Interview Darum hat Jon Favreau "Der König der Löwen" jetzt neu verfilmt

"Nants ingonyama bagithi Baba" – das sind die bekannten Worte aus der Eröffnungssequenz vom Zeichentrickfilm "Der König der Löwen": Die aufgehende Sonne über der Steppe, die Tiere, die sich um den Pride Rock versammeln um einen Blick auf den neuen Löwen-Prinzen Simba zu werfen. Disney hat damit 1994 einen echten Klassiker erschaffen. 25 Jahre später kommt die Geschichte um Simba, seinen Vater Mufasa und Onkel Scar erneut ins Kino. Der neue Film ist eine Realverfilmung – eine Mischung aus Computeranimation und Virtual Reality. Ein Film, der so detailgetreu ist, dass er sich anfühlt wie eine aufwendig produzierte Tierdokumentation. Hier sitzt jedes Löwenhaar, jeder Grashalm in der Savanne bewegt sich im richtigen Winkel und jedes Sandkörnchen vibriert an der richtigen Stelle, wenn ein Löwe vorbeirennt. Das ist atemberaubend und spektakulär anzugucken. Warum Regisseur Jon Favreau die Geschichte neu erzählen wollte, verrät er uns im Interview.

MDR KULTUR: Warum wollten Sie den Klassiker "Der König der Löwen" neu erzählen?

Jon Favreau, Regisseur: Ich habe mit meiner Neuauflage von "Das Dschungelbuch" vor drei Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich war überwältigt von den Reaktionen damals. Die Zuschauer haben unseren Ansatz sehr gemocht. Und ich habe dort sehr viel über die neuen technischen Möglichkeiten gelernt. Es ist unvorstellbar, was beim Film mittlerweile alles möglich ist. Wir haben vollkommen neue Möglichkeiten, die alten Klassiker neu zu interpretieren und neu zum Leben zu erwecken – Stichwort Fotorealismus. Ich wollte der zeitlosen Geschichte von "Der König der Löwen" einen neuen visuellen Anstrich geben und den Film einer neuen Generation präsentieren.

Wollten Sie nur den Look neu interpretieren oder auch der Geschichte etwas Neues mitgeben?

Szene des Zeichentrickfilms "Der König der Löwen".
Szene des Zeichentrickfilms "Der König der Löwen" von 1994. Bildrechte: imago/United Archives

Anders als noch bei "Das Dschungelbuch" glaube ich, dass die Leute zu vertraut mit der ursprünglichen Geschichte sind, um da wirklich etwas verändern zu können. Egal ob sie den Film kennen oder das Musical. Daher war mir schnell klar, dass wir sehr nah an der Geschichte von Irene Mecchi und Jonathan Roberts bleiben müssen und nur wenig Handlungsspielraum haben. Wir haben ein paar ikonische Szenen wirklich Bild für Bild, Satz für Satz, Einstellung für Einstellung übernommen. In anderen Momenten hatten wir mehr Freiheiten, aber wir wollten immer nah am Original bleiben.

Alle Tiere im Film, insbesondere die Löwen sehen absolut echt aus – der Film läuft unter dem Label "Live Action" – wo ziehen Sie die Grenze?

Für uns ist Live Action ein Kompliment, denn das heißt, dass es real aussieht. Aber die Technologie, die dahinter steckt ist natürlich reine Animation. Wir arbeiten mit digitalen Storyboards, jedes einzelne Bild, jeder einzelne Frame sind Stück für Stück bearbeitet und in monatelanger Computerarbeit gerendert worden. Wir arbeiten viel mit Virtual Reality. Deswegen hat es diesen realen Look. Denn durch diese neuartige Technologie können wir Kamerastandpunkte in der virtuellen Welt auswählen und zum Beispiel Kameraschwenks machen. Das assoziieren die Leute mehr mit Live Action als mit animierten Filmen.

Wie würden Sie den Look des Films beschreiben?

Neulich fragte mich jemand, ob der Begriff der fotorealen Animation passen würde. Das trifft für mich den Nagel auf den Kopf. Die Animation liefert natürlich die Bilder, aber unsere Herangehensweise ist eben nicht wie bei einem Animationsfilm von Pixar. Wir haben den gleichen visuellen Anspruch wie ein normaler Spielfilm. Und so lösen wir ihn auch auf. Nur, dass wir eben eine andere Technik benutzen.

