreas Dresen in Merseburg, moderiert von Knut Elstermann
Knut Elstermann Bildrechte: MDR / Marco Prosch

Gleichzeitig handelt es sich bei der Filmförderung aber auch um eine kulturelle Förderung. Und da gibt es dann eben den Streit darüber: Was ist hier jetzt wichtiger? Zum Glück hat Kulturstaatsministerin Grütters vor kurzem ein Machtwort gesprochen, und sich damit auch gegen Richtlinien der FFA gewendet, die nur noch Filme mit einem Zuschauerpotenzial von 250.000 Menschen fördern wollte. Für mich gehört es selbstverständlich dazu, dass die Filmförderung auch kulturell wichtige Filme fördert. Beispiel "Toni Erdmann": Der Film war in der Produktion nicht zu teuer, hatte dennoch großen Erfolg auf Filmfestivals. Dieser Rücklauf ist genauso wichtig wie der wirtschaftliche Gewinn eines Films.

Wie beurteilen Sie dieses System in Deutschland? Hat es sich bewährt?

Auf jeden Fall ist die Filmförderung, wie sie in Deutschland funktioniert, ein großer Gewinn. Doch auch wenn Filmförderung richtig und wichtig ist, ist es beschwerlich für die Filmemacher, die einzelnen Töpfe zu finden, das alles zusammenzustellen, und am Ende ein Budget zu haben, das ausreichend ist. Darüber hinaus ist der Einfluss des Fernsehens sehr groß. Das Fernsehen ist auch bei Kinofilmen ein wichtiger Mitproduzent, und das ist nicht immer günstig für die Filmemacher, weil die Filme dann natürlich auch manchmal sehr nach Fernsehen aussehen.

Aber was ich noch viel wichtiger finde: Es ist ein Druck entstanden, dass die Förderung immer mit einer Verleih-Garantie verbunden ist. Der Filmemacher oder der Produzent muss schon vorab klarmachen: Der Film wird auf jeden Fall ins Kino kommen. Nur dann ist eine Förderung möglich. Das halte ich inzwischen für falsch,  denn damit haben wir eine Welle von Filmen, die im Fernsehen gut aufgehoben wären, die dann aber, und wenn es nur eine Woche ist, im Kino laufen müssen, um eben diesen Förderrichtlinien zu entsprechen.

In Deutschland ist es auch sehr schwierig, große Budgets hinzubekommen. Es ist hierzulande fast ausgeschlossen, Hollywood-Formate zu produzieren. Die Mittel dafür lassen sich aus den verschieden Filmförderungstöpfen nur schwer zusammenbringen.

Gibt es eigentlich auch Filmemacher, die erfolgreiche "Verweigerer" sind, Filmförderung komplett ablehnen und einfach losdrehen? Mit den technischen Möglichkeiten im digitalen Zeitalter reicht ja als Kamera ein Handy.

Es gibt diese "Verweigerer", es gibt die neue, frische Generation. Das sind Filmemacher wie Axel Ranisch oder die Brüder Tom und Jakob Lass. Das sind Leute, die versuchen, eben ganz ohne Filmförderung auszukommen. Der Ansatz ist, zu sagen: Wenn wir jetzt diesen langen Weg gehen, bis alle Mittel zusammen sind, sind wir am Ende erschöpft und haben die Lust an unserer Geschichte verloren. Stattdessen ziehen wir halt los mit ganz wenig Geld oder borgen uns was von der Oma, und machen das, was wir machen wollen – nämlich, unsere Geschichten zu erzählen.

Das kann natürlich nicht der einzige Weg sein – denn auch diese Filmemacher müssen ihre Mieten bezahlen und wollen vielleicht auch irgendwann einmal ihre Schauspieler entlohnen. Dennoch ist das eine erfrischende, neue Sicht, die das deutsche Kino durchaus belebt hat.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. April 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. April 2018, 18:59 Uhr

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Sandra Hüller
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