Nach Insolvenz Buchbranche zieht positives Fazit nach KNV-Übernahme

Vor einem Jahr atmete die deutsche Buchbranche auf: Der größte deutsche Buchgroßhändler Koch, Neff & Volckmar GmbH (KNV) wurde aus der Insolvenz gerettet. Die Logistik-Unternehmensgruppe Zeitfracht hatte KNV übernommen. Nach einem Jahr ziehen Verlage, das Unternehmen und der Börsenverein eine positive Bilanz.

Der Firmensitz des größten Buchgroßhändlers im deutschsprachigen Raum Koch, Neff & Volckmar GmbH (KNV) in Stuttgart.
Der Firmensitz von Koch, Neff & Volckmar GmbH (KNV) in Stuttgart. Bildrechte: imago/Arnulf Hettrich

Ein Jahr nach der Übernahme des insolventen Buchgroßhändlers Koch, Neff & Volckmar GmbH (KNV) durch das Logistikunternehmen Zeitfracht zieht die Branche ein überwiegend positives Fazit. Das ergaben Recherchen von MDR KULTUR. Der größte deutsche Buchgroßhändler KNV hatte im Februar 2019 wegen Überschuldung Insolvenz anmelden müssen.

So zieht Thomas Raff, Geschäftsführer der Zeitfracht GmbH, bei MDR KULTUR eine positive Bilanz und nennt den Schritt eine "richtige Entscheidung". Man habe mittlerweile sogar neue Kunden gewinnen und Marktanteile zurückgewinnen können.

Mitarbeiter und Know-how übernommen

Die Zeitfracht GmbH war vorher im Buchhandel ein unbeschriebenes Blatt. Das sei aber zum einen aufgrund der allgemeinen Logistik-Expertise des Unternehmens kein Problem gewesen, so Geschäftsführer Raff. Zum anderen wurden alle 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten in Erfurt und Stuttgart übernommen. So blieben Know-How und Expertise erhalten. Das habe sich sowohl auf die Lieferantenbeziehungen als auch auf die Kundenbeziehungen positiv ausgewirkt, berichtet Geschäftsführer Raff.

KNV, Logistikzentrum an der A71 in Erfurt
KNV-Logistikzentrum an der A71 in Erfurt Bildrechte: imago images / Steve Bauerschmidt

Insolvenzwelle abgewendet

Thomas Koch vom Börsenverein des deutschen Buchhandels glaubt, dass es von enormer Bedeutung für die Buchbranche war, dass der Buchgroßhändler KNV schnell übernommen wurde.

Es gibt wohl keinen Verlag oder keine Buchhandlung, die nicht mit KNV zusammenarbeitet. KNV ist durchaus systemrelevant.

Thomas Koch, Börsenverein des deutschen Buchhandels

Durch die Übernahme durch die Zeitfracht GmbH konnte Koch zufolge eine Insolvenzwelle von Buchhandlungen und Verlagen abgewendet werden. Denn KNV hatte Bücher schon vorab eingekauft, die aber noch nicht bezahlt worden waren. Genauso waren bereits Bücher an Buchhandlungen ausgeliefert worden. So sei es zu Außenständen an beiden Seiten gekommen. Durch die schnelle Übernahme konnte die Situation gut gemanagt werden, lobt Koch bei MDR KULTUR. Am Ende würden besonders die Kundinnen und Kunden profitieren, indem sie schnell an Bücher kommen.

Dass Kunden ein bestelltes Buch über Nacht in ihre Buchhandlung bekommen, das gibt es so nur in Deutschland, und das leistet die sehr ausgeklügelte Buchlogistik, die wir hier haben.

