George Pelecanos
George Pelecanos wird in den USA längst als einer der größten Gegenwartsautoren gefeiert. Bildrechte: IMAGO

Buchtipp "Hard Revolution" - das Opus Magnum von George Pelecanos

"Seine Bücher brennen sich ins Hirn wie keine anderen", schrieb die Washington Post. Der amerikanische Kriminalautor George Pelecanos ist in den USA einer der ganz Großen, in Deutschland ist er bisher nur einer Schar von eingefleischten Fans bekannt. Hier erschienen bisher Romane wie "Das große Umlegen", "King Suckerman", "Eine süsse Ewigkeit" und Romane um den Detektiv Derek Strange. Nun gibt es einen neuen Pelecanos, den vielleicht besten und wichtigsten: "Hard Revolution".

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Kritiker

George Pelecanos
George Pelecanos wird in den USA längst als einer der größten Gegenwartsautoren gefeiert. Bildrechte: IMAGO

Es scheint zweiter und dritter Anläufe zu bedürfen, um ein paar der  ganz großen amerikanischen Spannungsautoren am deutschen Markt zu platzieren. Bei Don Winslow war das ebenso schwierig wie bei Ross Thomas, bei Dennis Lehane hat es gedauert, und auch bei James Ellroy. Nur der vielleicht Beste von allen, George Pelecanos, wird beständig weiter gereicht.

Der griechischstämmige Autor, Jahrgang 1957, wuchs in Washington D.C. auf. Seine Protagonisten haben oft griechische Wurzeln, ihre Namen verraten das sofort. Pelecanos wird in den USA als großer Gegenwarts-Autor gefeiert. Und schon vorweg: "Hard Revolution" ist sein Opus Magnum. Held des Romans ist Derek Strange, ein Mann, den Pelecanos-Leser als Privatdetektiv aus den Büchern "Schuss ins Schwarze" und "Wut im Bauch" kennen. "Hard Revolution" spielt im Washington des Jahres 1968. Strange ist Anfang 20 Jahre alt und Polizist – einer, dessen Weltbild von den Westernfilmen seiner Zeit geprägt ist von der aufrechten Erziehung seiner Eltern: einer Putzfrau und eines Imbiss-Angestellten. Die Handlung läuft vor dem Hintergrund der Bürgerrechtsbewegung und den Ideen von Martin Luther King.

Der amerikanische Führer der Schwarzen, Dr. Martin Luther King, winkt am 28.08.1963 von der Lincoln Gedächtnisstätte in Washington den Demonstranten zu.
Der amerikanische Führer der Schwarzen, Dr. Martin Luther King, winkt am 28.08.1963 von der Lincoln Gedächtnisstätte in Washington den Demonstranten zu. Bildrechte: dpa

Für viele hatte es den Anschein, als wäre das Versprechen der Bürgerrechtsbewegung gebrochen worden. Und wenn das Getto von seinen Bewohnern als seine Art Gefängnis gesehen wurde, dann waren die Polizeibeamten für sie die Gefängniswärter. Diese Wahrnehmung wurde noch dadurch verschärft, dass in Washington D.C. ungefähr drei Viertel aller Bürger schwarz und vier Fünftel aller Polzisten weiß waren.

Auszug aus dem Roman "Hard Revolution"

Nebenbei gibt es noch Platten-Empfehlungen

Pelecanos Stil ist lakonisch, geschult durch sein großes Vorbild Elmore Leonard. Und Pelecanos nimmt sich Zeit für seine Charaktere, beschreibt sie akribisch. Wer Thrill und Action liebt, ist bei ihm falsch. Überhaupt gibt es wiederkehrende Topoi in den Büchern Pelecanos, egal ob man die Derek Strange-Romane liest oder die um Nick Stefanos oder die Washington-Noir-Trilogie. Populäre Musik spielt darin eine ebenso große Rolle wie die verqueren Biographien von Junkies, Prostituierten und Kleinkriminellen. Immer läuft irgendwo ein Leben aus dem Ruder, die Armut der sozial Schwachen ist eher der Grund für ein Verbrechen als Neid und Habgier. Auch für Derek Strange spiellt Musik eine große Rolle, zunächst der schmutzige Sound von Link Wray, später Soul von den Labels Stax, Volt und Motown:

Er kaufte sich nur Alben, bei denen er spürte, dass sie zeitlos waren, von denen er annahm, dass er sie sich noch in dreißig Jahren anhören würde: Otis Blue und "The Great Otis Redding Sings Soul Ballads", Arethas "I never loved a man the way I loved you" und das komplette Album, das alle schwarzen Brüder und Schwestern in seinem Umfeld zu besitzen schienen: James Browns legendäres "Live at the Apollo".

Auszug aus dem Roman "Hard Revolution"

Wenn Pelecanos über Soul schreibt, dann erinnert das auch an Jonathan Lethems "Festung der Einsamkeit". Derek gibt sein Geld für seine Anlage, Schallplatten, Kinobesuche und seine kleine Wohnung aus – ganz anders als sein Bruder Dennis, der mit zwielichtigen Typen abhängt und Drogen nimmt.

Ein Nationalgardist steht 1968 vor der Ruine eines zerstörten Hauses, nach der Ermordung Martin Luther Kings.
Nach der Ermordung des Bürgerrechtsaktivisten Martin Luther Kings herrschten in Washington D.C. Bürgerkriegsähnliche Zustände. Bildrechte: IMAGO

Einer der besten Dialogschreiber der amerikanischen Gegenwartsliteratur

George Pelecanos: Hard Revolution
George Pelecanos: Hard Revolution Bildrechte: Ars Vivendi

Dann wird ein schwarzer Junge überfahren. Dennis Freunde wollen einen Laden überfallen und am Ende wird Dennis ermordet, weil er den Plan verrät. All das erzählt Pelecanos atmosphärisch dicht. Und doch: Ein echter Pelecanos zeichnet sich auch dadurch aus, dass der Autor uns noch nicht alles erzählt über seinen Helden. Ohne Geheimnisse, die nach und nach gelüftet werden und sich auch dann noch nicht ganz entblättern, funktioniert das Genre nicht.

Nebenbei ist Pelecanos noch einer der besten Dialogschreiber amerikanischer Gegenwartsliteratur. Er hat ein paar Folgen der Serie "The Wire" geschrieben, die als eine der besten Polizeiserien aller Zeiten gefeiert wird. "Hard Revolution" ist ein großer Gesellschaftsroman über die bürgerkriegsähnlichen Zustände 1968 und über die Folgen der Ermordung Martin Luther Kings, an dessen Ende nichts mehr ist wie am Anfang. Auch für Derek Strange, der bei der Polizei keine Heimat mehr hat.

Angaben zum Buch: George Pelecanos: "Hard Revolution"
Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein
erschienen bei Ars Vivendi
399 Seiten, 24 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 27. Februar 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2018, 00:00 Uhr

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