Antisemitismusvorwürfe Kommentar zu Lisa Eckhart: Es ist nicht Aufgabe der Kunst, Skandale zu produzieren

Die Kabarettistin Lisa Eckhart wurde von einem Literaturfestival in Hamburg erst aus-, dann wieder eingeladen – und will nun aber selbst nicht mehr daran teilnehmen. Die Veranstalter hatten befürchtet, es könne zu Protesten wegen eines früheren Auftritts kommen. 2018 hatte Eckhart mit scheinbar antisemitischen Klischees die MeToo-Debatte kommentiert. Darf die Autorin deshalb zur Judenhasserin erklärt und von einem Literaturfestival ausgeladen werden? Oder sollte die künstlerische Freiheit über allem stehen? Ein Kommentar.

Lisa Eckhart mit ihrem Programm "Die Vorteile des Lasters" live in der Osnabrückhalle, 02/2020
Lisa Eckhart bei einem Auftritt 2020 Bildrechte: imago images/Future Image

Warum eigentlich schaffen es – um mal zwei große ihres Fachs zu nennen – Annamateur oder Helge Schneider, allein mit einem Hut auf dem Kopf oder einem Klavier vor der Nase, einen Saal zum Lachen zu bringen und trotzdem etwas von dieser Gesellschaft, vom Hier und Jetzt zu erzählen?

Und warum schaffen sie das, ohne beständig die zwei, drei vermeintlichen Tabus in ihre Texte mit reinzumischen, also hier was gegen die Juden, dort was gegen die Flüchtlinge – und dann noch 'ne kleine Dosis Sexismus dazu. Und warum müssen andererseits die, die unentwegt die Freiheit der Kunst beschwören, immer genau bei diesen vermeintlich politisch brisanten Themen landen? Obwohl doch Freiheit in der Kunst auch und gerade hieße: Rumspinnen, Neues machen, anstatt die immer gleichen Reiz-Themen einmal mehr mit einem dröhnenden Augenzwinkern einem Publikum zu verkaufen, dass dann – hoho – kennerisch mit dem Kopf wackelt: "Du traust dir ja was, und wir trauen uns auch was, weil wir darüber lachen."

Abgestandene Witze mit dünner Pointe

Nein, es ist nicht die Aufgabe der Kunst, Skandale zu produzieren, sie hat vielmehr die Chance, eingefahrenes Denken umzustoßen und miefige Sprach- und Gedankenklammern aufzuknacken. Als Lisa Eckhart die MeToo-Debatte kommentierte, mit der Bemerkung "nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen." – da war die Empörung in der Öffentlichkeit groß. Ist das judenfeindlich oder führt das im Gegenteil vor, wie Judenhass hierzulande oder anderswo funktioniert?

Es ist nicht die Aufgabe der Kunst, Skandale zu produzieren, sie hat vielmehr die Chance, eingefahrenes Denken umzustoßen.

Jörg Schieke, MDR KULTUR

Ehrlich gesagt, ich finde, das ist – ob nun mit oder ohne Gänsefüßchen, ob nun als Ironie markiert oder nicht – eine sehr dünne Pointe, eine auf "böse-Mädchen-in-der-Raucher-und-Kicher-Ecke"-Niveau. Ich habe Witze dieser Art schon hundertmal gehört, abgestandene Witze sind das, Witze am Stock sozusagen. Und sie wirken leider so gottverdammt kalkuliert und ausgefuchst, dass mich das kalte Grausen packt: Immer wieder reden wir über Texte, die allein damit kokettieren, dass sie eben an politischen Tabus rumkratzen und garantiert ein bisschen Entrüstung in den Medien provozieren. Die Muckibuden-Rapper machen es gern so, die ehrgeizigen Kabarettistinnen können es aber auch.

Ich habe Witze dieser Art schon hundertmal gehört und sie wirken leider so gottverdammt kalkuliert und ausgefuchst, dass mich das kalte Grausen packt.

Jörg Schieke, MDR KULTUR

Jetzt bitte noch mehr Aufmerksamkeit

Gerade erscheinen so viele neue gute Bücher von Leuten, die alles wagen und alles geben und dann, in diesen Zeiten ohnehin, um jedes Fitzelchen Aufmerksamkeit kämpfen müssen. Lisa Eckhart hat ja nun auch ein Buch geschrieben, und nach all dem Trara um ihre abgesagte Lesung wird dieses Buch wahrscheinlich stapelweise in die Buchhandlungen gekarrt werden. Vielleicht gibt's sogar einen Aufkleber auf den Umschlag: die umstrittene, die von Skandalen umwölkte, wow, die romanschreibende Kabarettistin, der man in Hamburg den Mund verbieten wollte.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. August 2020 | 16:20 Uhr