Sachbuch-Empfehlung Wie die Deutschen das Kriegsende erlebten

Der Historiker und Publizist Volker Ullrich beschreibt in seinem neuen Buch über die letzten "Acht Tage im Mai" die dramatischen Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs und stellt dabei die Frage: Wie erlebten die Deutschen, die in ihrer großen Mehrheit ihrem Führer so lange gefolgt waren, den Untergang ihres Landes?

Eine Frau geht in einer Straße in Dresden an Häusern vorbei, von denen nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Ruinen geblieben sind
Eine Frau in den Trümmern von Dresden 1945 Bildrechte: dpa

Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945 war es vollbracht. Mit der Kapitulation in Berlin-Karlshorst sollten die Waffen schweigen. Die Alliierten hatten Europa von der Terrorherrschaft der Nazis befreit. Dass auch die Deutschen befreit wurden, war eine Erkenntnis, die sich nach dem Krieg nur sehr langsam verbreitete. Bis zuletzt hatten die Deutschen in ihrer großen Mehrheit den Wahnsinn der Nazis mitgemacht. Wie brutal, wie sinnlos, zum Teil auch aberwitzig es in den letzten Kriegstagen zuging, erzählt der Hamburger Journalist und Historiker Volker Ullrich in seinem 317 Seiten starken Buch "Acht Tage im Mai", erschienen im März im Verlag C.H. Beck.

Persönliches von Marlene Dietrich und Klaus Mann

Ulrich eröffnet in seinem Buch ein ganzes Panorama persönlicher Erlebnisberichte. Es ist die Stärke des Buches, dass so viele zum Teil auch berühmte Zeitzeugen zu Wort kommen: Marlene Dietrich, Simon Wiesenthal oder Klaus Mann – alle drei Nazi-Gegner. Während andere wie Wernher von Braun, Helmut Schmidt oder Carola Stern auf ihre Weise mitgemacht hatten.  

"In den Erinnerungen vieler Deutscher stößt man auf ein Gemisch zwiespältiger Gefühle", schreibt Volker Ullrich. "Trauer über den Verlust geliebter Menschen. Über die verlorene Heimat. Aufatmen über das Ende des Krieges und der endlosen Bombennächte. Angst vor der Rache der Siegermächte und einer ungewissen Zukunft. Ein Gefühl der Leere nach so viel missbrauchtem Idealismus, so viel enttäuschter Glaubensbereitschaft."

Kaum Scham und Reue

Albert Speer mit Admiral Karl Dönitz
Albert Speer mit Admiral Karl Dönitz Bildrechte: imago images / teutopress

Nur auf eine Regung stoße man selten: Auf Scham und Reue angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus. Am weitesten davon entfernt ist die Führungs-Clique in Flensburg, die nach Hitlers Selbstmord, die Regierungsgeschäfte übernahm. An der Spitze Hitlers treuer Großadmiral, Karl Dönitz, der am 8. Mai die Kapitulation verkündet. Ein Kabinett von Verbrechern, die nach dem Krieg in Nürnberg – wenn sie Glück haben – zu Haftstrafen verurteilt werden, wie Dönitz selbst oder auch Rüstungsminister Albert Speer, Hitlers Liebling, der seinen Kopf erfolgreich aus der Schlinge zieht, indem er sich den Alliierten als ahnungsloser, im Nachhinein aber einsichtiger Technokrat präsentiert.

Die Auflösung des sogenannten "Tausendjährigen Reiches" vollzog sich in einem wahnwitzigen Tempo. Diese Dynamik fängt Volker Ullrich, ein, in dem er die Ereignisse Tag für Tag, Schauplatz für Schauplatz collagenartig aneinanderreiht: Der Tod Hitlers, die Schlacht um Berlin, der Untergang Breslau, das Bestreben der Wehrmacht, so viele Soldaten wie möglich über Elbe vor der Roten Armee zu retten und in die Hände der Amerikaner zu überführen. Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen durch Sowjet-Soldaten. Aber auch die Todesmärsche von Zehntausenden von KZ-Häftlingen durch Dörfer und Städte, wo Augenzeugen eine Ahnung vom Ausmaß der Nazi-Verbrechen bekamen.