Ein Ansatz ist der, dass Sie mit allen Schauspielern in einer schwarzen Box den Film vorgedreht haben. Warum?

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Regisseur Jon Favreau verfilmte bereits Disneys Klassiker "Das Dschungelbuch" neu, nun auch "Der König der Löwen". Bildrechte: Disney

Sie müssen sich das wie eine Art Theaterprobe vorstellen. Szene für Szene. Die Schauspieler tragen ihre normale Alltagskleidung, keine Spezialanzüge wie beim Motion Capture zum Beispiel. Wir nehmen die Dialoge auf, sie dürfen wild durcheinander sprechen, miteinander agieren, Dinge wiederholen und sogar improvisieren. Die Audio-Aufnahmen nehmen wir dann als Grundlage für die Animation. Dadurch bekommt der Film schon im Entstehungsprozess eine ganz eigene Dynamik.

Über Jon Favreau Jon Favreau ist Schauspieler, Drehbuchautor, Produzent und Regisseur. Er war u.a. in der Serie "Friends" oder neben Leonardo Di Caprio in "Wolfs of Wallstreet" zu sehen. Er führte Regie bei den Comic-Verfilmungen von "Iron Man" und spielte in beiden Teilen selbst mit. 2016 verfilmte er bereits den Disney-Klassiker "Das Dschungelbuch" neu, jetzt wagte er sich auch an "Der König der Löwen".

Aber dennoch bleibt die Gefahr, sich einfach nur zu wiederholen. Was ist für Sie der Mehrwert des Remakes eines solch ikonographischen Films?

Ein Löwenbaby wird in die Höhe gehoben.
Löwenbaby Simba wird in der Gemeinschaft präsentiert. Bildrechte: Disney

Irgendwie gehört das zur Tradition Hollywoods. Immer wenn es einen Durchbruch bei einer neuen Technologie gibt, einer neuen Möglichkeit Geschichten zu erzählen, gibt es Remakes. So wird die Geschichte von Generation zu Generation weitergetragen. Ich bin zum Beispiel mit "Die zehn Gebote" groß geworden. Von Cecil B. DeMille, gedreht in den fünfziger Jahren. Durch den Film bin ich auf das Original aus den 20er-Jahren aufmerksam geworden. Der eine war eben in Farbe und hatte bessere Effekte. Der andere war noch ein Stummfilm. Es ist doch absolut spannend zu sehen, wie über die Jahrzehnte Geschichten erzählt werden und sich verändern.

Was erhoffen Sie sich hier?

Der Animationsfilm "Der König der Löwen" wird immer der Film sein, mit der eine ganze Generation groß geworden ist. Aber die nächste Generation wird vielleicht mit meinem groß werden. Sie wollen einen anderen Look, einen anderen visuellen Ansatz. Und den haben sie jetzt. Es hindert Sie ja niemand daran, sich auch das Original zu gucken und gleich zwei Mal Kontakt mit dieser wunderbaren Geschichte zu haben.

Im Moment werden viele der Animationsklassiker von Disney neu erzählt. Angefangen bei "Die Schöne und das Biest" über "Aladdin", "Dumbo", demnächst "Mulan" und "Arielle, die Meerjungfrau". Gerade bei den letzten beiden gibt es jetzt schon große Diskussionen über Veränderungen. Disney versucht – endlich – mehr Diversität. Begrüßen Sie das?

Ein Löwe mit fünf Hyänen.
Ein Löwe mit fünf Hyänen. Bildrechte: Disney

Ja, denn jede Geschichte spiegelt auch den Zeitgeist wieder, passt in den historischen und gegenwärtlichen Kontext des Entstehungsprozesses. Wir haben 2019. Es wird verdammt noch mal Zeit für eine schwarze Arielle. Solange wir der Geschichte treu bleiben, den erzählerischen Mythen auf denen sie basieren, sollten wir jede Chance nutzen uns zu öffnen und von alten Traditionen lösen – vor und hinter der Kamera.

Das Interview führte Anna Wollner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Juli 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019, 04:00 Uhr

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