Wehrmachts-Unteroffiziert Walter (Jürgen Frohriep) begegnet der Jüdin Ruth (Sasha Krusharska). Weitere Fotos erhalten Sie auf Anfrage.
Wehrmachts-Unteroffiziert Walter (Jürgen Frohriep) begegnet der Jüdin Ruth (Sasha Krusharska) Bildrechte: MDR/PROGRESS FILMVERLEIH GmbH/Lotte Michailowa

Premiere vor 60 Jahren Warum Konrad Wolfs Film "Sterne" heute noch berührt

Er wird heute im Allgemeinen als der künstlerisch bedeutendste Regisseur der DEFA angesehen: Konrad Wolf. Auf sein Konto gehen Filme wie "Ich war neunzehn", "Der geteilte Himmel", "Solo Sunny" oder "Sonnensucher". Einem internationalen Publikum wurde er durch den Film "Sterne" ein Begriff – vor 60 Jahren wurde das Werk zum ersten Mal gezeigt.

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Wehrmachts-Unteroffiziert Walter (Jürgen Frohriep) begegnet der Jüdin Ruth (Sasha Krusharska). Weitere Fotos erhalten Sie auf Anfrage.
Wehrmachts-Unteroffiziert Walter (Jürgen Frohriep) begegnet der Jüdin Ruth (Sasha Krusharska) Bildrechte: MDR/PROGRESS FILMVERLEIH GmbH/Lotte Michailowa

Ein bulgarisches Städtchen im Zweiten Weltkrieg. Auch hier sind die Nazis gelandet. Einer davon ist Walter, ein Unteroffizier. Er gehört nicht zu denen, die an die Sache glauben, eher hat er sich eingerichtet in dem "Ich hab das alles nicht gewollt, aber was soll ich schon dagegen tun und ich muss zusehen, wo ich bleibe". Doch dann kommt Ruth, eine jüdische Gefangene. Für sie ist der Ort eine Zwischenstation auf dem tödlichen Weg nach Auschwitz. Walter lernt sie näher kennen, verliebt sich in sie. Und er beschließt zu handeln.

Ruth, Sie müssen sich retten, sie müssen fliehen. – Warum gerade ich? – Ich hatte nie die Fähigkeit, an alle Menschen zu denken, aber Ihnen muss ich helfen, es ist für mich sehr wichtig. – Für Sie? – Ja. Der Mensch muss manchmal etwas tun, um sich selbst zu beweisen, dass er kein Schwein ist. Helfen Sie mir, es zu tun?

Dialog aus dem Film "Sterne"

Doch nachdem Walter alles Nötige für die Flucht veranlasst hat, muss er erfahren, dass Ruth mit den anderen jüdischen Gefangenen abtransportiert worden ist. Er kann nur noch dem Zug hinterherlaufen. Ruth ist fort. Für immer.

Ehrliche, emotionale Hauptfigur

Die Premiere von "Sterne" findet im März 1959 statt. Konrad Wolfs Auseinandersetzung mit dem Holocaust gerät, trotz der grauenhaften Situation, sehr intim. Geradezu verhalten wirkt sein Film. Und mit Walter schafft er eine Figur, mit der die Identifikation leicht fällt. Man muss kein Kommunist, nicht ideologisch geschult sein, um so zu handeln wie er, sondern ein Mensch mit ehrlichen Gefühlen.

Eigentlich hasse ich die Menschen gar nicht. – Sie hassen sie nicht, aber sie haben Angst, sie zu lieben. – Angst? Jemanden lieben, das heißt, etwas für ihn zu tun. Oder wenigstens den Willen haben, etwas für ihn zu tun.

Dialog aus dem Film "Sterne"

Walter wird von Jürgen Frohriep verkörpert. Der Schauspieler gibt hier sein Filmdebüt und sagt damals, er habe bei der Gestaltung seiner Rolle kein Vorbild gehabt, jedenfalls kein direktes.

Er ist doch irgendwo ein sehr häufig auftretender Typ eines Menschen, etwas intelligent, aber auch etwas bequem, bequem gewissen Konsequenzen gegenüber, die ihm gestellt werden. Wir haben eben sehr viele Menschen davon rumlaufen, auch heute noch.

Schauspieler Jürgen Frohriep über die Figur Walter

Erfolgreich in Cannes

Konrad Wolf stellt am 25. Februar 1980 während der Berliner Filmfestspiele seinen Film "Solo Sunny" vor.
Konrad Wolf gilt als der künstlerisch bedeutendste Regisseur der DEFA. Bildrechte: dpa

"Sterne" entsteht als Koproduktion DDR/Bulgarien. Das ist nicht nur thematisch und ökonomisch relevant, sondern auch kulturpolitisch. In Zeiten des Alleinvertretungsanspruchs der Bundesrepublik und einer im Westen nicht anerkannten DDR hätte es ein Nur-DEFA-Projekt international sehr viel schwerer. So aber läuft der Film in Cannes bei den Festspielen, in der Schweiz während der Genfer Konferenz, in London, in Dänemark, in Finnland. "Und überall wurde der Film sehr, sehr positiv aufgenommen", erzählt Konrad Wolf.

Bei den Filmfestspielen in Cannes zählt "Sterne" sogar zu den erfolgreichsten Arbeiten, die Jury veleiht ihr den Sonderpreis. Und noch heute wird der nach dem Drehbuch des bulgarischen Autors Angel Wagenstein entstandene Konrad Wolf-Film unter Kritikern sehr geschätzt. "Sterne" – dieses zutiefst von Humanismus geprägte Werk kann man nur jedem, der es nicht kennt, empfehlen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 27. März 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2019, 04:00 Uhr

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