Schnelles Ende und Verdrängung

Bei vielen hinterließ der dramatische Umbruch ein Gefühl der Fassungslosigkeit. "Das ist überhaupt eines der irritierendsten, ja frappierendsten Phänomene des Frühjahrs 1945, mit welch atemberaubender Schnelligkeit sich der Prozess der Abwendung vom Nationalsozialismus vollzog", erklärt Volker Ullrich im Interview. "Gleichsam über Nacht verschwanden die Symbole und Embleme seiner Herrschaft von der Bildfläche: Hitlerbilder, Parteiabzeichen, Hakenkreuzfahnen, das Führerbärtchen wurde abrasiert und Ausgaben von 'Mein Kampf' wurden verbrannt oder vergraben. Und hinterher behaupteten viele Deutsche, diese Schandschrift gar nicht gelesen zu haben."    

Porträt Victor Klemperer
Victor Klemperer Bildrechte: dpa

Die gewaltige Verdrängungsleistung der Deutschen setzt schon unmittelbar bei Kriegsende ein. "Jetzt ist jeder hier schon immer Feind der Partei gewesen!", notiert Victor Klemperer Anfang Mai sarkastisch in sein Tagebuch. Klemperer konnte aufatmeten. Jahrelang hatte der jüdische Professor aus Dresden seine Deportation fürchten müssen. Nach dem Bombenangriff am 13. Februar riss er den Juden-Stern von seinem Mantel und floh mit seiner Frau Eva nach Bayern, wo er den Einmarsch der Amerikaner erlebt.  

Für all die Verfolgten, für die Überlebenden der Konzentrationslager, für Millionen von Zwangsarbeitern, bedeutet das Kriegsende die Erlösung. 

Noch-einmal-davon-gekommen-zu-sein als vorherrschendes Gefühl

Zumindest erleichtert waren aber auch die meisten Deutschen, die das Regime über Jahre unterstützt hatten. Sie waren froh, dass nicht mehr geschossen wurde; froh, dass die Bombennächte ein Ende hatten. Was aber war der mentale Zustand der Deutschen? Millionen hatten ihre Heimat verloren, Millionen hausten obdachlos in den zerbombten Städten, Millionen hatten Traumatisches erlebt. Viele reagierten mit Selbstmitleid: "Kein Volk der Erde habe Schlimmeres erlebt", hieß es vielfach. Die meisten unserer Großeltern oder Urgroßeltern betrieben jedoch eine Art Flucht nach vorn und machten sich mit einer unglaublichen Zielstrebigkeit daran, das Land wieder aufzubauen. Sicher war das Motiv für diese ungeheure Arbeitswut, über die das Ausland nur staunen konnte, der unbedingte Wille das Vergangene hinter sich zu lassen.

Unwahrscheinlicher Neuanfang

Volker Ullrich: Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches
Volker Ullrich "Acht Tage im Mai" Bildrechte: C.H.Beck

Anpacken wollten viele Deutsche auch beim Aufbau einer besseren gesellschaftlichen Ordnung. Politiker der Nachkriegsgeschichte wie Konrad Adenauer, Kurt Schumacher, Theodor Heus – aber auch Walter Ulbricht stellen in diesen letzten Kriegstagen schon die Weichen für die Zukunft, wie Volker Ullrich aufzeigt. Noch während das Alte versinkt, beginnt ein neues, zu weiten Teilen gutes und erfolgreicheres Kapitel deutscher Geschichte.      

"Man muss sich das Ausmaß der Verheerungen, der materiellen wie der moralischen, vor Augen halten, um zu begreifen wie unwahrscheinlich dies am 8. Mai 1945 erschienen musste und welche Errungenschaft es bedeutet, heute in einem stabilen, freiheitlichen und friedlichen Land leben zu können", resümiert Volker Ullrich am Ende des Buches nachdenklich. "Vielleicht ist es an der Zeit daran zu erinnern."

Mehr Informationen Volker Ullrich
"Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches"
erschienen im Februar 2020 bei C.H. Beck
ISBN 9783406749858
Gebunden, 317 Seiten, 24 EUR

Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Mai 2020 | 07:10 Uhr