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Bestattungskultur"Totenstadt": Erstes Kolumbarium in einer Kirche in Sachsen-Anhalt wird eröffnet

von Pia Uffelmann, MDR KULTUR

Stand: 24. Juni 2022, 04:00 Uhr

In Lutherstadt Eisleben wird am Freitag das erste Kolumbarium in einer historischen Kirche in Sachsen-Anhalt eingeweiht. Das bedeutet, dass Urnen bald nicht nur auf dem Friedhof, sondern auch in der Kirche St. Nicolai aufbewahrt werden. Damit bekommt das Gotteshaus, das seit 1973 leer steht, eine neue sakrale Bestimmung: Es wird zur Begräbniskirche. Dort soll eine Totenstadt entstehen – nach dem Entwurf eines künstlerischen Teams der Burg Giebichenstein, der gerade in Halle vorgestellt wird.

In der Nicolaikirche in Lutherstadt Eisleben wird am Freitag ein neues Kolumbarium eingeweiht, also ein Bestattungsort für Urnen. Die sollen hier nicht in der Erde beigesetzt werden, sondern in extra für die Kirche angefertigten Urnenschränken Platz finden. Bisher gibt es solche Kolumbarien vor allem auf Friedhöfen, wie beispielsweise auf dem Leipziger Südfriedhof. Dass die Urnen jedoch in einer Kirche gelagert werden, ist ungewöhnlich: In Lutherstadt Eisleben wird es das erste Kolumbarium in Sachsen-Anhalt in einer historischen Kirche sein. Die Nicolaikirche, eine der ältesten Kirchen der Stadt, bekommt so nach fast 50 Jahren Leerstand eine neue sakrale Bedeutung: Circa 1.200 Urnen können hier aufbewahrt werden.

Totenstadt in spätgotischer Hallenkirche

Martin Büdel, Vincenz Warnke, Ulrike Meyer und Jakob Schreiter (v.l.n.r.) von der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Bildrechte: Pia Uffelmann, MDR

Das künstlerische Konzept für das neue Kolumbarium in Lutherstadt Eisleben lieferte ein vierköpfiges Team rund um den Hallenser Burg-Professor für Industriedesign, Vincenz Warnke. Der Entwurf besteht aus mehr als 20 schwarz geköhlten Urnenschränken aus massiver Eiche, die sich mit gotischen Treppengiebeln versehen in der spätgotischen Hallenkirche zu einer Totenstadt anordnen. Durch diese Stadt könne man wandeln oder zwischendurch auf einer der zwei Bänke Ruhe finden, so Professor Vincenz Warnke. In jedem Urnenschrank finden mit Vorder- und Rückseite jeweils 48 Urnen Platz. Der Totenstadt gegenüber steht ein lichtdurchfluteter Chorraum mit Bänken, einem Altar und der Urnen-Stele. Dort kann die Bestattungszeremonie abgehalten werden, bevor die Urne in ein Fach des Schranks gebracht wird, an dessen Tür dann Name sowie Geburts- und Sterbedaten eingraviert werden.

Fenster im Chorraum aus mundgeblasenem Glas

Zentral bei dem Entwurf sei der Gedanke der Auferstehung, erklärt Designerin und Burg-Absolventin Ulrike Meyer. Es gebe einen ganz starken Kontrast zwischen der Schwärze der Totenstadt und der Helligkeit im Chorraum – auch durch die Fenster, die der Burg-Absolvent und Glaskünstler Jakob Schreiter entworfen hat. Sie zeigen ein abstrahiertes Tuch, das durch die fünf Chorfenster weht und unter anderem an das Leichentuch Jesu angelehnt ist. Er arbeite dabei mit Weiß- und Grautönen, sodass die Fenster aus mundgeblasenem Glas recht hell, aber nicht durchsichtig seien, erklärt Glaskünstler Jakob Schreiter. An dem Konzept für das Kolumbarium in Eisleben war auch Innenarchitekt Martin Büdel beteiligt.

Pietätvoller Umgang

Superintendent Andreas Berger Bildrechte: Pia Uffelmann/ MDR

Seit etwa 15 Jahren gebe es zunehmend Kolumbarien in Kirchen, berichtet Andreas Berger, Superintendent des Kirchenkreises Eisleben-Sömmerda. Besonders im Ruhrgebiet seien viele entstanden, aber auch in Erfurt befänden sich in zwei katholischen Kirchen Kolumbarien. Häufig gebe es diese in Form von Säulen oder langen Reihen, die an Schließfächer erinnerten. Die geplante Totenstadt in Eisleben sei da schon etwas Besonderes, so Berger. Die Schließfach-Optik einiger Kolumbarien hatte den künstlerischen Leiter Vincenz Warnke entsetzt und dazu gebracht, mit der Idee der Totenstadt eine aus seiner Sicht pietätvolleren Umgang mit den Toten zu finden, erklärt er.

Beitrag zur Bestattungskultur

Schon vor der Einweihung hat Superintendent Andreas Berger circa 100 Anfragen für Plätze im Eisleber Kolumbarium bekommen. Er merkt, dass die Idee einer ewigen Ruhestätte Anklang findet. Denn, auch wenn die Ruhezeit der Urne abgelaufen ist, bleibt die Asche in einem Aschebrunnen in der Kirche – anders als auf einem Friedhof, wo Gräber irgendwann eingeebnet werden. Für viele ältere Bewohnerinnen und Bewohner Eislebens, deren Angehörige weit entfernt wohnen, sei ein Urnenplatz im Kolumbarium außerdem eine wenig pflegeintensive letzte Ruhestätte – und trotzdem ein Ort der Erinnerung.

Die Kirche St. Nicolai in Eisleben wird derzeit umgebaut Bildrechte: Pia Uffelmann/ MDR

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 10. November 2021 | 17:10 Uhr