Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera.
Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera. Bildrechte: Ronny Ristok

Rezension Premiere des Musical-Klassikers "Cabaret": So sexy kann Altenburg sein

Das Theater in Altenburg zieht vorrübergehend in ein Zelt – und bietet zum Start in die neue Spielzeit 2019/2020 den Musical-Klassiker "Cabaret". Unseren Kritiker hat die Premiere insgesamt überzeugt – trotz langweiliger Regiearbeit.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera.
Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera. Bildrechte: Ronny Ristok
Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera. 7 min
Bildrechte: Ronny Ristok
Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera. 7 min
Bildrechte: Ronny Ristok

Der Musical-Klassiker "Cabaret" ist bestens bekannt aus der Hollywood-Produktion mit Liza Minelli. Jetzt tritt das Theater Altenburg-Gera in die Fußstapfen des großen Vorbilds. Zu sehen ist die Thüringer Inszenierung in einem Zirkuszelt am Rande der historischen Innenstadt Altenburgs, da das Theatergebäude im Vorfeld seines 150. Jubiläums bis 2021 saniert wird. Das Zelt kommt ganz ohne Manege aus, ist aufgebaut wie eine klassische Bühne und funktioniert akustisch bestens. Auch die Sicht ist gut von den 400, auf einer steil ansteigenden Tribüne eingerichteten, bequemen Plätzen.

Sängerisch, tänzerisch, optisch überzeugend

Die Musical-Premiere war auch sängerisch und tänzerisch absolut überzeugend. Unterstützt wird das Schauspielensemble vom Nachwuchs des Thüringer Staatsballetts. Gleich mit dem Einstieg zeigt Manuel Struffolino als großartiger Conferencier mit den "Kit-Kat-Girls", wo hier der Hammer hängt. Da wird keine erogene Zone ausgelassen – und bewiesen: Auch Altenburg kann sexy und verrucht sein. Und auch wenn man mitunter wenig anhat – die Kostüme von Bianca Deigner sind aufwendig und vom Feinsten. Auch das Bühnenbild von Matthias Rümmler ist opulent – in dieser Beziehung nehmen sich "Babylon Berlin" und Altenburg nicht viel.

Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera.
Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera. Bildrechte: Ronny Ristok

Vorsicht: Kitschalarm

Das Stück ist aber auch ein politisches: Es illustriert den aufkommenden Nationalsozialismus; das langsame Umschwenken in den Haltungen der Menschen damals. Mit dieser Thematik umzugehen, ist die große Kunst des guten Musicals. Den Glamour, das nicht-realistische Singen und Tanzen in den schauspielerischen Szenen dann wieder in Realismus umschlagen zu lassen.

Vor allem im ersten Teil spielt man teilweise sehr operettenhaft, mit kaum einem wahrhaftigen Ton in der Sprache. Dieses Umschalten auf den "Normalmenschenmodus" gelingt dabei nicht immer. Da muss man wirklich sagen: Vorsicht Kitschalarm. Hier wird auf dem Vulkan getanzt, nicht um den Wolfgangsee. Wobei der zweite Teil nach der Pause dann durchaus auf die Fallhöhe zusteuert, die er braucht.

Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera.
Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera. Bildrechte: Ronny Ristok

Keine mutige Regiearbeit

Regisseurin Lydia Bunk neigt bei aller handwerklichen Güte doch eher zum klassisch-frontalen Geschichtsunterricht. Sie ist eine Art Märchenerzählerin aus alter-böser Zeit. Aber das Theater sollte dann doch, um im Bilde zu bleiben, eher intelligente Gesellschaftskunde für ein heutiges Publikum sein. Das leistet der Abend nicht. Er guckt ins Geschichtsbuch und wir sehen, was wir wissen – und wofür wir uns schämen müssen. Aber so, wie auch das Leben weitergeht, kann kluges Regietheater ein altes Stück wie dieses auch mal ins Hier und Heute denken – nicht nur um Angst, sondern auch, um Hoffnung zu machen. Wann war beispielsweise Berlin so weltoffen wie heute? So weit wagt man sich nicht.

Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera.
Szene aus dem Musical "Cabaret" im Theater Altenburg-Gera. Bildrechte: Ronny Ristok

Mehr Informationen: "Cabaret" im Theaterzelt Altenburg
Musical
Buch von Joe Masteroff
Nach dem Stück "Ich bin eine Kamera" von John van Druten und
Erzählungen von Christopher Isherwood, Gesangstexte von Fred Ebb, Musik von John Kander, Deutsch von Robert Gilbert
In der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker (1997)

Regie: Lydia Bunk
Musikalische Leitung: Olav Kröger

Ab 15 Jahren

Termine:
10. September 2019, 18:00 Uhr
13. September 2019, 19:30 Uhr
14. September 2019, 19:30 Uhr
15. September 2019, 18:00 Uhr
9. November 2019, 19:30 Uhr
10. November 2019, 18:00 Uhr

MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. September 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2019, 10:33 Uhr

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