Thomas Koch, Börsenverein des deutschen Buchhandels

In einem Lager des Leipziger Kommissions- und GroÃßbuchhandels (LKG) in Espenhain ist am 02.03.2001 Mitarbeiterin Ilona Peter mit der Kommissionierung einer Buchsendung beschäftigt.
Für die Verlage ist die professionelle Verteilung ihrer Bücher überlebenswichtig Bildrechte: picture-alliance / ZB

Buchlieferungen über Nacht gibt es nach wie vor. Daran hat sich seit der Übernahme nichts geändert. Neu ist seit dem 1. Juli dieses Jahres die Möglichkeit, Bücher innerhalb von 36 Stunden liefern zu lassen. Die Buchhandlungen können entscheiden, ob sie am nächsten Tag oder erst am übernächsten Tag beliefert werden will. Das gibt der KNV Zeitfracht mehr Luft beim Beliefern und für die Buchhändlerinnen und -händler wird es günstiger.

Positives Fazit von Verlagen

Helmut Stadeler, Vorsitzender des Deutschen Börsenvereins für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
Helmut Stadeler, Vorsitzender des Deutschen Börsenvereins für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Bildrechte: dpa

Für Helmut Stadeler vom Thüringer Verlag Bussert & Stadeler sind die Buchbestellungen über Nacht eine Kernaufgabe des Zwischenhändlers. Dass so viele Bücher innerhalb von kürzester Zeit lieferbar seien, sei gerade für kleinere Buchhandlungen wichtig, so Stadeler bei MDR KULTUR. Er sieht die Übernahme der KNV im vergangenen Jahr durch Zeitfracht als einen Endpunkt einer schwierigen Situation für die Buchbranche. Es sei "unheimlich solidarisch abgelaufen", was dazu geführt habe, dass ein Großteil des Buchhandelssystems erhalten geblieben sei.

Roman Pliske, 2016
Roman Pliske, Chef des Mitteldeutschen Verlags Bildrechte: imago images / Felix Abraham

Auch der Chef des Mitteldeutschen Verlags, Roman Pliske, kann ein Jahr nach der Übernahme nur Positives erzählen. Das habe nicht auf der Hand gelegen, da der neue Besitzer keine Erfahrung mit dem Buchhandel gehabt habe. Gleichzeitig glaubt Pliske, dass die Insolvenz Vertrauen verspielt habe, das jetzt wieder zurückgewonnen werden muss. Natürlich hätten sich die Umsätze erst einmal verändert. Zum einen seien einige Buchhandlungen in der Zeit der Unsicherheit möglicherweise zum Mitbewerber gegangen und so werden nun potenziell weniger Buchhandlungen durch KNV beliefert. Zum anderen sei es so, dass das Geschäft nach der Übernahme dann erst langsam startete.

Wir haben einen ordentlichen Umsatz über die KNV gemacht, aber im Vergleich zu den vergangenen Jahren ungefähr ein Drittel weniger.

Roman Pliske, Chef des Mitteldeutschen Verlags

Corona hat Branche genützt und nicht geschadet

Corona hat der positiven Bilanz des ersten Jahres nicht geschadet, sagte Zeitfracht Geschäftsführer Raff. Im Gegenteil, das Buch habe in der Pandemie eine Renaissance erlebt, das Volumen sei höher gewesen als in vergleichbaren Monaten in den Vorjahren. Vor allem durch die Online-Buchhandlungsshops, die die KNV hosten, sei dies möglich. Dabei werden dann die Kunden der Buchhandlungen direkt beliefert. Das heißt, die Bücher wurden nicht mehr in die Buchhandlungen geliefert, sondern im Namen der Buchhandlung direkt an den Endkunden. "Das hat viele Buchhandlungen gerettet und war eine wichtige Dienstleistung, die wir in dieser Zeit angeboten haben.", so Raff

Positiv hat sich das auch für Helmut Stadeler vom Thüringer Verlag Bussert & Stadeler ausgewirkt: Denn in der Corona-Krise wurden zum Teil ganz andere Bücher bestellt. Wenn es da nicht so einen starken Partner im Hintergrund gegeben hätte, der dann dafür sorgt, dass diese Bücher in kürzester Zeit an den Kunden kommen können, dann wäre das gar nicht lösbar gewesen, erklärt Stadeler.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. August 2020 | 07:30 Uhr